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Mozarts und Hitlers Zeitgenossen

Beim 65. Internationalen Filmfestival San Sebastián ging es weniger um gegenwärtige Kriege als um historische Figuren

  • Von Jone Karres Azurmendi
  • Lesedauer: 4 Min.

Eigentlich sollte das Aushängeschild des diesjährigen Wettbewerbs der Eröffnungsfilm »Submergence« sein, die neue Arbeit von Wim Wenders. Die Erwartungen waren hoch, doch der Thriller bekam nur sehr mäßige Zustimmung.

Polemik bei der Preisverleihung hat in San Sebastián langjährige Tradition. In diesem Jahr kam es anders. Die Goldene Muschel ging zur allgemeinen Freude an eine erfrischende Komödie mit Tiefgang, »The Disaster Artist«: Der US-amerikanische Schauspieler James Franco hat das skurrile Making of des 2003 gedrehten Filmes »The Room« verfilmt, einer Produktion, die seinerzeit von der Kritik als der schlechteste Film aller Zeiten bezeichnet wurde, Jahre später aber aufgrund höchst bizarrer Szenen und grotesk schlechter Darstellung internationalen Kultstatus erreichte.

Der exzentrische Tommy Wiseau, grandios von James Franco dargestellt, hatte die ursprünglich tragisch angelegte Dreiecksbeziehung als Theaterstück geschrieben. Später schrieb er das Drehbuch von »The Room« und stürzte sich in aufwendige Filmarbeiten, die er komplett selbst finanzierte. Die Handlung von »The Room« verlor sich in unzusammenhängenden Nebenhandlungssträngen, die Dialoge waren absurd, wodurch eine unfreiwillige Komik entstand, weswegen Wiseau im Nachhinein seinen Film als »schwarze Komödie« definierte.

Im Grunde ist Tommy Wiseau eine tragische Figur: ein untalentierter Schauspieler, der sich die Illusion vom Hollywood-Erfolg trotz aller Widrigkeiten bewahrt und wie der spanische Antiheld Don Quijote gegen Windmühlen kämpft. Seine Vision von einem »leidenschaftlichen Film im Stil von Tennessee Williams« zeigt, wie fern er der Realität tatsächlich war.

Der Spezialpreis der Jury ging an »Handia« (»Giant«) von Jon Garaño und Aitor Arregi, eine wahre Geschichte über den »Riesen aus Altzo« aus dem Baskenland, der im 19. Jahrhundert als größter Mann seiner Zeit mit seinem Bruder durch Europa reiste, um sich wie bei einer Freakshow dem Publikum vorführen zu lassen. Im Vordergrund steht die Beziehung der beiden Brüder in einer sozialen und politischen Umbruchsituation, den Karlistenkriegen. Erzählt wird, wie beide jeweils damit umgehen, um zu überleben.

Gewisse Parallelen finden sich im deutsch-österreichischen Beitrag »Licht« von Barbara Albert wieder. Sie erzählt die Geschichte der blinden Pianistin Maria Teresia Paradis, einer Zeitgenossin Mozarts. Auch sie wird vorgeführt, hat weder ihre Körperlichkeit noch ihr Schicksal im Griff und wird von ihren Eltern bevormundet. Albert schildert die Beziehung der Musikerin zum Wunderdoktor Franz Anton Mesmer, der sie behandelt. Maria Dragus spielt die blinde Künstlerin gekonnt.

Den Hauptpreis für die weibliche Hauptrolle bekam allerdings Sofía Gala Gastiglione für »Alanis«, die Silberne Muschel erhielt die argentinische Regisseurin des Films, Anahí Berneri.

Der Preis für die beste Kamera ging an Florian Ballhaus für den deutsch-polnisch-französischen Beitrag, »Der Hauptmann«. Regisseur Robert Schwentke erzählt hier in stilistisch gekonnten Schwarzweißbildern die wahre Geschichte eines Deserteurs der Wehrmacht, der eine Offiziersuniform findet und sich in seine neue Rolle allmählich so sehr hineinsteigert, dass er in einem Gefangenenlager Hunderte von Insassen abschlachtet. Ebenso detailgetreu wie abstoßend dargestellt wird die Dekadenz des perfiden Naziregimes, die rohe Brutalität der menschlichen Natur in einem barbarischen System. Mit einem Augenzwinkern stellt Schwentke in der Schlussszene den Bezug zur Gegenwart dar.

Antonio Banderas bekam den Nationalen Preis für Kinematographie. Als er nach der verfahrenen Situation in Katalonien und dem verfassungswidrigen Referendum gefragt wurde, das gestern abgehalten werden sollte, verglich er die Lage mit der Absurdität eines Berlanga-Films. In San Sebastián hingen jedenfalls einige katalanische Fahnen an Fassaden und einige solidarische Demonstrationen machten sich auf dem Festivalgelände bemerkbar. Ein Zeichen dafür, dass auch im Baskenland nach wie vor der allgemeine Wunsch nach einem Referendum besteht. Die ETA gehört zwar der Vergangenheit an, wurde aber dennoch in der Komödie »Fe de Etarras« thematisiert: Borja Cobeaga macht sich über ein absurdes ETA-Kommando lächerlich, das sich in einer Wohnung verschanzt, während die Nachbarn bei der Fußballweltmeisterschaft das spanische Team bejubeln. Hier werden Patriotismus und Nationalismus auf humorvolle Art in Frage gestellt. Das riesige Werbeplakat zum Film sorgte allerdings - wegen vermeintlicher Beleidigung - für eine Strafanzeige der Vereinigung der Opfer des Terrorismus. Festivalleiter José Luis Rebordinos kommentierte den Versuch einer Zensur mit Bedauern: »Angesichts der Probleme, die überall herrschen, ist das keine Lösung. Damit meine ich nicht Katalonien, sondern die vielen anderen sozialen und politischen Themen wie Arbeitslosigkeit, Bildung und die Flüchtlingskrise. Pluralität und Dialog sind wichtig. Das Festival soll dazu dienen, Diskurse anzuregen. Humor ist die beste Waffe gegen Intoleranz.«

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