Keine revolutionäre Situation

3000 Wahlplakate der DKP hängen in Berlin

  • Von Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 5 Min.
Sie haben die Wahl. Im Wahllokal und bei ihrer Lieblingszeitung. Damit das so bleibt: Linken Journalismus bitte bezahlen!
Kampf ohne Machtbekenntnis

Was soll das hier?

Linker Journalismus – das ist der Luxus, zur Bundestagswahl nicht nur die überall gleichen Agenturmeldungen zu lesen, sondern das Koalitionsgerangel aus einer linken Perspektive kritisch zu beobachten und zu beurteilen. Wir zahlen Reportern einen korrekten Lohn, recherchieren aufwendig für profunde Hintergründe, sprechen mit unabhängigen Experten. Das alles kostet Geld. Wenn Ihre persönliche Lage es zulässt, freuen wir uns deshalb, wenn Sie die Lektüre dieses Textes mit einem frei gewählten Obolus honorieren – oder unser Blatt gleich gedruckt oder online abonnieren!

  • Wählen Sie ein Abo:

    • Online-Abo
    • Kombi-Abo
    • Print-Abo
    • App-Abo
    Lesen Sie das »nd« wo und wann Sie wollen. Mit dem Online-Abo erhalten Sie Zugang zu allen Artikeln in elektronischer Form auf unserer Webseite und dazu das nd-ePaper. Zum Online-Abo
    Mobil, kritisch und mit Links informiert:
    neues deutschland als ePaper – und am Wochenende im Briefkasten!
    Prämie: Das nd-Frühstücksbrettchen. Der Wegbegleiter für den Start in den Tag.
    Zum Kombi-Abo

    Lesen Sie das »nd« wo und wann Sie wollen. Mit der nd-App erhalten Sie Zugang zur Zeitung in elektronischer Form als App optimiert für Smartphone und Tablet.

    Die nd-App gibt es für iOs und Android.

    Zum App-Abo
  • Per Überweisung:

    Stichwort: nd-paywall

    Berliner Bank
    IBAN: DE11 1007 0848 0525 9502 04
    SWIFT-CODE (BIC): DEUTDEDB110

    Per Paypal

    PayPal

    Per Sofortüberweisung

    Sofortüberweisung

    Ich habe bezahlt.

  • Ich beteilige mich mit einer regelmäßigen Zahlung

    Wir freuen uns sehr, dass Sie zu dem Entschluss gekommen sind: Qualitätsjournalismus zur Stärkung einer Gegenöffentlichkeit von links ist mir etwas wert!

    Mit ihrem solidarischen Beitrag unterstützen Sie linken unabhängigen Qualitätsjournalismus. Und: Sie unterstützen die Menschen, die sich selbst ein Abo nicht leisten können. Wir sind der Ansicht, dass Journalismus für möglichst alle zugänglich sein soll – deshalb bieten wir einen großen Teil unserer Artikel gratis zum Lesen und teilen im Netz an. Aber nur Dank der Abonnements und Zahlungen vieler Leserinnen und Leser können wir jeden Tag eine Zeitung produzieren: Gedruckt, als Onlineausgabe und als App.

    Turnus

    Minimum 5 Euro/Monat

    Meine Bankdaten

    Persönliche Angaben

    *Pflichtfelder
     
     
  • Ich bin schon Abonnent
    Login

    Passwort vergessen?

  • Jetzt nicht ...
Die Klassiker Marx und Engels stehen hinter Natke – als Bücher im DKP-Büro.
Die Klassiker Marx und Engels stehen hinter Natke – als Bücher im DKP-Büro.

In Berlin hat die Deutsche Kommunistische Partei (DKP) einen Arbeiter auf Platz eins ihrer Landesliste gesetzt, einen Bauarbeiter. Stefan Natke, 59 Jahre alt, von Beruf Zimmermann. Die für sein Handwerk typische Kluft mit Zimmermannsnadel trägt er stolz. Auf Baustellen bekommt es Natke oft mit Kollegen zu tun, die rechte Ansichten vertreten. Bei Zimmerleuten sind solche Ansichten seltener, bei Maurern aber häufig. Natke diskutiert dann mit diesen Kollegen. Sie zu überzeugen, ist sehr schwer, da sie sich von Argumenten kaum beeinflussen lassen.

Der Antifaschismus in der DDR werde, um das gesamte sozialistische Erbe zu delegitimieren, als verordnet diffamiert, sagt Natke. »Doch mit Antikommunismus ist Faschismus nicht zu besiegen. Meines Erachtens ist es heute nötig, antifaschistische Positionen wieder offensiver zu vertreten. Für mich gehört dazu, konsequent die Systemfrage zu stellen.« Darum kandidiere er für die DKP, erklärt der Zimmermann.

Mitglied ist er bereits seit 1978, obwohl er nicht aus einem kommunistischen Elternhaus stammt. Sein Vater wählte die SPD, war aus der DDR in den Westen gegangen - allerdings nichts aus politischen Grünen, sondern weil er zu seiner kranken Mutter wollte.

