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Big Mac mit großer Portion Pommes

Chronist der Durchschnittsamerikaner: Der Schriftsteller Stephen King wird 70

  • Von Christian Baron
  • Lesedauer: 3 Min.

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Feuilletonisten können das Weltgeschehen aus größerer Distanz betrachten als die bei einer Tageszeitung auf Beschleunigung getrimmten Kollegen anderer Bereiche. Das ist Vor- und Nachteil zugleich. Es hat noch selten geschadet, sich über einen Sachverhalt mehr als einen Gedanken zu machen. Andererseits verändern sich die gerade debattierten Themen immer rasanter. Da gelten die Texte der Nachdenklichen schnell als irrelevant.

So oder so ist das Feuilleton inmitten elterlicher Tagespolitikstrenge ein intellektueller Abenteuerspielplatz. Auch das ist gut und schlecht in einem. Weniger formale Regeln ermöglichen oft überraschende Einsichten, wie sie sonst nur dem kindlichen Forschergeist entspringen. Auf dem Spielplatz kann man sich aber auch verlieren, einkapseln, abschotten. Und das tun Feuilletonisten, wenn sie bei der Bewertung von Kunst manchmal zu unkritisch dem folgen, was sich als Hochkulturkanon etabliert hat.

Wer im Literaturbetrieb etwa das Etikett der Unterhaltung mit sich herumträgt, dem verweigern die Redakteure häufig den Zugang zum Spielplatz. Jahrelang traf das auf einen der kommerziell erfolgreichsten Schriftsteller der Welt zu. Seit 1977 der Debütroman »Carrie« von Stephen King zum Bestseller wurde, wächst die Anhängerschaft des Horrorautors. Bis heute hat der 1947 im US-Bundesstaat Maine geborene King 400 Millionen Bücher verkauft, seine Romane und Kurzgeschichten liegen teilweise in 50 Sprachen vor. Parallel ignorierten oder verspotteten ihn weite Teile des Kulturjournalismus. Zu trivial, zu platt, zu mehrheitstauglich, so das jahrzehntelang gültige Urteil.

Und dann kam Frank Schirrmacher. 2007 schrieb der inzwischen verstorbene FAZ-Herausgeber eine Lobeshymne auf den Verkannten zu dessen 60. Geburtstag. Seitdem ist es in Deutschland kein Widerspruch mehr, Thomas-Mann-Experte und Stephen-King-Junkie zu sein. Vor allem der 2012 erschienene Roman »Der Anschlag«, ein Zeitreisethriller um das Kennedy-Attentat, brach den Anti-King-Bann im Feuilleton.

Ihm selbst ist die Einteilung in ernsthafte und Unterhaltungsliteratur ohnehin suspekt. Er kokettiert gern mit seinem alten Image, was sich in einem Satz wie diesem zeigt: »Meine Bücher sind das literarische Äquivalent eines Big Mac mit einer großen Portion Pommes.« Klar, ließe sich da entgegnen, mit so vielen Millionen auf dem Bankkonto wäre ja wohl jeder tiefenentspannt. Andererseits gibt es von Dan Brown bis Til Schweiger genug Beispiele anderer Millionäre aus der Kulturindustrie, die sich bei jeder Gelegenheit in Tiraden gegen die böse Kunstjournaille als vom Feuilleton missachtete Genies darstellen.

»Gutes Schreiben hat viel damit zu tun, Angst und Affektiertheit abzulegen«, so hat es King in seiner 2000 erschienenen Selbstoffenbarung »Das Leben und das Schreiben« formuliert. Und er bewies nun wirklich oft Mut, indem er sein Publikum in immer abgedrehteren Storys das Fürchten lehrte. In »Shining« (1977) ließ er einen Literaten in den mörderischen Wahnsinn driften. In »Cujo« (1983) hetzte er einen tollwütigen Hund auf eine Familie. In »Christine« (1984) machte er einen Oldtimer zur autonom handelnden Tötungsmaschine. In »Friedhof der Kuscheltiere« (1985) schrieb er über Zombies, lange bevor es cool wurde und besser, als es jeder Serienautor heute kann. In »Es« (1986) packte er alle nur denkbaren Schrecken eines Kindes in die Figur des Horrorclowns Pennywise.

Mittendrin fragte sich King, ob seine neuen Bücher wegen ihrer Qualität so erfolgreich sind oder wegen seiner Prominenz. Also veröffentlichte er einige Romane unter dem Pseudonym »Richard Bachman«. Auch sie verkauften sich wie geschnitten Brot. Stephen King ist ein Mensch, der seine Privatsphäre hermetisch schützt. Einige Brüche und Leiden sind trotzdem bekannt: Die Alkoholsucht raubte ihm beinahe die Lebenskraft. Nur mit viel Glück überlebte er einen Autounfall. Und mehr als einmal gingen ihm übereifrige Fans an die Substanz.

Die Krisen haben sein Schreiben verändert. Seit 20 Jahren sind die Protagonisten nicht mehr vorrangig Mörder, Monster und Mumien, sondern Angestellte, Angstbürger und Ausgeflippte. Immer noch geht es ihm um den Seelen-Alltag der Durchschnittsamerikaner und um die wichtigen Fragen von Leben, Lieben und Sterben. An diesem Donnerstag wird Stephen King 70 Jahre alt.

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