Werbung

Dröhnendes Schweigen im Wahlkampf

Die größte Leerstelle im Wettstreit der Parteien ist die Zukunft, meint Stephan Fischer

  • Von Stephan Fischer
  • Lesedauer: 4 Min.

Vielleicht ist es einfach nur Erschöpfung. Das gesellschaftliche Grundrauschen ist in den letzten Jahren erst einem Gemurmel, dann einem Gebrüll gewichen. Krisen und Untergangszenarien allerorten, Wutwellen schwappten aus der Anonymität digitaler Echokammern auf die Straßen und Plätze. Aus Wut und Hass wird immer öfter Tat. Da kann ein ruhiger, vielleicht gar langweiliger Wahlkampf plötzlich beruhigend wirken, wenn er früher als einschläfernd wahrgenommen wäre.

Aber der Wahlkampf beruhigt nicht. Er besteht aus dröhnendem Schweigen. Schweigen zur Frage, wie sie denn aussehen soll - die Zukunft. Damit ist kein ins kleinste Detail ausgefeilter Plan oder die detaillierte Vorstellung einer Gesellschaft X zum Zeitpunkt Y gemeint. Aber etwas mehr als die Verwaltung der Gegenwart im Dauerkrisenmodus des »Auf-Sicht-Fahrens« hätte schon kommen können. Kommen müssen. Die Zukunft kommt so oder so.

So ist es ziemlich wahrscheinlich, dass durch die Digitalisierung die heutige Arbeitswelt fundamental erschüttert wird. Wie viele Arbeitsplätze in welchem Zeitraum verschwinden werden, lässt sich vielleicht noch nicht genau prognostizieren. Arbeit, oder besser gesagt Aufgaben, wird es weiterhin geben. Aber nicht mehr gegen Bezahlung oder für ein Unternehmen. Im Wahlkampf tauchte »Digitalisierung« vornehmlich in Verbindung mit Bandbreiten und Leitungsausbau auf. Und die Zukunft der Arbeit, die Angela Merkel noch im Frühjahr zu einem Top-Thema machen wollte, verschwand im Sommer wieder in der Versenkung. Der Philosoph Richard David Precht hat das augenblickliche Augen-Verschließen in einem Interview mit dem »Deutschlandfunk« in ein treffendes Bild gekleidet: »Wir versuchen im Moment, den Arbeitsmarkt von gestern mit einem Mindestlohn zu stabilisieren. Gut verdienende Piloten streiken, um ihre Privilegien zu sichern, bevor in zehn Jahren kein einziger Pilot mehr ein Flugzeug fliegt. Was wir im Augenblick machen: wir dekorieren auf der Titanic die Liegestühle um.«

Schiffe können bald auch autonom fahren. Nun wäre die Titanic nicht untergegangen, hätte man rechtzeitig ihren Kurs und ihre Geschwindigkeit geändert. Beides glaubte man mit der Überzeugung der Unsinkbarkeit des Schiffes unterlassen zu können. Aber auch wenn sie nicht untergegangen wäre, würde sie heute abgesehen von nostalgischen Kreuzfahrten nicht mehr über die Weltmeere schippern - Pferdekutschen gibt es schließlich auch noch. Zur Lösung globaler Transportaufgaben leisten sie heute einen ähnlichen Beitrag wie Bierbikes. Wie lange wird das beim Verbrennungsmotor noch anders sein?

Dass in einer alternden Gesellschaft die Erwartungen und Bedürfnisse an die Politik andere sind als in einer vorwiegend aus jungen Menschen bestehenden, leuchtet ein. Bewahrung und Erhalt werden wichtiger als Aufstieg und Mobilität, Gegenwart und nahe Zukunft rücken stärker in den Fokus als die ferne Zukunft. Problematisch wird es, wenn davon ausgehend eine imaginäre Vergangenheit als Ideal ins Zentrum rückt und die Zukunft im besten Falle als Leerstelle, im schlimmsten Falle als angsterregendes schwarzes Loch erscheint.

Digitalisierung, Klimawandel, Krisenherde weltweit - da kann einem mulmig werden, das kann auch Angst machen. Ein Teil der Verunsicherung resultiert aus einem Ohnmachtsgefühl bei gleichzeitigem Informationsüberfluss. Dieser flutet zu nicht unerheblichem Teil aus sogenannten sozialen Netzwerken. Technologieunternehmen sorgen derzeit für ungeheure Fortschrittssprünge. Die Politik steht meist staunend - und ebenfalls ziemlich ohnmächtig daneben. Die Frage aber, ob wir uns in Zukunft noch in einem demokratieähnlichen Gebilde bewegen oder in einer technokratischen Diktatur, erfordert jetzt Antworten. Da helfen keine Mauern oder Zäune, da müssen die Möglichkeiten der Zukunft, positive wie negative, in eine Gegenwart adaptiert werden. Da muss über Grundeinkommen debattiert werden oder die Abschöpfung von Gewinnen, denen immer weniger menschliche Arbeit zugrunde liegt. Und über die Demokratie selbst.

Die Wahlkämpfer ähnelten in weiten Teilen Hochseilartisten: Bloß nicht zu viel bewegen, sonst droht der Absturz. Aber das Land ist auch davon unabhängig immer mehr aus dem Gleichgewicht geraten. Es muss sich alles ändern, damit alles so bleibt wie es ist. Darüber wurde viel zu laut geschwiegen.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!