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Es sind noch 4636 Lehrstellen frei

Arbeitsagentur rät jungen Berlinern, sich im Umland der Hauptstadt umzuschauen

  • Von Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 3 Min.

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In seiner syrischen Heimat hat Mohammed Katta Telekommunikationstechniker gelernt. Doch sein Berufsabschluss wurde in Deutschland nicht anerkannt, bedauert der 29-Jährige, der vor genau zwei Jahren und zwei Monaten mit seiner Frau und der heute vierjährigen Tochter in Deutschland ankam - nach einer Flucht auf der Balkanroute mit mehreren heimlichen Grenzübertritten, für die er Schlepperbanden bezahlen musste. In seiner mittlerweile vom Bürgerkrieg schwer zerstörten Heimatstadt Aleppo hatte Mohammed Katta für seine junge Familie schon etwas erreicht. In Berlin müsse er nun wieder bei Null anfangen, bedauert er. Noch einmal bei Null anfangen will er dann aber nicht. Das bedeutet: Er möchte für immer bleiben.

An diesem Freitag beginnt Mohammed Katta beim ABB-Konzern in Berlin-Pankow eine Lehre als Mechatroniker. Unmittelbar zuvor hat er eine sechsmonatige Einstiegsqualifizierung absolviert, dabei ein bisschen Drehen und Fräsen gelernt. »Das hat mir sehr geholfen, einen Ausbildungsplatz zu finden«, sagt Katta.

In Berlin haben 6264 Bewerber zum Beginn des Ausbildungsjahres immer noch keine Lehrstelle gefunden. Bloß 4606 Ausbildungsplätze sind hier noch frei. Erfahrungsgemäß werden noch bis in den Oktober hinein Lehrverträge abgeschlossen, weiß Bernd Becking, Regionaldirektionschef der Arbeitsagentur. »Wir sind in der 80. Minute. Das Spiel läuft noch. Im Fußball werden in den letzten zehn Minuten und in der Verlängerung noch viele Tore geschossen«, macht Becking mit einem Bild aus der Sportwelt Mut. Er appelliert wieder einmal an die Unternehmen: »In Berlin muss mehr ausgebildet werden.« Leider haben solche Appelle bislang noch nicht so viel gebracht, bedauert Becking. Insgesamt sank die Zahl der Lehrstellen sogar leicht, zuletzt um 22 auf 15 715.

Darum rät Becking den Jugendlichen: »Die S-Bahnen fahren nicht nur nach Berlin herein, sondern auch in die umgekehrte Richtung.« In Brandenburg sind aktuell 4636 Lehrstellen frei, denen nur 3882 noch unversorgte Bewerber gegenüber stehen. Viele kleinere Firmen können bestimmte Ausbildungsinhalte selbst überhaupt nicht oder nicht in der erforderlichen Qualität abdecken. Doch für solche Fälle kann ein Ausbildungsverbund gebildet werden. So geschah es im ABB-Ausbildungszentrum an der Pankower Lessingstraße. Dort werden 740 junge Menschen in 23 verschiedenen Berufen der Metall- und Elektrobranche ausgebildet. Wie Geschäftsführer Gerd Woweries erläutert, nicht nur für den ABB-Konzern, sondern auch für 150 andere Firmen in Berlin und Brandenburg.

Ein Beispiel dafür ist die 22-jährige Celina Trölitzsch, eingestellt vom Schienenfahrzeughersteller Stadler als Industriemechanikerlehrling. Die alleinerziehende Mutter hat zwei Söhne. Die Zwillinge sind dreieinhalb Jahre alt. Um 6.30 Uhr früh muss Celina Trölitzsch im ABB-Ausbildungszentrum antreten, zur Frühschicht bei Stadler sogar um 6 Uhr erscheinen. Da hat die Kita noch nicht einmal geöffnet. Wenn ihre Eltern nicht helfen würden, ginge es überhaupt nicht, erzählt die 22-Jährige. Das ist nicht ihr einziges Problem. Nachhilfe nachmittags in der Berufsschule könne sie nicht in Anspruch nehmen, da sie sich ja um die Zwillinge kümmern müsse. An dieser Stelle schaltet sich Becking ein. Von den Schwierigkeiten, die alleinerziehende Lehrlinge mit den Öffnungszeiten der Kitas haben, hörte der Regionaldirektionschef neulich schon von einer jungen Frau aus der Gebäudereinigung. Seine Untergebenen sollen einmal prüfen, ob etwa die Nachhilfe nicht unbürokratisch zu anderen Uhrzeiten erteilt werden könne, und wenn es als Einzelunterricht geschehe. Was dafür investiert werden müsste, würde sich amortisieren, wenn die jungen Mütter ihre Ausbildung schaffen und eine qualifizierte Beschäftigung finden, denkt Becking.

Auch für Männer ist ein Beruf wichtig. Der 28-jährige Iraker Talal Hamo lebt seit acht Jahren in der Bundesrepublik und hatte immer nur Aushilfsjobs. Jetzt beginnt er eine Ausbildung bei der Arbeitsagentur. »Sonst würde ich immer Aushilfskraft bleiben«, hat er erkannt.

Auch dem Syrer Katta ist die Ausbildung zum Mechatroniker wichtig, und das nicht allein, um den Unterhalt seiner Familie verdienen zu können. »Deutschland hat mir etwas gegeben, und ich möchte etwas zurückgeben mit meiner Arbeit.«

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