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Ver.dis Dilemma

Johannes Schulten über niedrige Tarifabschlüsse im Einzelhandel

  • Von Johannes Schulten
  • Lesedauer: 2 Min.

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Wirklich überrascht hat es am Ende niemanden mehr. Am Dienstag hat auch der ver.di-Verhandlungsbezirk Nordrhein-Westfalen die intern stark kritisierte Tarifeinigung für den Einzelhandel übernommen. Damit ist die Tarifrunde für 3,4 Millionen Beschäftigte praktisch beendet. Baden-Württemberg, hinter Nordrhein-Westfalen das mitgliederstärkste Bundesland, hatte bereits Ende Juli einen Abschluss unterschrieben - und damit Fakten geschaffen. Wenig überraschend war auch die Empörung an der Basis.

Dabei scheint es gar nicht so sehr das Ergebnis an sich zu sein, das die Streikenden auf die Palme bringt. 2,3 Prozent mehr Lohn wird es rückwirkend ab Juli geben, ab Mai 2018 kommen weitere zwei Prozent hinzu. Bedenkt man, dass sich die Reallöhne der Branche 2015 auf dem Niveau von 1991 befanden, ist das wenig berauschend. Allerdings liegt ver.di mit dem Ergebnis nur knapp hinter dem durchschnittlichen Wachstum der Tariflöhne in Deutschland. Die Wut erklärt sich viel mehr aus der extremen Fallhöhe zwischen Forderung und Abschluss. Erreicht werden sollten nämlich ganze sechs Prozent, dazu ein tariflicher Mindestlohn von 1900 Euro. Das hat sich als naiv herausgestellt. Im Einzelhandel zu streiken, ist ein Risiko. Dass gesamte Belegschaften »auf die Straße gehen«, ist die Ausnahme. Viele, die sich beteiligt haben, fühlen sich nun verheizt.

Ver.di steckt in einem Dilemma. Um die Basis zu mobilisieren, braucht es hohe Forderungen. Gleichzeitig wissen alle Beteiligten, dass sich diese nicht durchsetzen lassen. Sogar dem kampferprobten Bezirk Nordrhein-Westfalen gelang es an den Aktionstagen kaum, mehr als 3000 Streikende zur zentralen Kundgebung zu mobilisieren. In NRW arbeiten über 700.000 Einzelhandelsbeschäftigte. Hinzukommt die Schwäche des Unternehmerverbandes HDE. Der hat Mühe, seine Mitglieder zusammenzuhalten. Wem ein Abkommen nicht gefällt, droht mit Austritt. Das macht die Verhandlungen nicht einfacher.

Ver.di muss sich aber auch an die eigene Nase fassen. Tarifverhandlungen im Einzelhandel werden traditionell autonom von regionalen Tarifkommissionen geführt. Die Folge: Es mangelt an Koordination. Sowohl bei den Forderungen als auch beim Arbeitskampf. Bundesweite Aktionstage gab es in diesem Jahr genauso wenig wie eine Konzentration der Streiks auf einzelne, gut organisierte Unternehmen. Durch den vorzeitigen Abschluss von Baden-Württemberg fehlte den anderen Tarifbezirken einer ihrer stärksten Mitstreiter.

Was tun? Eine bessere Koordinierung ist unvermeidlich. Doch strukturelle Probleme bleiben: Mitgliederwerbung ist in der kleinbetrieblich und verstärkt gewerkschaftsfeindlich geprägten Branche personalintensiv. Personal, das der Fachbereich 12 nicht hat. Hier ist ver.di gefragt. Will die Multibranchengewerkschaft Erfolg haben, braucht es mehr (finanzielle) Solidarität aus anderen, besser aufgestellten Ressorts.

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