Schmetterlinge und Sparmaßnahmen

Die deutsche Ausgabe der siebenbändigen Romanreihe »Das Büro« von J. J. Voskuil steht kurz vor der Vollendung

  • Von Regina Stötzel
  • Lesedauer: 4 Min.
Sie haben die Wahl. Im Wahllokal und bei ihrer Lieblingszeitung. Damit das so bleibt: Linken Journalismus bitte bezahlen!
Kampf ohne Machtbekenntnis

Was soll das hier?

Linker Journalismus – das ist der Luxus, zur Bundestagswahl nicht nur die überall gleichen Agenturmeldungen zu lesen, sondern das Koalitionsgerangel aus einer linken Perspektive kritisch zu beobachten und zu beurteilen. Wir zahlen Reportern einen korrekten Lohn, recherchieren aufwendig für profunde Hintergründe, sprechen mit unabhängigen Experten. Das alles kostet Geld. Wenn Ihre persönliche Lage es zulässt, freuen wir uns deshalb, wenn Sie die Lektüre dieses Textes mit einem frei gewählten Obolus honorieren – oder unser Blatt gleich gedruckt oder online abonnieren!

  • Wählen Sie ein Abo:

    • Online-Abo
    • Kombi-Abo
    • Print-Abo
    • App-Abo
    Lesen Sie das »nd« wo und wann Sie wollen. Mit dem Online-Abo erhalten Sie Zugang zu allen Artikeln in elektronischer Form auf unserer Webseite und dazu das nd-ePaper. Zum Online-Abo
    Mobil, kritisch und mit Links informiert:
    neues deutschland als ePaper – und am Wochenende im Briefkasten!
    Prämie: Das nd-Frühstücksbrettchen. Der Wegbegleiter für den Start in den Tag.
    Zum Kombi-Abo

    Lesen Sie das »nd« wo und wann Sie wollen. Mit der nd-App erhalten Sie Zugang zur Zeitung in elektronischer Form als App optimiert für Smartphone und Tablet.

    Die nd-App gibt es für iOs und Android.

    Zum App-Abo
  • Per Überweisung:

    Stichwort: nd-paywall

    Berliner Bank
    IBAN: DE11 1007 0848 0525 9502 04
    SWIFT-CODE (BIC): DEUTDEDB110

    Per Paypal

    PayPal

    Per Sofortüberweisung

    Sofortüberweisung

    Ich habe bezahlt.

  • Ich beteilige mich mit einer regelmäßigen Zahlung

    Wir freuen uns sehr, dass Sie zu dem Entschluss gekommen sind: Qualitätsjournalismus zur Stärkung einer Gegenöffentlichkeit von links ist mir etwas wert!

    Mit ihrem solidarischen Beitrag unterstützen Sie linken unabhängigen Qualitätsjournalismus. Und: Sie unterstützen die Menschen, die sich selbst ein Abo nicht leisten können. Wir sind der Ansicht, dass Journalismus für möglichst alle zugänglich sein soll – deshalb bieten wir einen großen Teil unserer Artikel gratis zum Lesen und teilen im Netz an. Aber nur Dank der Abonnements und Zahlungen vieler Leserinnen und Leser können wir jeden Tag eine Zeitung produzieren: Gedruckt, als Onlineausgabe und als App.

    Turnus

    Minimum 5 Euro/Monat

    Meine Bankdaten

    Persönliche Angaben

    *Pflichtfelder
     
     
  • Ich bin schon Abonnent
    Login

    Passwort vergessen?

  • Jetzt nicht ...
»Woran denkst du denn?« – »Ans Büro.« – »Was ist denn mit dem Büro?« – »Mit dem Büro ist nichts.«
»Woran denkst du denn?« – »Ans Büro.« – »Was ist denn mit dem Büro?« – »Mit dem Büro ist nichts.«

Es gab einmal eine wunderbare Zeit, als der größte Teil der gut 6000 Seiten dicken siebenbändigen Romanreihe »Das Büro« von J. J. Voskuil noch nicht gelesen war und es im darin beschriebenen Institut zur Erforschung niederländischer Volkskultur in Amsterdam ganz gemächlich zuging. »Unter Beerta haben wir nichts gemacht«, sagt Maarten Koning lächelnd im Rückblick auf die späten fünfziger und frühen sechziger Jahre. »Beerta fing den Tag damit an, mir zu erzählen, was er geträumt hatte. Dann schrieb er Gratulationsbriefe an Leute, die promoviert hatten oder Professor geworden waren, denn er kannte alle, bis de Bruin mit dem Kaffee kam.« Dies sei dann auch schon der Höhepunkt im Tagesablauf seines früheren Chefs gewesen, und das obwohl der Kaffee zur Hälfte aus Abwaschwasser bestanden habe. Anschließend sei Beerta zu »irgendwelchen Kommissionssitzungen« verschwunden, um erst gegen Feierabend zurückzukehren. Ein paar Karteikarten tippen, ein paar Buchbesprechungen, einige wenige Aufsätze; ansonsten habe man manchmal Schmetterlinge fangen und in den Garten zurückbringen müssen, die sich hinter die hohen Fenster des alten Instituts verirrt hatten.

