Werbung

Endlich Mann und Mann, Frau und Frau

Am Sonntag gaben sich in Berlin elf gleichgeschlechtliche Paare das Ja-Wort

  • Von Johanna Treblin
  • Lesedauer: 3 Min.

»Wir haben ja noch gar nicht unterschrieben!«, ruft Bodo Mende. Sein Fast-Ehemann Karl Kreile spricht schon eine Dankesrede Richtung Publikum. Sie haben sich das Ja-Wort gegeben, haben sich geküsst - aber die Unterschrift fehlt noch.
Mende und Kreile sind das bundesweit erste gleichgeschlechtliche Paar, das am Sonntag die Ehe eingegangen ist. Denn: Seit dem 1. Oktober ist die sogenannte Ehe für alle in Kraft. Das Standesamt im Schöneberger Rathaus hat deshalb ausnahmsweise an einem Sonntag seine Türen geöffnet. Mende und Kreile sind dort das einzige Paar, das an diesem Tag heiratet. Doch auch in Friedrichshain-Kreuzberg haben sich neun Paare das Ja-Wort gegeben. Unter ihnen waren Carsten Schatz, Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses (LINKE), mit seinem Partner sowie der scheidende Grüne Bundestagsabgeordnete Volker Beck mit Partner. Auch in Hannover und Hamburg öffneten Standesämter, in der Hansestadt heirateten 15 gleichgeschlechtliche Paare.

Seit 1979 sind Bodo Mende und Karl Kreile bereits liiert. Am 19. Oktober 2002 gingen sie eine eingetragene Partnerschaft ein, was seit 2001 in Deutschland möglich ist. Jetzt ließen sie ihre Partnerschaft in eine Ehe umschreiben. »Am 19. Oktober werden wir nicht 18 Tage verheiratet sein, sondern 15 Jahre«, sagt Mende. Die Umschreibung gilt nämlich rückwirkend.

Erst zum 1. Oktober wurde auch die Software freigeschaltet, um gleichgeschlechtliche Ehen aufnehmen zu können. Gordon Holland, Leiter des Standesamts von Tempelhof-Schöneberg, traute Mende und Kreile am Sonntag. Damit es keine bösen Überraschungen geben konnte, hat er sich gründlich vorbereitet. »Am Freitag habe ich die Technik getestet«, sagt er am Sonntag im Goldenen Saal des Rathauses Schöneberg. Es habe keine Probleme gegeben.

Nach der offiziellen Zeremonie schneiden Mende und Kreile die Hochzeitstorte an und nehmen dann die Glückwünsche und Geschenke ihrer rund 100 Gäste entgegen. Auf die Frage, wer wen über die Schwelle tragen werde, lachen beide nur. »Mein Ischias bringt mich um«, sagt Kreile.

Die »Ehe für alle« war kurzfristig am 30. Juni dieses Jahres vom Bundestag beschlossen worden. Damit hat Deutschland als eines der letzten westeuropäischen Länder die volle rechtliche Gleichstellung Homo- und Heterosexueller im Eherecht ermöglicht. Der Unterschied zur eingetragenen Partnerschaft liegt rein praktisch vor allem im Recht, Kinder adoptieren zu dürfen.

»Für uns ändert sich nicht viel, weil wir keine Kinder adoptieren wollen«, sagt Kreile. Für ihn und seinen Partner sei es ein symbolischer Akt, jetzt endlich auch als Ehepaar anerkannt zu sein. »Wir haben viele Jahre dafür gestritten.« Bodo Mende sagt: »Eine jahrhundertelange Diskriminierung durch den Staat geht endlich zu Ende.« Der Staat dürfe damit aber nicht aus seiner Pflicht entlassen werden. »Wir haben immer noch Homophobie. Das muss angegangen werden. Es geht um Menschen- und Bürgerrechte.«

Mende ist Vorstandsmitglied des Lesben- und Schwulenverbands Berlin-Brandenburg. 1979 engagierte er sich in der »Homosexuellen Aktion Westberlin«, wo er auch Karl Kreile kennenlernte. Seitdem setzen sie sich gemeinsam für die Rechte von Homosexuellen ein. 1992 nahmen sie an der »Aktion Standesamt« teil. 250 schwule und lesbische Paare beantragten am 19. August des Jahres in rund 100 Gemeinden in ganz Deutschland das Aufgebot. Da die Standesämter ihnen die Eheschließung verweigerten, riefen etwa 100 Paare die Gerichte an. In den meisten Fällen wurden die Anträge zurückgewiesen. Nur wenige Paare hatten zunächst Erfolg, mussten letztlich aber doch eine rechtliche Schlappe hinnehmen.

Über 10 000 Berliner Paare leben bislang in einer gleichgeschlechtlichen eingetragenen Partnerschaft. Der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) erklärte, er hoffe, dass die Eheschließung gleichgeschlechtlicher Paare bald gesellschaftlich eine nicht mehr besonders zu erwähnende Selbstverständlichkeit sein werde.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln