Mein Doppelgänger bin ich

»Die Fledermaus« am Hans Otto Theater in Potsdam

  • Von Gunnar Decker
  • Lesedauer: ca. 4.5 Min.
Dies ist ein Stück über Gefängnisse, Tenöre und Masken. Kurz, über unser aller bürgerliches Doppelleben. Während man ganz und gar eingesperrt lebt, träumt man sich frei. Diese Freiheit reicht dann allerdings nicht so sehr weit, höchstens bis zum nächsten Amüsement. Statt Tragödie gibt es nur noch Skandal und Affäre.
In der »Fledermaus« wird auch gesungen. Man singt die Musik, für die später das Radio erfunden wurde. Aber weil einem Rest im Bürger der penetrante Wohlklang ein wenig peinlich ist, muss wenigstens die Handlung ironisch sein. Nach Wagners Erlösung-dem-Erlöser-Operngottesdienst gab es überhaupt nur einen Ausweg aus dem dröhnenden Pathos: Ironie. Und die musikalische Gestalt der Ironie war die Operette. Offenbach wurde zum Gegen-Wagner. Mit »Pariser Leben« und der »Großherzogin von Gerolstein« bohrt er im Mitmenschen nach Seele und stößt immer nur auf Gemüt, ein anderes Wort für Stein. Johann Strauß spitzt mit der »Fledermaus« den Befund weiter zu: Jeder ist schon sein eigener Doppelgänger, absolut austauschbar, ohne dass es jemand bemerkte.
Die Wirklichkeit des Kapitalismus war Ende des 19. Jahrhunderts geschäftshalber so nüchtern geworden, dass man sich dringend einen Rausch antrinken musste. Wagners Räusche waren zu schwer, man wollte es champagnerleicht-ironisch. Aber mit der Ironie ist das so eine Sache. Vorsicht Operette! Nirgends gibt es so viele Masken und so wenig Gesicht wie hier. Man täuscht vor, etwas zu sein. Was, das ist im Grunde egal - ein Ich ist so flüchtig geworden wie der Alkohol im Glas.
Adriana Altaras hat sich nun am Potsdamer Hans Otto Theater der »Fledermaus« bemächtigt. Vor einiger Zeit versuchte sie sich am Gorki-Theater mit »Damen der Gesellschaft« bereits an einer Art Operette. Allerdings missverstanden als Star-Parade von der Stange, ohne jede ästhetische Qualität. Operette, wurde da deutlich, ist für diese Regisseurin eine Art musikalischer Boulevard, wo man so neidvoll wie laut schenkelklopfend über die Kostüme der Konkurrentinnen herzieht. Da ist Offenbach wie Strauß sehr viel raffinierter, bösartiger und natürlich witziger. Immer trägt man hier einen Sprengsatz unter dem Unterrock. Denn dies ist eine Musik des Untergangs.
Am Ende hat in der »Fledermaus« niemand außer dem Champagner an irgendetwas Schuld. Da wird es allerdings schnell gefährlich, geradezu terroristisch. Zu viel Champagner hier, zu viel Blut da. Frank Castorf hat es dann an der Volksbühne mit dem »Wiener Blut« auch ganz wortwörtlich gemeint und Christoph Marthalers genial-böses »Pariser Leben« wurde von jenem Anstoßpunkt aus als Endspiel aller Banalisierung angepfiffen, für den wir das Wort modern kennen.
Das Gefängnis ist überall. Der Ausbruch aus der eigenen Zelle wird zum Einbruch in die des Nachbarn. So kann man die Rollentausch- und Ehebruchdramaturgie der »Fledermaus« umschreiben. Von Befreiung träumen sie alle, aber immer nur in Form des Betrugs. Aber zuletzt bleiben sie doch immer was sie sind: der Ehemann, der auf dem Maskenball dem Reiz einer für feurig befundenen Ungarin erliegt, steht doch unweigerlich wieder vor der eigenen Ehefrau. Darin liegt ein nicht mehr steigerbarer Nihilismus.