Rund 25 Jahre und sechs Bände später ist der Schrecken in Form von Wörtern wie »Sparmaßnahmen«, »Effizienzsteigerung« und »Selbstevaluation« in die wunderbare Welt der Papiere, Karten, Mappen, Ausschnitte, Inventarverzeichnisse, Zeitschriften und Bücher eingezogen, die mittlerweile A. P. Beerta-Institut heißt. Maarten, längst Leiter der Abteilung Volkskultur, steht vor der nahezu unlösbaren Aufgabe, das, was er stets als Arbeitsbeschaffungsprojekt für den gesellschaftlichen Überschuss an unbrauchbaren Intellektuellen betrachtet hat, so darzustellen, dass es der Kosten-Nutzen-Analyse der staatlichen Geldgeber standhält.

Überdies muss er sein Team bei Laune halten. Der Krankenstand ist hoch, Neid und Missgunst sind so lebendig wie eh und je, und während manche Kollegen in Arbeit ersticken, schaffen es andere, sich der voranschreitenden Arbeitsverdichtung nicht nur erfolgreich zu widersetzen, sondern den Trend für sich persönlich ins Gegenteil zu verkehren. Neben den ewigen eigenen Unzulänglichkeiten, den sich mehrenden Zipperlein und depressiven Verstimmungen ist der Tod geliebter und geschätzter Menschen zu verkraften. Und dann sind auch noch die wirklich wichtigen Dinge zu klären: ob eine Kasse für Geschenke unter den Kolleginnen eingeführt wird, ob neue Bürostühle beschafft werden können und welche Farbe der Umschlag der Institutszeitschrift künftig haben sollte.

Zum Glück hat Maarten zu Hause seine geliebte Frau Nicolien, die ihn mit Gesprächen aufmuntert: »›Warum bist du so still?‹, sagte Nicolien am Tisch. ›Ist was?‹ ›Ich denke.‹ ›Woran denkst du denn?‹ ›Ans Büro.‹ ›Ans Büro?‹ Sie war sofort empört. ›Ich darf doch wohl mal ans Büro denken?‹, sagte er böse. … ›Was ist denn mit dem Büro?‹ ›Mit dem Büro ist nichts.‹ ›Aber du sagst, dass du ans Büro denkst!‹ ›Und trotzdem ist da nichts.‹ ›Was denkst du dann?‹ Er zuckte mit den Achseln. ›Jetzt will ich es auch wissen! Du kannst nicht sagen, dass du ans Büro denkst, und dann nichts erzählen!‹« Und so weiter und so fort.

Der Niederländer J. J. Voskuil (1926 - 2008) hat es geschafft, das Wunder des Lebens und die Hölle, die Arbeit und Mitmenschen daraus machen, nebst 30 Jahren gesellschaftlicher und politischer Entwicklung in eine urkomische Print-Soap zu verwandeln, deren sechster Teil »Abgang« nun erschienen ist. Und während Maarten Koning darin seine noch verbleibenden Arbeitsjahre rückwärts zu zählen beginnt, wird die Leserin allmählich unruhig in Anbetracht der schwindenden noch zu lesenden Seiten.

J. J. Voskuil: Das Büro. Band 6: Abgang. Aus dem Niederländischen von Gerd Busse. Verbrecher-Verlag, 752 S., geb., 34 €.

Am 6. Oktober erscheint der letzte Band des Zyklus, »Der Tod des Maarten Koning«. Die Buchhandlung »Die Buchkönigin« in Berlin-Neukölln (Hobrechtstr. 65) öffnet dann bereits um Mitternacht, um die »Büro«-Fans mit einer Lesung durch Autoren des Verbrecher-Verlags zu versöhnen.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

jetzt abonnieren!

Wie? Noch kein Abo?

Na, dann aber hopp!

Einfach mal ausprobieren: 14 Tage digital, auf Papier, als App oder was weiß ich!

Jetzt kostenlos testen

nd-Kiosk-Finder