Werbung

Die Welt ist für alle da

Bei den Wühlmäusen gab das neue Ensemble sein Debüt: »Ver(f)logene Gesellschaft«

  • Von Volkmar Draeger
  • Lesedauer: 4 Min.

Bei uns droht die ABOkalypse!

Wir brauchen zahlende Digitalleser/innen.

Unterstütze uns und überlasse die Informationsflanke nicht den Rechten!

Mach mit! Dein freiwilliger, regelmäßiger Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Berlin ist im Kabarett gut aufgestellt. In Mitte stichelt die Distel, hinterm Bahnhof Zoo piksen die Stachelschweine, in Westend unterwandern die Wühlmäuse. Dort, am Theodor-Heuss-Platz, hat sich Dieter Hallervorden nun einen Wunsch erfüllt: ein festes Ensemble für seine 1960 gegründete Qualitätsmarke der systemkritischen Unterhaltung. Vier, wie der Intendant sagt, handverlesene Akteure spielen in »Ver(f)logene Gesellschaft« als Erstproduktion brennende Fragen der Gegenwart durch. Wie das weitab vom deutschen Geschehen funktioniert, dafür hat als neuer Hausregisseur Frank Lüdecke auch das Buch geliefert. Sein Quartett führt er auf dem New Yorker Flughafen zusammen, wo statt der erwarteten Aufforderung zum Einsteigen Verspätung annonciert wird. Im Unglück kommt man sich zwangsweise näher, findet gar zum Du. Das bringt Fragen nach dem Tun des Anderen mit sich. So beginnt das Chaos. Denn jeder der vier ist kleiner, als er/sie sich geben möchte.

Martin, Konfliktforscher an der FU, kann nicht verständlich erklären, woran er forscht. Cornelia outet sich weinerlich als Ex-Bankerin bei Goldman Sachs und nunmehrig Mitarbeiterin in einem Transportunternehmen: der BVG. Clemens führt ein Start-up, mit dem er Millionär werden will. Seine platte Idee ist ein Funklochgenerator, der anzeigt, was man eh merkt. Einzig Mandy aus dem Osten flunkert nicht rum. Drei Kinder hat sie, Hartz IV und keinen Mann. Deshalb muss sie von Malle über die halbe Welt und New York zurückfliegen, weil das bezahlbar ist: Ich mach die Preise nicht. Vier pralle Typen, jeder lacht über jeden, alle in derselben Lage: Es gibt keinen Rückflug. Denn irgendwas ist daheim passiert, wie auf dem Monitor konfus ein Reporter stammelt. Wir wollen nach Berlin, singt das Quartett und wird das noch oft sehr hörenswert tun, sogar a cappella. Notgedrungen kommt man ins Gespräch. Es ist meist Ost-Mandy mit naiv bohrenden Fragen, die West-Geplänkel hinterfragt und bloßstellt.

Zwischenzeitlich schalten sich diverse krude Talkrunden zu: ab wann Kinder vom Handy Pornos herunterladen dürfen; später dann Anne Will. Bis dahin aber hat sich die Situation zugespitzt, denn Kanzlerin Merkel gibt eine Pressekonferenz. Mit Burka, die bequemer sei als Hosenanzug, verkündet sie ihren Übertritt zum Islam, das Land verändere sich schließlich. Demokratie will sie einführen, selbst ohne CSU. Mutti, was ist mit dir los, tönen da die Wartenden und geraten in so entsetzte wie wütende Dispute. Mandy ätzt gegen die Dummikratie, wo Deppen Idioten wählen, fordert ein reines Frauenwahlrecht: Alte haben den Brexit verschuldet, Männer verstehen nix, Loser verhalfen Hitler und Trump zum Sieg. Über dem Streit um Trumps stete Twitter-Kommentare hat Cornelia plötzlich familiäre Probleme. Ihr lernschwacher, thaiboxender Sohn jagt daheim gerade die Schule in die Luft.

Nach der Pause spitzt sich die Politlage zu Hause zu, was Kabarettisten bestes Futter liefert. Der Ramadan wird kommen und ein Alkoholverbot; fünfmal muss gebetet werden auch in den neuen Bundesländern; bis zu vier Ehefrauen sind erlaubt, sogar für Schwule. Wohin treibt die BRD, sorgt sich Anne Will. Wir müssen unsere deutsche Kultur retten, ackert Mandy, der Moslem hat kein Bier - doch das stammt aus Mesopotamien, weiß Martin. Und wie soll man ohne Bier Europa erklären: Alkohol hält die Gesellschaft zusammen!

Nach und nach konvertiert die gesamte CDU-Riege, Seehofer frohlockt über die untergeordnete Rolle der Frau, wähnt sich schon Kanzler. Bloß Mandy behält klaren Kopf: Wieso soll ich Banken retten, die mir nie einen Kredit geben würden? Reaktionen aus aller Welt treffen ein. Putin tobt, Zypras jubelt, Dänemark schimpft, Macron sagt: Ich bin Angela, der saudische König reagiert froh, Erdogan wettert gegen die falsche Schlange Merkel. Die freut sich auf den Burkini - bis sich alles als Fake News erweist. Merkel ist im Fahrstuhl eingesperrt, ein Double agiert. Die Welt ist für alle da, lautet singend die mäßig erleichternde Finalaussage.

Dass alle Texte aus einer Hand stammen, ist das Pfund dieses Programms. In seiner dramaturgischen Geschlossenheit und der schauspielerischen Delikatesse steht es einzigartig in Berlins Kabarettszene. Birthe Wolter als zierliche Cornelia, Santina Maria Schrader als aggressiver Wutbolzen Mandy, Robert Louis Griesbach als unbeschwerter Clemens, ein überragender Mathias Harrebye-Brandt als virtuoser Sprachimitator Martin sind nicht nur hinreißende Komödianten, sondern Darsteller von gediegenem Handwerk. Hallervorden, hier der schusselige TV-Reporter, hat ein vorzügliches Team für weitere subversive Großtaten an der Seite.

Nächste Vorstellungen am 17., 18. und 19. September

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!

9 Ausgaben für nur 9 €

Jetzt nd.DieWoche testen!

9 Samstage die Wochenendzeitung bequem frei Haus.

Hier bestellen