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Die »Volksbühne Berlin« eröffnet die Spielzeit mit einem Tanz-Event

  • Von Volkmar Draeger
  • Lesedauer: 4 Min.

Die neue Leitung der Volksbühne rief zum Eröffnungsspektakel - und viele kamen. Nicht in die heiß umkämpfte heilige Halle am Rosa-Luxemburg-Platz, sondern auf neutrales Gelände. Dies der erste geschickte Schachzug. Schon bei der Pressekonferenz vier Tage zuvor im riesigen Hangar 5 des ehemaligen Flughafens Tempelhof hatte Programmdirektorin Marietta Piekenbrock eine Achse Flughafen - Volksbühne ausgerufen, um ungewohnte Spielorte zu finden und zu erkunden. Dort, vor einer temporären Halbrundtribüne, wird nun alljährlich Theater zu sehen sein.

Der zweite geschickte Schachzug: das Opening dem Tanz anzuvertrauen. Tanz spielte in der Ära Castorf keine Rolle an der Volksbühne, wird ab jetzt essenzieller Bestandteil des Repertoires. Insofern stand auch das Antrittsfest zwischen dem imposanten Kreissegment des Flughafens und dem Tempelhofer Feld unter dem gütigen Stern der Unbefangenheit: In bitterem Streit über Jahre fanden sich schließlich Schauspiel Castorf und Eventkonzept Dercon. Der, Ex-Museumschef in London und daher umstrittener Castorf-Nachfolger, hatte am Sonntag eine Atempause. Denn »Fous de danse« versammelte alle, die »verrückt nach Tanz« sind, und ließ die Schauspielfans in der Schmollecke. Der Untertitel »Ganz Berlin tanzt auf Tempelhof« erfüllte sich nicht, doch 3000 Zuschauer dürften zugange gewesen sein.

Geboten wurde ihnen bei freiem Eintritt ein zehnstündiger, mit straffer Hand organisierter Programmparcours vom Zuschauen bis zum Mitmachen. Schon das öffentliche Warm-up mit Spiritus Rector Boris Charmatz stieß auf viel Zuspruch. In Berlin ist Charmatz kein Unbekannter mehr, seit er ab Mitte der Neunziger an verschiedenen Spielorten seine frühen Tanzperformances gezeigt hat, einige davon als Sternstunden in bester Erinnerung.

Auch Pädagoge im »Hochschulübergreifenden Zentrum Tanz« war er hier, machte gar das Gelände des Sowjetischen Ehrenmals Treptow zum Performanceareal. Das Tempelhofer Warm-up bewies, über welchen Bewegungsvorrat er als in Paris klassisch ausgebildeter, in Lyon modern ergänzter Tänzer verfügt. Er versteht es, eine Schar aus Profis und Amateuren in gemeinsamer Aktion zu verschweißen. In einem zweiten Block studierte er 25 kleine Gesten mit den »Schülern« ein, brachte dann den Flughafen zum Tanzen.

Auch zwischendrin demonstrierte er als geistiger Urheber des Spektakels seine Überzeugung: Dance is one, der Tanz hat viele Facetten. Insgesamt 17 Institutionen und rund 200 Tänzer hatte er nach Tempelhof geladen. Da zeigte inbrünstig ein kleines Mädchen eine Revolutionsstudie von Isadora Duncan, gefolgt von einem Duett, das William Forsythe dem Senior-Ensemble »Dance On« verspielt in Arme und Körper gesenkt hat. Im »Zaubergarten« aus »Le Corsaire« präsentierten sich 36 Mädchen der Staatlichen Ballettschule Berlin unter freiem Himmel: in T-Shirts, Jeans und Sneakers, weil der Betonboden Spitzentanz nicht zugelassen hätte. Schwieriger hatten es die Hip-Hopper der »Flying Steps«, den harten Grund zu verleugnen. Wie sich eine neue Generation Igor Strawinskys »Le sacre du printemps« erobert, zeigten 44 Kinder aus Rennes, wo Charmatz seit 2009 das Centre chorégraphique national als »Musée de danse« führt.

Unter die Haut ging Mithgal Alzghairs kurzer getanzter Schrei gegen Krieg und Folter in Syrien. Performer aus Berlin boten gleichzeitig mehrere Soli, um die sich sofort Zuschauerzirkel bildeten. Zu Funk-Musik luden Raphael Hillebrand und Marie Houdin auf den »Giant Soul Train« als ein weiteres fröhliches Mitmachformat.

Die künstlerisch stärksten Stücke des Marathons verdanken sich zwei wichtigen Choreografinnen der Gegenwart. Bestach in Lucinda Childs musiklosem minimalistischem Quartett »Calico Mingling« von 1973 die perfekte Raumarchitektur bei separaten Dauergängen in Kreisen und Spiralen, so ist Anne Teresa De Keersmaekers Solo »Violin Phase« zu Musik von Steve Reich, ein Auszug aus ihrem Gesamtwerk »Fase« von 1967, sicher eine der wesentlichen Leistungen des zeitgenössischen Tanzes überhaupt, nicht zuletzt in Keersmaekers unübertroffener, mathematisch präziser Interpretation.

»Fous de danse« war ein Erfolg auf ganzer Linie: für den Tanz allgemein und Charmatz im Besonderen. Er wird seine Intentionen ins Volksbühnenkonzept einbringen können und damit auf reges Interesse stoßen. Wie sich das versprengte Schauspiel positionieren kann, ob und wann es wieder über ein festes Ensemble verfügt, wird sich erweisen. Erst dann wäre Dercon Castorfs Schatten los.

Nächste Tanzprojekte: 14. - 17. September, »A Dancer's Day«; 21. September »danse de nuit«; jeweils am Platz der Luftbrücke 5, Hangar 5, Berlin-Tempelhof

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