So kam es, dass Stefan Natke im Rheinland geboren wurde und auch dort aufwuchs. Den Wehrdienst hat er nicht verweigert. Er ging zur Bundeswehr, um dort unter den Wehrpflichtigen politisch zu arbeiten, wie es die DKP-nahe Sozialistische Deutsche Arbeiterjugend (SDAJ) seinerzeit ihren Mitgliedern empfahl. Undercover sammelte Natke unter den Kameraden 90 Erstunterzeichner für die kritische Studie »Soldat ’80« des illegalen Arbeitskreises Demokratischer Soldaten. In Uniform trat er bei einer Pressekonferenz zur Präsentation der Studie in Bonn auf. Aufgeklärt wurde dabei über rechte Umtriebe bei der Truppe - ein heute noch bestehendes Problem. Außerdem positionierte sich der Arbeitskreis gegen den NATO-Doppelbeschluss zur Stationierung von Atomraketen. Von Feldjägern sofort verhaftet, verbrachte Natke einige Monate hinter Gittern. Dann ging er in die DDR, studierte an der FDJ-Jugendhochschule am Bogensee, hörte dort unter anderem Geschichtsvorlesungen bei Dagmar Enkelmann.

Enkelmann ist heute Vorsitzende der linksparteinahen Rosa-Luxemburg-Stiftung. Sie hat ihr Büro im nd-Gebäude am Franz-Mehring-Platz, wo auch die Berliner DKP ihre Zentrale unterhält. Hier treffen sich der Student von einst und seine damalige Dozentin immer mal wieder zufällig auf dem Flur. Warum er heute noch in der DKP ist? »Weil ich alles ernst genommen habe, was mir Dagmar Enkelmann seinerzeit beigebracht hat«, bemerkt Natke lächelnd.

In der DDR ist er nicht bis 1989 geblieben. Im Solidaritätsdienst ging er nach Kuba und Nicaragua, lebte anschließend auch eine Weile im spanischen Teil des Baskenlandes. Er ist die ganze Zeit Bundesdeutscher geblieben. Wenn er über die DDR redet, sagt er trotzdem Sätze wie: »Wir haben Fehler gemacht.« So als sei er DDR-Bürger gewesen - und nach seiner Sichtweise war er das auch, »im Herzen immer«, wie er betont. Wer an einer ehrlichen Aufarbeitung der DDR-Geschichte interessiert sei, mit dem rede er gern und lange. Doch mit dem Klassenfeind diskutiere er darüber nicht, sagt er. Dafür sei ihm seine Zeit zu schade.

Bei der Bundestagswahl 2013 war die DKP in Berlin nur im Bezirk Mitte mit der Direktkandidatin Tunia Erler angetreten, die 261 Stimmen erhielt. Bei der Wahl 2009 hatte die DKP in ganz Berlin 1894 Stimmen bekommen. Das waren 0,1 Prozent der abgegebenen Stimmen. Mit ihrem bescheidenen Etat kann die DKP in der Hauptstadt lediglich 3000 Plakate aufhängen, darunter welche mit dem wieder aktuellen Motiv »Meinst Du, die Russen wollen Krieg?«. Natke erzählt, er habe am Infostand schon erlebt, dass Bürger kamen und sagten: »Gut, dass es die DKP gibt. Die LINKE wählen wir diesmal nicht wieder.« Sie begründeten das mit dem Aufweichen der LINKEN in der Friedenspolitik und ihrem Verhältnis zur NATO sowie mit der DDR-Unrechtsstaatsdiskussion, berichtet Natke.

In Berlin tritt die DKP allerdings nur mit einer Landesliste an, kann also nur mit der Zweitstimme gewählt werden. Würde er im Bezirk Lichtenberg wohnen, so würde Natke selbst ohne zu zögern seine Erststimme der Bundestagsabgeordneten Gesine Lötzsch (LINKE) geben. Natke weiß natürlich ganz genau, dass die DKP die Fünf-Prozent-Hürde nicht überspringen wird. Da steht immer gleich die Frage im Raum, ob eine Stimme für die DKP nicht zwecklos sei, da sie doch nicht ins Parlament einziehen werde. Ein Wahlziel zu nennen, darauf lässt sich Natke auch gar nicht erst ein. »Wir führen einen politischen Wahlkampf, keinen wahltaktischen«, formuliert er. Definitiv sei jede Stimme für die DKP eine Stimme für den Frieden und gegen jegliche Auslandseinsätze der Bundeswehr. Verschenkt habe seine Stimme doch in Wirklichkeit, wer 1998 SPD und Grüne wählte und hoffte, mit einer rot-grünen Bundesregierung würde sich für die Arbeiter etwas verbessern. Die Koalition von Kanzler Gerhard Schröder (SPD) habe dann Hartz IV eingeführt und sich am NATO-Angriff auf Jugoslawien beteiligt, erinnert Natke.

»Die kapitalistische Gesellschaftsformation ist weder in der Lage, die Bedürfnisse der Menschen zu befriedigen, noch das Überleben des Planeten zu sichern«, ist er überzeugt. Doch eine revolutionäre Situation gebe es im Moment nicht. Objektiv sei die Entwicklung der Produktionsmittel zwar so weit vorangeschritten, dass der Übergang zum Sozialismus erfolgen könnte. Doch subjektiv sei das Bewusstsein der Massen noch nicht so weit.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

jetzt abonnieren!

Wie? Noch kein Abo?

Na, dann aber hopp!

Einfach mal ausprobieren: 14 Tage digital, auf Papier, als App oder was weiß ich!

Jetzt kostenlos testen