Balanceakte menschlicher Gefährdung

Casey McKees Kombinationen aus Fotografie und Malerei sind in der Kreuzberger Artfein Gallery zu sehen

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Der US-amerikanische Künstler Casey McKee, der seit einigen Jahren in Berlin lebt, bringt Fotografien auf die Leinwand und übermalt sie dann. Da alles, was gedruckt ist, sein »Rohmaterial« werden kann, hat er die Möglichkeit, aus einem schier unbegrenzten Vorrat von Bildern für seine neuen Gemälde zu schöpfen, die er in einem zwanglos narrativen Stil zusammenbaut. Um die dokumentarische Aussage seiner Arbeiten zu verstärken, bemüht er sich, seinen Leinwänden die Undeutlichkeit des Schwarz-Weiß-Drucks, auch das additive Flimmern des Bildschirms, zu geben. Die Intensität der Bilder - Figuren in ihren eingefrorenen Haltungen - ist eine Bestandsaufnahme des modernen Lebens, die kritische Reflexion eines Zeitgenossen, der bis an den Rand mit den alltäglichen, schnelllebigen, realen Dingen vollgestopft worden ist. Diese Kunst mit ihren wechselnden Sujets und Farben gleicht einer Konzentration von bedeutsamen Zeichen, die es mit den unendlich vielen Zeichen der Realität aufnehmen soll.

McKees Bilder sind von erfrischendem Widerspruchsgeist. »Corporate Warfare« (Firmenkriegsführung) nennt er eine Serie, in der er sich mit der Härte des Geschäftsalltages, der Auflösung jeglicher Individualität im Managertyp, dem erbarmungslosen Wettbewerb der Konzerne auseinandersetzt. Er will nicht die freie Marktwirtschaft verdammen. Er sei kein Sozialromantiker, sagt er, »aber diese aggressive Haltung, die gibt es ja tatsächlich. Das ist so absurd. Die Yuppies lesen Clausewitz und halten sich dann für Konzernkrieger.«

Er nimmt jene gesellschaftliche Gruppe aufs Korn, die von jungen erfolgreichen Menschen geprägt wird, die sich in Managerpositionen internationaler Konzerne etablieren und die sich selbst Yuppies (eine Zusammensetzung aus young urban professional) nannten - ein Begriff, der inzwischen eine pejorative Bedeutung erhalten hat. Ihrem Lebens- und Geschäftsstil wird ein hohes Maß an Arroganz, Egoismus, Skrupellosigkeit, Selbstinszenierung, aber auch Sinnentleerung und Gefühlsabstumpfung nachgesagt. Die Theorien des preußischen Generals Carl von Clausewitz über Strategie, Taktik und Philosophie hatten nicht nur großen Einfluss auf die Entwicklung des Kriegswesens in allen westlichen Ländern, sondern finden auch heute noch im Bereich der Unternehmensführung sowie im Marketing Anwendung.

McKee setzt sich mit der Geschäftsführung in den Konzernen auseinander, der verschleierten und offen brutalen Gewalt, dem erbarmungslosen Konkurrenzkampf, dem Aufstiegswillen junger Manager um jeden Preis. Die Männer, die teure Anzüge tragen, bekämpfen sich gegenseitig mit allen Mitteln. Der Künstler versetzt sie im harten Schlagabtausch in eine Boxkampfarena, sie dreschen sich die Aktentaschen um die Ohren, sie stellen einander heimtückisch das Bein, sie schlagen brutal aufeinander ein, sie würgen sich - halb drohend, halb ironisch gemeinte Szenen der Gewalt spielen sich hier ab. McKee lässt die Gewalttätigkeit in seinen Bildern zu sich langsam bewegenden oder vollkommen statischen Formen gerinnen, er drückt sie durch steife, verlängerte Formen aus, die aus der Bildebene herausspringen, oder durch die übertriebenen Kreuz- und Querverbindungen zwischen Vorder- und Hintergrund.

Für seine Serie »Robber Barons« (gleichzusetzen mit dem deutschen Begriff Raubritter) griff McKee mit Fotografien aus dem amerikanischen Bürgerkrieg, der 1865 mit der Kapitulation des Südens endete, erstmals auf historisches Bildmaterial zurück. In diesem Krieg wurden über 600 000 Soldaten getötet, blühende Städte dem Erdboden gleichgemacht, ganze Landstriche verwüstet. Aus dem Kampf Mann gegen Mann war ein Eisenkrieg geworden, in dem die modernste Technik eingesetzt wurde.

Es war die bis heute blutigste Auseinandersetzung auf amerikanischem Boden. Bilder entstanden, die aus einer starken Anziehungskraft Gegenstandsbezeichnungen zu Gefühlsgleichnissen machen: »Hard Landing« (2017) ist der Titel für ein Schlachtfeld mit Toten, »Speculator Fervor« (2017) heißt eine Szene, in der Männer vor einer Mordskanone wie vor einem Heiligenbild verharren. »Trickle-Downer« (2016) zeigt einen Mann mit einem kriegsversehrten Gesicht. Die geheimnisvolle Stille der Landschaft wandelt sich in die hintergründige Unruhe, die von den Menschen ausgeht, die, korrekt wie Sonntagsspaziergänger gekleidet, in das Töten und Getötetwerden hineingezogen worden sind. Ein seltsames surrealistisches Drama der Gegenstände und Figuren spielt sich hier ab.

Das Themenfeld der Serie »Greenwash« behandelt die Ausbeutung der Natur und die Zerstörung der Umwelt. So kann man ruhig am Strand liegen, während vor einem die Ölplattform in Flammen aufgeht, man kann dieses wundervolle »Schauspiel« auch mit der Kamera festhalten - die von Menschen verschuldete Katastrophe ist zu einem Bestandteil unserer normalen Welt geworden (»Junkshot«, 2017).

McKees Bilder sind der konkrete Abdruck eines Momentes der menschlichen Existenz. Jedes Bild wird zu einem Balanceakt in starker menschlicher Gefährdung. Oder anders gesagt: Sie sind ein unmittelbarer Reflex des Künstlers auf seine Zeit. Eine Chronik seiner Imaginationen, Erlebnisse, Ängste und Obsessionen.

»Casey McKee: Robber Barons«, bis zum 30. September in der Artfein Gallery, Hornstr. 20, Kreuzberg

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