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Volksbühne wieder in Dercons Hand

Nach fast einer Woche setzt die Polizei der Besetzung durch Stadt- und Kulturaktivisten ein Ende

  • Von Marie Frank
  • Lesedauer: 5 Min.

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Während im Hintergrund Musikinstrumente, Kochtöpfe, Staubsauger und Discokugeln aus der Volksbühne getragen und in einem Lieferwagen verstaut werden, bereitet sich die Polizei auf die Räumung des besetzten Theaters vor. Sarah Waterfeld vom KünstlerInnenkollektiv »Staub zu Glitzer« versteht die ganze Aufregung nicht. »Es gibt überhaupt keinen Grund zu räumen, wir befinden uns mitten in einem transmedialen Kunstwerk«, sagt sie immer wieder. Doch es hilft nichts, am Donnerstag ist endgültig Schluss mit der Besetzung, Performance hin oder her.

Im Streit um die Besetzung sah es lange Zeit nach einer friedlichen Lösung aus, doch am Donnerstagmorgen überschlagen sich die Ereignisse: Die Polizei rückt mit über 200 Einsatzkräften vor dem Theater an, stellt Absperrgitter auf und lässt niemanden mehr durch. Plötzlich stehen die Zeichen auf Eskalation. Unter Polizeischutz betritt Intendant Chris Dercon die Volksbühne und stellt den BesetzerInnen ein Ultimatum: Wer nicht binnen 30 Minuten das Gebäude verlässt müsse mit einer Anzeige rechnen. Daraufhin gehen viele AktivistInnen, lediglich ein harter Kern von zwölf Menschen bleibt. Während die Polizei mit einem friedlichen Ausgang rechnet, stellen die verbliebenen BesetzerInnen klar: Wir werden nicht freiwillig aufgeben. Gehen müssen sie letztendlich aber doch.

»Die Volksbühne hatte den Besetzerinnen und Besetzern ein auf Kompromiss orientiertes, gutes Angebot unterbreitet. Die Gruppe hat dies nicht angenommen. Ich bedaure sehr, dass es nicht gelungen ist, in der Volksbühne künstlerische Arbeit und stadtpolitische Debatten in einem geregelten Rahmen gleichermaßen zu ermöglichen«, teilt Kultursenator Klaus Lederer (LINKE) nach beendeter Besetzung mit. »Wir konnten keinen gemeinsamen Weg finden«, sagt seinerseits Intendant Chris Dercon. Das Angebot des Senats, gemeinsam alternative Räume in der Stadt zu suchen, wurde nicht angenommen, berichtet Dercon. Nach Angaben des Kultursenators hatte sich das Berliner Ensemble bereiterklärt, den BesetzerInnen Räume in dessen Haus zur Verfügung zu stellen.

Dabei sah es am Abend zuvor noch ganz anders aus. Alle Seiten zeigten sich gesprächsbereit, von einer Räumung schien keine Rede zu sein. Auf dem alltäglichen Plenum sollte über das jüngste Angebot von Intendanz und Kulturverwaltung beraten werden. Die hatten den BesetzerInnen den Grünen Salon sowie den Pavillon als Räume für ihre Kunstaktion angeboten.

Neben den BesetzerInnen nahmen erstmals auch die MitarbeiterInnen der Volksbühne am abendlichen Plenum teil. Um über das Angebot zu reden, aber auch, um ihren Unmut kundzutun: »Fakt ist, die Volksbühne kann so nicht arbeiten«, beschwert sich ein Mitarbeiter. An sich hätten die Mitarbeiter nichts gegen die Ideen und Forderungen des Kollektivs, aber mit der Besetzung sei man nicht einverstanden. Zuvor hatte es eine MitarbeiterInnenversammlung gegeben, an der auch Dercon sowie einige BesetzerInnen teilgenommen hatten. Laut einem Mitarbeiter der Volksbühne gab es dort »eine deutliche Ansage an die dort anwesende BesetzerInnengruppe, die Besetzung zu beenden«.

Im Plenum wird klar warum: Viele der MitarbeiterInnen haben Angst um ihre Jobs. »Ihr schickt viele Leute in eine unsichere Zukunft«, gibt ein Filmemacher zu bedenken. »Nicht alle sind Teil der Kulturbourgeoisie!« Dafür gibt es viel Applaus aus dem Plenum, aber auch viele Zwischenrufe - die Stimmung ist aufgeheizt. Der einen Seite geht es um finanzielle Planungssicherheit, der anderen um Freiräume und Demokratie. Ein Gegensatz, der sich schwer auflösen lässt.

Nach über drei Stunden Plenum wird am Mittwochabend klar: Die Abstimmung über das Angebot wird auf den nächsten Tag verschoben. »Das hier ist ein großes Experiment. Dafür braucht es Raum und Zeit«, sagt Patrick Luzina, Sprecher des BesetzerInnen-Kollektivs, im Gespräch mit dem »nd«. Diese Zeit hatten die AktivistInnen jedoch offensichtlich nicht. Auch da es seitens der Senatskulturverwaltung oder der Intendanz kein klares Ultimatum für das Angebot gab, wurden die meisten von der Räumung überrascht.

Für Regina Kittler, kulturpolitische Sprecherin der LINKEN, kam die Räumung hingegen keineswegs überraschend: »Das war völlig absehbar. Das Angebot wurde am Mittwoch nicht angenommen. Selbst wenn das Plenum am Donnerstag fortgesetzt worden wäre, ob sie sich dann auch entschieden hätten, wie sie jetzt behaupten - Ich glaube nicht.« Schließlich hätten die BesetzerInnen immer wieder betont, dass sie alle Zeit der Welt hätten. »Ich verstehe, dass dann irgendwann ein Schlussstrich gezogen werden muss«, sagte Regina Kittler dem »nd«. Zwar sei die Räumung vom Intendanten Dercon ausgegangen, jedoch durchaus in Absprache mit der Senatsverwaltung.

Ursprünglich hatte sich der Kultursenator gegen eine Räumung ausgesprochen. Eine Verhandlungslösung sei immer die beste Lösung, beteuert Lederer am Donnerstag im Abgeordnetenhaus. Er betont gegenüber der Opposition vor allem die Sicherheitsbedenken. Bis zu 3000 Menschen sollen nach Schätzungen der Kulturverwaltung am Freitag im Gebäude gewesen sein. Eine Räumung sei da »verantwortungslos«.

Seit Freitagmittag hatten die AktivistInnen des KünstlerInnenkollektivs »Staub zu Glitzer« die Volksbühne schon besetzt. Auch wenn sie statt von Besetzung lieber von einer Performance reden und die Aktion als »kollektive und transmediale Theaterinszenierung« bezeichnen. Als Symbol gegen die aktuelle Kultur- und Stadtentwicklungspolitik sollte die Volksbühne fortan der allgemeinen Nutzung zur Verfügung gestellt und »Eigentum aller Menschen« werden. Doch die Besetzung richtete sich nicht nur gegen Gentrifizierung sondern auch gegen den neu eingesetzten und umstrittenen Intendanten Chris Dercon: »Dercon wurde einfach installiert, ohne dass irgendjemand gefragt wurde. Und jetzt steht nach Castorf schon wieder ein Mann an der Spitze«, kritisiert Patrick Luzina. »Da dachten wir uns, fordern wir mal was ganz neues und zwar eine kollektive Intendanz.«

»Die Debatte um die Zukunft der Stadt wird sicher an einem anderen Ort fortgeführt werden. An der Volksbühne kann nun an der Spielzeiteröffnung weiter gearbeitet werden«, sagt Klaus Lederer.

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