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Das Bayreuth von Neukölln

»Die lustigen Weiber von Windsor« bieten einen vergnüglichen Opernabend in Britz

Der Bus hält an einer großen Kreuzung. Links ist ein Gewerbegebiet, rechts stehen gesichtslose Wohnblocks. Die wenigen Passanten unterschiedlicher Herkunft haben vom Schloss Britz noch nie gehört. Dabei schmiegt sich dessen Park direkt an die Hauptstraße. Hundert Meter weiter, auf der Kopfsteinpflaster-Allee von Alt-Britz, fühlt man sich wie auf dem Lande.

Den Gutsteich beschallt ein einsamer Trinker mit Rockmusik. Gegenüber steht das Schloss, ein prächtiges Herrenhaus aus dem 18. Jahrhundert. Daneben der Gutshof, dessen Kuhstall, ein riesiger Ziegelbau, zum »Kulturstall« ausgebaut wurde. Hier geht das Festival Schloss Britz über die Bühne, das die Werbeagentur der Stadt Berlin als das »Bayreuth von Neukölln« anpreist.

So multikulturell wie die Neuköllner Straßenszenerie wirkt die Veranstaltung allerdings nicht. Das am Freitag anwesende Premierenpublikum entstammt offenbar eher alteingesessenen bürgerlichen Kreisen.

Mit »Die lustigen Weiber von Windsor« hat die Musikschule Neukölln, die das Festival veranstaltet, eine Rarität ausgegraben: die Vertonung der Shakespeare-Komödie durch den Wiener Komponisten Carl Ditters von Dittersdorf, der zu Lebzeiten mit seinen vierzig Opern erfolgreicher als sein Zeitgenosse Mozart war. Die letzten Jahre verbrachte Dittersdorf als Hofkapellmeister im schlesischen Oels, wo die »Lustigen Weiber« 1796 uraufgeführt wurden.

Im Mittelpunkt des Stücks steht Sir John Falstaff, der seine Wirkung auf die Frauen maßlos überschätzt. Gleich zweien, Madam Wallauf und Madam Ruthal, verspricht er die Ehe, um an ihr Geld zu kommen.

Nun ist der Falstaff eigentlich ein fetter, alter Lustmolch. Daher wirkt der junge Deutsch-Afroamerikaner Tye Maurice Thomas, der seine Rasta-Haarpracht schüttelt und im Netzhemd schlanke Arme zeigt, in der Rolle optisch nicht ganz stimmig. Obwohl ihm die Regisseurin Tatjana Rese einen dicken Rucksack als Kunst-Bauch um den Leib geschnallt hat.

Doch Thomas agiert zu schwerfällig fürs Komödienfach. Zwar ist sein Bariton klangschön und äußerst kräftig, doch immer wieder schleppt der Sänger im Tempo.

Die Ausgrabung dieser Dittersbach-Oper ist ein Roman für sich: Die Partitur, die in der Sächsischen Landesbibliothek liegt, erlitt während des Zweiten Weltkriegs schwere Wasserschäden. Vor ein paar Jahren rekonstruierte ein bayerischer Gymnasial-Musiklehrer die Noten in mehrmonatiger Puzzlearbeit, um das Stück mit seinen Schülern aufzuführen. In Britz kommt die reparierte Fassung nun zum zweiten Mal auf die Bühne.

Dittersbach komponierte handwerklich solide und mit feinem Gespür für Theatereffekte. Im »Kulturstall« ist das Orchester, das vorwiegend aus Lehrern der Neuköllner Musikschule besteht, hinter der Bühne platziert. Stefan R. Kelber, der die Streicherabteilung an der Musikschule leitet, dirigiert das kleine Ensemble einfühlsam und engagiert. Der Ideenreichtum und melodiöse Liebreiz der Musik kommen schön zur Geltung.

Bereits 2003 hat die Neuköllner Musikschule das Gut Britz als Aufführungsort entdeckt. Der damalige Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky ließ dann ein Gesamtkonzept auf dem Gelände erstellen: Die Musikschule zog ins Gutsverwalterhaus; der Kuhstall wurde zum Konzertsaal ausgebaut; im Pferdestall befindet sich jetzt ein Museum; Schweizerhaus und Ochsenstall dienen der Gastronomie.

Zum Landpartie-Gefühl trägt auch Tatjana Reses kurzweilige, phantasievolle Inszenierung bei, die schlichte Mittel einfallsreich einsetzt. Das grüne Podest verweist auf den englischen Rasen; weiße Paravents bilden die Kulissen. Als Requisiten dienen Wäscheleinen und -körbe, muss sich doch Falstaff schon bei Shakespeare im Wäscheberg verstecken.

Erfreulich war das amüsant eingekleidete Sängerensemble, das spielfreudig zwischen Rollen und Geschlechtern wechselt. Allen voran Katharina Ajyba mit frischem Sopran, sicherer Koloratur und komödiantischem Talent, die mal den Liebhaber Warnek als Hosenrolle verkörperte, dann wieder spöttisch, durchtrieben und kokett die Madam Ruthal gab.

Andrea Chudak überzeugte in der Rolle der verzagten Madam Wallauf, obwohl ihr Sopran ein wenig heiser wirkte. Andreas Post lieh seinen geschmeidigen lyrischen Bariton mal der verliebten Tochter Luise, dann dem krankhaft eifersüchtigen Herrn Wallauf. Köstlich auch der Schauspieler Hans Piesbergen als Falstaffs Hauswirtin: eine lüsterne Megäre mit feuerrotem Haar, üppigem Mieder und dicker Zigarre.

Das Publikum bot immer wieder Szenenapplaus und war am Ende begeistert. Als man den »Kulturstall« verlässt, riecht es nach Pferd.

Weitere Vorstellungen: 1. bis 3. September. www.festival-schloss-britz.de

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