Demokratische Linksunion

In Schulzendorf haben CDU und LINKE eine gemeinsame Bürgermeisterkandidatin

  • Von Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 5 Min.
Kaum zu glauben, aber wahr: Winni Tauche wird von LINKE und CDU bei der Wahl untersützt.
Kaum zu glauben, aber wahr: Winni Tauche wird von LINKE und CDU bei der Wahl untersützt.

Winnifred Tauche studierte Volkswirtschaft, damals, in den Jahren 1980 bis 1984, wurde sozialistische Volkswirtschaft gelehrt. Sie ist heute Linksfraktionschefin in der Gemeindevertretung von Schulzendorf, und sie ist Kandidatin für die Bürgermeisterwahl am 24. September. In ihrem Programm steht, sie wolle eine Erweiterung der Grundschule und sozialverträglichen Wohnungsbau. Das alles wäre vielleicht noch nicht der Rede wert. Schließlich finden Bürgermeisterwahlen parallel zur Bundestagswahl auch noch in 42 anderen Städten und Gemeinden Brandenburg statt. Doch die Konstellation, für die sich Winnifred Tauche bewirbt, ist sehr speziell, geradezu einzigartig. Auf Tauches Wahlplakaten prangen unter ihrem Porträtfoto die Parteilogos von CDU und LINKE.

Als der Landtagsabgeordnete Matthias Loehr (LINKE) kürzlich durch Schulzendorf fuhr, dachte er erst, er hätte sich verguckt oder jemand hätte sich einen Scherz gemacht und eins der Logos mit einem Aufkleber hinzugefügt. Doch als er das nächste Plakat erblickte, bremste er und schaute sich die Sache genauer an. Tatsächlich, die Logos sind beide aufgedruckt. »Das ist scharf«, bemerkt Loehr. So etwas hat er noch nie gesehen. Zwar gab es 2006 in seiner Heimatstadt Cottbus den Oberbürgermeisterkandidaten Holger Kelch (CDU), den die LINKE damals mittrug. Loehr weiß das genau, weil er dieses Bündnis seinerzeit selbst mit einfädelte. Doch das überparteiliche Bündnis war breiter, die FDP, die Vereinigung Aktive Unabhängige Bürger und die Frauenliste waren mit von der Partie. Das aber allein CDU und LINKE eine gemeinsame Kandidatin tragen, das hat er noch nicht gehört.

»Ich unterstütze nicht die LINKE. Ich unterstütze Frau Tauche«, hebt Schulzendorfs CDU-Fraktionschef Joachim Kolberg auf Nachfrage hervor. »Wir haben ein gemeinsames Ziel: einen neuen Bürgermeister zu wählen.«

Denn CDU und LINKE sind mit Bürgermeister Markus Mücke (für SPD) unzufrieden. Dieser habe ein »gestörtes Verhältnis zur Gemeindevertretung«, halte das Parlament »für überflüssig«, kritisiert Gemeindevertreter Herbert Burmeister (LINKE). Burmeister war selbst 16 Jahre lang Bürgermeister. 2010 schied er aus Altersgründen aus, und Markus Mücke kam als sein Nachfolger ans Ruder. Der 69-jährige Burmeister kann sich noch gut erinnern, wie er als Rathauschef den einen oder anderen Streit mit dem CDU-Fraktionsvorsitzenden Kolberg ausfocht. Doch das nehme man sich heute nicht mehr übel. Im Gegenteil. Man komme jetzt gut miteinander aus. »Wir Duzen uns inzwischen«, sagt Burmeister.

