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Geballte Faust und Zeigefinger

In »Fuck the Facts« wiegt die Neuköllner Oper Segen und Fluch des Internets auf

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Als »Musiktheater von Georg Friedrich Händel« (und anderen) annonciert die Neuköllner Oper ihre jüngste Produktion »Fuck the Facts«. Der Barock-Komponist als Schöpfer eines Stücks über »Selbstermächtigung im Netz«? Was flugs als Fake News enttarnt zu sein scheint, entpuppt sich im Laufe der siebzigminütigen Uraufführung als Ideenkern, um den herum die Handlung wächst wie das saftige Fruchtfleisch um das Gehäuse von Adams Apfel. Mit den spezifischen Mitteln des an dieser Bühne praktizierten Musiktheaters wird nämlich nichts weniger als die Geschichte vom Aufstieg und Fall eines modernen Heilands erzählt. Das erklärt den leitmotivischen Rückgriff auf Händels »Messiah« nicht nur, es rechtfertigt ihn auch. Hinzu kommt der nicht zu unterschätzende Vorteil, dass die Vokalsätze des alten Meisters, die im Stück gemixt mit allerlei Elektro- und Techno-, Rap- und Soulmusik zum Einsatz kommen, den zwei Sängerinnen und zwei Sängern den beeindruckenden Nachweis ihrer klassischen Gesangsfertigkeiten ermöglichen: »Hallelujah!«

Im kleinen Studio der Oper (Ausstattung: Grit Wendicke) fühlt der Zuschauer sich wie im Inneren eines Rechners, noch bevor es überhaupt losgeht. Über die weißen Wände flackern im Schwarzlicht binäre Codes, durch die Berliner Stadtansichten schimmern, dann ein Netz verästelter Adern, durch die das Blut pulsen oder Daten strömen mögen (Video/Sound Design: Mario Simon). In diesem Setting sind die »Antischocken« zu Hause, ein Hackerquartett, das Deutsch und Englisch singend auf den Plan tritt, um Segen über die nur dem Namen nach demokratische Gesellschaft zu bringen. Statt sich weiter der als elitär erlebten Herrschaft von Politik, Medien und Justiz zu unterwerfen, treten sie an, jene »neue Welt« Wirklichkeit werden zu lassen, »die Rousseau und Robespierre versprachen«. Die soziale Bewegung, die dazu erforderlich ist, erzeugen sie mit ihren Fingern, die eifrig auf unsichtbare Tastaturen einhacken - sofern sie nicht gerade zur Faust geballt oder anklagend aufs Publikum gerichtet sind. Auch ein Baseballschläger gehört zu den revolutionären Accessoires, aber der steht über die meiste Zeit an den Bühnenrand gelehnt. Dort sitzt Bijan Azadian ganz in Weiß an einem Pult aus Keyboards und Computern, um dem Geschehen die Musik beizusteuern und gelegentlich mahnend ins ungestüme Spiel einzugreifen.

Ohne geistigen Führer kommt freilich auch eine Gruppe nicht aus, die Gleichheit und Gemeinschaft beschwört. Der ist schnell in Jay ausgemacht, Jay wie der englische Buchstabe J, mit dem der Name von Julian Assange beginnt, vor allem aber derjenige von Jacob Appelbaum, jenem Star der Hackerszene, der als Gefährte Snowdens und Protagonist der Merkel-Abhör-Enthüllung gefeiert wurde, bevor ihm eine Netzkampagne das Genick brach. An dessen ambivalenter Geschichte arbeitet sich das Stück von Anna Catherin Loll (Text), Christian Römer (Regie), Yuko Matsuyama (Choreografie) und Bijan Azadian (Musik) offenbar ab, auch wenn Appelbaums Name nicht ausdrücklich genannt wird.

Die Rolle des Jay ist Allen Boxer auf seinen makellosen Körper geschneidert. Bildschön und muskulös, dazu mit kräftiger Baritonstimme, verleiht er den »Antischocken« weithin Resonanz. Selbst in der rauschhaften Partynacht, in der er von den Seinen umgarnt, entkleidet und aufgereizt wird, macht er noch eine gute Figur. Ihr »Nein heißt nein« stößt seine Gespielin (Hrund Ósk Árnadóttir) erst aus, kurz bevor es wohl zur Sache gegangen wäre. Aber die nächste (Angela Braun) steht schon bereit, ihn hinterm Vorhang zu umgarnen - für die Zuschauer nichts als ein Schattenspiel. Schnell bringen die beiden scheinbar willigen Opfer anschließend auch den vierten im einstigen Bunde auf ihre Seite: Dem, einem nerdigen Hedonisten im Dienste der Sache (Mario Klischies), scheint Jays Prominenz plötzlich schon lange ein Dorn im Auge gewesen zu sein. Der Held wird verstoßen, der Messias gekreuzigt. Die Worte »Digital Hinrichtung« flackern nun kurz auf der Wand.

Die Missbrauchsvorwürfe gegen Jacob Appelbaum, der als NSA-Enthüller nach Deutschland ausgewandert war, um der Verfolgung der US-amerikanischen Behörden zu entgehen, blieben bis heute unbewiesen. Erledigt ist der Mann trotzdem. Es existiert ein Foto, das die Fassade seines Berliner Wohnhauses zeigt, darauf gesprayt der Schriftzug: »Ein Vergewaltiger wohnt hier!« »Realität endet«, heißt es am Ende von »Fuck the Facts«, »wo Subjektivität anfängt«. Der ambitionierte Abend an der Neuköllner Oper, gestemmt von einem lustvoll spielfreudigen Ensemble, stellt keinen an den Pranger. Aber er zeigt, dass die Meinung der Masse, so unbegründet sie auch sei, mit ähnlich vernichtender Wucht zuzuschlagen weiß wie das Recht des Stärkeren.

Nächste Vorstellungen am 19. und 20. September in der Neuköllner Oper, Karl-Marx-Straße 131

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