Hören Sie auf zu entscheiden - wählen Sie lieber!

Ständig muss im Markt der Optionen entschieden werden - in der Politik soll dagegen Alternativlosigkeit herrschen?

  • Von Roberto J. De Lapuente
  • Lesedauer: 4 Min.

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Blaues Hemd, grüner Hoodie oder schwarzes Shirt? Damit geht es schon los. Was passt zum heutigen Tag? Zur heutigen Stimmung? Ja, für welche Stimmung entscheide ich mich? Sich anzuziehen ist ja nicht einfach nur Nacktheit bemänteln. Oh nein, eine ganze Industrie erklärt uns jeden Tag neu, dass es hier um eine existenzielle Frage geht, Kleidung ist ja Ausdruck und tiefgründig. Der Gang zum Schrank ist die Metafrage des Tages, denn wenn ich Hoodie trage und in eine Hemdsituation reinrutsche, dann könnte wegen dieser Fehlentscheidung in meinem Leben etwas verrutschen, der schöne Plan durcheinanderwirbeln.

Geht man nur zum Einkaufen, geht es freilich auch legerer. Dann ist der Hoodie gut, er hilft aber nicht bei der Wahl: Aldi, Lidl, Penny, Norma, Edeka, Rewe oder Tegut? Wo gab es neulich diesen feinen Joghurt? Nehme ich die Bahn, gehe ich zu Fuß, fahre ich Auto oder nehme ich das Fahhrad? Einkaufstasche mitnehmen oder dort kaufen - oder doch die Box? Bargeld oder Karte? Sandalen oder geschlossenes Schuhwerk? Es regnet, da hätte man sich mal lieber für Kontaktlinsen und nicht für die Brille entscheiden sollen. Wie man es macht …

Der Gang zur Joghurtkühlung ist exemplarisch für die Einkaufswelt. Man kann wählen zwischen fettarm, Bio, mit Frucht, ohne Frucht, mit Schokostücken, ohne Milchzucker, aus Ziegenmilch oder vegan auf Sojabasis, rechts- oder linksgedrehte Kulturen, griechischer oder Landjoghurt, 9,4 % bis hinunter zu 0,1 % Fett. Nun haben wir noch nicht mal vom Preissegment gesprochen, weder Fairtrade noch Regionalgroschen erwähnt. Wenn sich zur allgemeinen Kaufentscheidung auch noch ethischer Dünkel gesellt, dann legt man sich noch ein Entscheidungskriterium in den Korb.

Das Sortiment macht jeden Einkauf zu einer komplizierten Entscheidungsfrage. Da muss jeder Griff durchdacht sein. Ob nun Wurst, Käse oder Wein, so ein Einkauf ist ein ständiger Vergleich, eine dauerhafte Entscheidungsorgie, die uns an den Rand der neuronalen Belastbarkeit führt. Der Entscheidungsdruck ist hoch, im Supermarkt kulminiert die Entscheidungsgesellschaft, in die wir uns im totalen Markt hineinmanövriert haben. Dort ist das Hoheamt einer Lebenseinstellung, die uns lehrt, dass wir alle Optionen haben – und dies gefälligst Tag für Tag für Tag überdenken sollen.

Wenn nach einem solchen Einkauf auch noch ein Handykauf ansteht oder – fast schlimmer – ein neuer Handyvertrag benötigt wird mit all seinen Besonderheiten, Extraoptionen, Sonderangeboten und Alleinstellungsmerkmalen, dann darf man am Abend mit entschiedenen Kopfschmerzen rechnen - wobei »entschieden« nicht wie im Duden hinterlegt »eindeutig, klar ersichtlich« meint, sondern den Umstand, wie die Kopfschmerzen aufkamen: Durch Entscheidungen, durch eine pausenlose Optionalität der Alltagsdinge. Angeheizt durch eine Industrie, die uns beständig einsäuselt, dass wir unseren Alltag als Wahlmöglichkeit und Gegenüberstellung der Optionen zu führen haben.

Entscheidungen zu treffen ist wahrlich nicht neu. Menschen taten es immer. Aber diese Entscheidungsdichte, diese Regentschaft der Optionen, ausgerechnet in einer Zeit, da man uns politische Alternativlosigkeit vorgibt, die ist tatsächlich von gänzlich neuer Qualität. Dieser Totalitarismus des beharrlichen Wählens und Optierens ist in der menschlichen Historie völlig unbekannt. Im Vergleich zur heutigen Zeit war jede Zeit ja auch eine Ära der Mangelwirtschaft, da konnte man gar nicht Stunden mit Entscheidungen verstreichen lassen.

Der mündige Bürger, dessen politische Mündigkeit sein soll, sich ins Alternativlose zu ergeben, darf gewissermaßen seine Entscheidungsfreude in die tägliche Verrichtung seines Angelegenheiten verfrachten. Er ist ein Stimmvieh seiner privaten Belanglosigkeit; dass er immer mehr und öfter öffentlichen Wahlen fernbleibt, man spricht es zwar gelegentlich an, macht sich darüber aber keine Sorgen. Die Menschen müssen halt heute so viele Entscheidungen treffen, da macht es doch nichts, wenn sie es nicht ins Wahllokal schaffen möchten. Man darf die Leute doch nicht überfordern.

Erstaunlich ist für mich schon, dass man diesen fast minutiösen Entscheidungstotalitarismus in soziologischen Analysen gar nicht als eines der Motive für die Wahlschlappheit heranzieht. Entscheidungsbürger und Wahlbürger: Das sind ganz offenbar zwei Paar Schuhe. Schwarze Slipper, blaue Sneaker oder braune Boots? Entscheidungen, Entscheidungen ...

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