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Frauke Petry hat sich strategisch verkalkuliert

Die Ex-AfD-Chefin wollte hoch hinaus, scheiterte aber an sich selbst

  • Von Robert D. Meyer
  • Lesedauer: 4 Min.

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In der Regel gibt es zwei Typen Berufspolitiker: Jene, die schon früh Mitglied einer Jugendorganisation werden und gezielt an ihrer Politkarriere feilen, indem sie sich durch den Parteiapparat in wichtige Ämter hocharbeiten. Alexander Gaulands Biografie ist dafür ein Paradebeispiel: Schon als Studierender an der Uni Marburg wird er Mitglied im Ring Christlich-Demokratischer Studenten, später Büroleiter des CDU-Oberbürgermeisters von Frankfurt am Main, Walter Wallmann. Sein politischer Ziehvater macht ihn zum Chef der hessischen Staatskanzlei, auch als Wallmann im zweiten Kohl-Kabinett Umweltminister wird, weicht ihm Gauland nicht von der Seite. Als Wallmann 1991 die hessische Landtagswahl verliert, beginnt die zweite Karriere Gaulands als Mitgeschäftsführer der »Märkischen Allgemeinen«. Letztlich zieht es ihn wieder in die Politik. Gauland gehört zu den Gründungsmitgliedern der »Wahlalternative 2013«, die später als AfD die politische Bühne betritt.

Erst zu jener Zeit beginnt Frauke Petrys politischer Werdegang, der in seinen Anfängen so völlig anders ist als der ihres heutigen Gegenspielers Gauland. Der »Spiegel« schrieb im Frühjahr, es soll Petrys Mutter gewesen sein, die ihre Tochter auf die »Wahlalternative« aufmerksam gemacht habe, weil sie doch »so über den Euro« schimpfe. Politische Vorerfahrung bringt sie im Gegensatz zu Gauland keine mit, und doch gelingt es ihr schon auf dem AfD-Gründungskongress in Berlin, neben Bernd Lucke und Konrad Adam zur Sprecherin der Rechtsaußenpartei gewählt zu werden. Während Gauland über Jahrzehnte Grundfähigkeiten wie das politische Netzwerken erlernte und verfeinerte, scheint Petry ein gewisses Talent dafür mitzubringen.

Sie stürzt sich in ihre neue Karriere, vielleicht auch, weil ihr bisheriger Weg sie in eine Sackgasse führte. Und wieder war es ihre Mutter, die den Grundstein dafür legte. Wie sie studierte Frauke Marquardt - so Petrys Mädchenname - Chemie und machte anschließend ihren Doktor.

2007 gründet Petry eine eigene Firma, die sich auf die Produktion eines von ihr entwickelten Reifendichtmittels spezialisiert. Doch ihr fehlt das unternehmerische Händchen, nach nur sechs Jahren ist die PURinvent GmbH zahlungsunfähig, letztlich meldet Petry sogar Privatinsolvenz an.

Doch da feilt sie schon längst an ihrem Plan B - dem großen Einstieg ins politische Geschäft. Daheim im sächsischen Tautenhain ändert sich dadurch vieles, auch setzt eine politische Entfremdung zu ihrem ersten Ehemann Sven Petry ein. Jahre später wird der evangelische Pfarrer erzählen, zunächst habe er seine Frau noch unterstützt; er selbst wird nie AfD-Mitglied. »Ich fand die Fragen richtig, die anfangs aufgeworfen wurden«, erzählt Sven Petry 2017 in der ARD-Doku »Herr und Frau Petry«. Gleichzeitig erscheint »Fürchtet Euch nicht«, eine politische Abrechnung mit seiner heutigen Ex-Frau in Buchform.

Zwei zentrale Gedanken darin lauten: Das Wahlprogramm der AfD sei »in letzter Konsequenz rassistisch« und »Freiheit braucht Mut zur Vielfalt« - er formuliert damit den grundlegenden Unterschied zwischen zwei Weltbildern. Dass sich das Paar 2015 trennt, wirkt da konsequent, wie Sven Petry einmal dem »Spiegel« verriet: »Die Politik hat es jedenfalls sehr schwer gemacht, Auswege aus der Krise auszuloten«, formuliert er vorsichtig. Frauke Petry ist das Mittel der Diplomatie dagegen fremd. Während sich die AfD unter Lucke noch die Fassade einer konservativ-bürgerlichen Partei bewahrte, zerbröselt dieser Schein seit der Machtübernahme Petrys auf dem Essener Bundesparteitag 2015 zusehends. Petry erkennt, dass die AfD-Basis nach einer radikaleren Stammtischrhetorik lechzt, die vermeintliche Wahrheiten offen ausspricht. Mit dem Abgang Luckes, der daraufhin erfolglos versucht, sich mit der Parteineugründung ALFA eine neue politische Heimat zu schaffen, verschieben sich die Akzente in der strategischen Ausrichtung der AfD. Statt auf Eurokritik setzt die Rechtsaußenpartei zunehmend auf einen flüchtlings- und islamfeindlichen Kurs.

Obwohl Petry vor ihrem am Freitag verkündeten Parteiaustritt vorgab, für eine verbale Abrüstung zu stehen, provozierte sie regelmäßig selbst mit gezielt medial platzierten Aufregern, sei es durch ihre Forderung nach einem Schusswaffengebrauch an der Grenze gegen Geflüchtete oder den Plan, den Begriff »völkisch« positiv zu besetzen. Gauland selbst sagte einmal zum Konflikt in der Partei, dieser sei weniger Ausdruck inhaltlichen Streits als vielmehr ein Kampf um Strategie und Vorherrschaft. Und mag sich Petry mit ihren zweiten Ehemann, dem inzwischen ebenfalls aus der Partei ausgetretenen Marcus Pretzell, einen Netzwerker an ihre Seite geholt haben, so waren die vier AfD-Jahre Petrys doch permanent von ihrem Argwohn geprägt, es könnte schon auf der nächsten Vorstandssitzung oder einem Parteitag jemand lauern, der ihre Position bedrohen könnte.

Petrys Scheitern im innerparteilichen Machtkampf wurde mit dem Kölner Parteitag im Frühjahr absehbar, als die 42-Jährige der AfD einen Kurs der baldigen Regierungsfähigkeit aufdrängen wollte. Der musste scheitern, weil die Basis ihre Motivation aus der strikten Ablehnung des Berliner Establishments zieht. Letztlich stellte sich Gauland als klügerer Stratege heraus, indem er potenzielle Koalitionen nie ausschloss, diese aber in eine äußerst vage Zukunft verlegte.

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