CDU- und Linksfraktion bildeten bereits nach der Kommunalwahl 2014 eine Zählgemeinschaft. Die gemeinsame Bürgermeisterkandidatin wurde möglich, weil die Protagonisten Vertrauen zueinander fassten. »Es ist eine kuriose Situation«, bestätigt Burmeister. »Vor zehn Jahren wäre das nicht möglich gewesen. Jetzt ist es etwas relativ Normales.«

Bei der Kommunalwahl 2014 hatte die LINKE mit 3348 Stimmen klar vorn gelegen, gefolgt von der CDU mit 2335 Stimmen. Zusammengerechnet ergab das einen Stimmenanteil von 52 Prozent. So gerechnet müsste Winnifred Tauche die Bürgermeisterwahl nun mit absoluter Mehrheit gewinnen. Doch so rechnet Herbert Burmeister nicht. Denn man könne nicht davon ausgehen, dass alle Anhänger von LINKE und CDU das ungewöhnliche Bündnis gutheißen und ihr Kreuz bei Tauche machen. Außerdem gebe es den Amtsbonus für Mücke. Doch in die Stichwahl der beiden bestplatzierten Bewerber müsste es die Linksfraktionschefin schaffen, sagt Burmeister. Vor einer Stichwahl zwischen Mücke und Tauche würden zwei andere Bürgermeisterkandidaten, wenn sie dann ausgeschieden sind, für Tauche werben, erläutert Burmeister. Das sei bereits zugesagt.

Schon im Sommer vergangenen Jahres überlegten CDU und LINKE ihr Vorgehen bei der Bürgermeisterwahl. »Wir waren uns einig: Je weniger Kandidaten gegen Mücke auftreten und sich untereinander die Stimmen wegnehmen, umso besser«, erzählt der CDU-Fraktionsvorsitzende Kolberg. Erst sei ein CDU-Kandidat im Gespräch gewesen, den die LINKE mittragen wollte. Der sei dann aber abgesprungen. Dann habe die LINKE Winnifred Tauche vorgeschlagen - und so sei es dann gekommen.

Gab es keine Bedenken innerhalb der CDU? »Einige haben erst die Augenbrauen hochgezogen«, gibt Kolberg zu. »Doch am Ende haben alle die Entscheidung mitgetragen.« Selbstverständlich habe der Fall bei Parteifreunden aus anderen Städten und Gemeinden Befremden ausgelöst, bestätigt Kolberg. Doch er könne da nur sagen: »Wir müssen das Beste für den Ort machen, mit der besten Person - und das ist Frau Tauche.« In der Kommunalpolitik komme es anders als in der Landes- und Bundespolitik weniger auf die Parteizugehörigkeit an und mehr auf die Persönlichkeiten.

Im Kreistag Dahme-Spreewald - Kolberg ist auch Kreistagsabgeordneter - wäre er gegen eine Zusammenarbeit mit der Linkspartei. »Aber hier bei uns in Schulzendorf funktioniert es«, betont er. Es gebe ein »großes Vertrauensverhältnis«. Für die gemeinsame Bürgermeisterkandidatin gelte: »Eine Frau, ein Wort.« Sie sei verlässlich und obendrein fachlich geeignet, da sie als Jugendamtsleiterin im Berliner Bezirk Treptow-Köpenick über langjährige Verwaltungs- und Leitungserfahrung verfüge.

Derweil gibt es auch im Schulzendorfer Nachbarort Zeuthen mit dem Rechtsanwalt Sven Herzberger einen Bürgermeisterkandidaten, der sich auf eine ungewöhnliche Verbindung stützt. Ins Rennen geschickt wird Herzberger von der Listenvereinigung »Gemeinsam! Stark für Zeuthen«, zu der die LINKE und die FDP gehören. Eine Konstellation, die auch nicht alle Tage vorkommt. Da aber noch die Wählergruppe »Bürger für Zeuthen« mitmischt, erinnert dieser Fall doch eher an das breite Bündnis, das 2006 für den Cottbuser Oberbürgermeisterkandidaten Holger Kelch (CDU) geschmiedet wurde. Damals unterlag Holger Kelch übrigens dem Sozialdemokraten Frank Szymanski. Erst acht Jahre später kam Holger Kelch als Stadtoberhaupt doch noch zum Zug, als die LINKE bei der nächsten Wahl nicht mehr ihn, sondern seinen SPD-Konkurrenten Szymanski unterstützt hatte.

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