Wie ein und dieselbe Operette zu verschiedenen Anlässen klingt, ist immer eine Frage der Intelligenz der Inszenierung. Das Tückische: Diese Kunstform trägt die eigene Parodie schon in sich. Die Kunst, eine Operette zu inszenieren, bedeutet, sie an sich selbst in jener falschen Schönheit sterben zu lassen, die bloß noch auf hohle Weise hübsch ist. Eine Maske und dahinter der Abgrund des Nichts. Denn wenn man sich hier maskiert, dann nicht, um sein Gesicht zu verbergen, sondern im Gegenteil, um das Fehlen des Gesichts zu kaschieren.
Dagmar Manzel ist Rosalinde, die Ehefrau des Rentiers Eisenstein, eines als »halbflott« beschriebenen, nicht mehr jungen Ehemannes mit schwerem Bauchansatz und allein noch von erotischer Torschlusspanik bewegt. Eisenstein (kongenial der Potsdamer Intendant Uwe Eric Laufenberg) soll am kommenden Morgen seine achttägige Arreststrafe wegen Beleidigung von Amtsträgern antreten, aber für die Nacht hat er noch eine Verabredung, die ihn euphorisiert. Alle bis hin zum Dienstmädchen Adele haben sie in der Nacht eine Verabredung, alle dieselbe, denn das ist Teil der Rache des Doktor Falke (Robert Putzinger), der vor Jahren einmal betrunken von Eisenstein im Kostüm einer Fledermaus auf einer Parkbank zurückgelassen wurde und die Peinlichkeit des nächsten Morgens nicht vergessen hat.
Kaum ist Eisenstein aus dem Haus, liegt schon der frühere Liebhaber, ein schier unwiderstehlicher Tenor mit ebensolchem Bauchansatz wie er selbst im Bett bei Rosalinde. Dem Tenor steht der Schlafanzug Eisensteins so perfekt, dass er vom unvermutet auftauchenden Gefängnisdirektor (von erfrischender Amtsmüdigkeit: Helmut G. Fritzsch) gleich persönlich abgeführt wird. Allein schon wegen Dagmar Manzel und Uwe Eric Laufenberg lohnt dieser Abend. Wie Manzel-Rosalinde mit allem falschen Schmelz gegen ihren imaginären Schmerz (bloße Langeweile) ansingt, so spielend versteht sie auch wieder vom Gesungenen schroff abzurücken. Uwe Eric Laufenberg singt eher weniger schmelzend, aber mit viel Mut zum Misston. Sagen wir: Er singt wie Eisenstein. Das macht aber nichts, denn es gibt diesem Ehepaar die Glaubwürdigkeit, die naturgemäß eine dissonante ist.
Die beiden unterlaufen auf ihre Weise die grelle Lesart der Regisseurin. Philipp Mauritz gibt den sich in Countertenor-Tönen selbst anödenden Prinz Orlofsky in Joop-Manier und der Kabarettist Jockel Tschiersch als Gefängniswärter Frosch durchbricht das Verwechslungseinerlei mit hübschen Potsdam-Tiraden. Die schönste Stimme des Abends ist zweifellos die vom Stubenmädchen Adele (Katrina Krumpane), die Einzige im Arsenal, deren Maskenspiel nicht aus bloßer Laune, sondern aus der echten Hoffnung kommt, jemand anderes zu werden. Michael Helmrath am Dirigentenpult führt die Brandenburger Symphoniker wohltuend zurückhaltend, fast skeptisch und ohne den überzuckerten Donauwellenschwung, der noch jeden Johann Strauß ruiniert.
Das Problem dieser Inszenierung liegt in ihrer Halbherzigkeit. Sie gewinnt keinen klaren Begriff vom Ernst der Ironie. Gewiss geht diese »Fledermaus« einigen Potsdamern schon zu weit in ihrer grotesken Zuspitzung (immerhin das) jeder Operetten-Idylle. Man hätte aber noch viel weiter gehen müssen, hin zu einem überzeugendem Abbild des Absurden in dieser aufreizend unwirklichen Normalität der »Fledermaus...

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