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Singen für den Diktator

Der Historiker Roman Smolorz hat die Rolle der Regensburger Domspatzen in der NS-Zeit untersucht

  • Von Ute Wessels, Regensburg
  • Lesedauer: 3 Min.

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Die Regensburger Domspatzen haben zweimal vor Adolf Hitler auf dem Obersalzberg gesungen. Mit bis zu 12 000 Reichsmark unterstützte der Diktator jährlich den Chor. Nun, 72 Jahre nach dem Ende der Nazidiktatur, haben die Domspatzen ihre eigene Rolle im Nationalsozialismus aufarbeiten lassen. Der Historiker Roman Smolorz von der Universität Regensburg hat das Wirken der Domspatzen in den Jahren 1933 bis 1945 recherchiert und in einem Buch zusammengefasst. Es zeigt die gesellschaftliche Struktur im NS-Staat und das Verhältnis zwischen Kirche und Politik zu der Zeit.

Aus finanziellen Gründen seien die Domspatzen darauf angewiesen gewesen, auch außerhalb der Kirche aufzutreten, sagte Smolorz kürzlich in Regensburg bei der Vorstellung der Studie »Regensburger Domspatzen im Nationalsozialismus - Singen zwischen Katholischer Kirche und NS-Staat«. Schon nach dem Ersten Weltkrieg habe der Chor bei weltlichen Veranstaltungen gesungen. 1924 sei die Lage »dermaßen schlecht« gewesen, dass sich Ehemalige zum Domchorverein zusammenschlossen, um den Chor zu unterstützen.

Wie andere Vereine brachten die Nazis den Domchorverein im Dritten Reich unter ihren Einfluss. 1935 übernahm der ehrgeizige Nationalsozialist Martin Miederer den Vorsitz. Der habe durch die Nähe des Chores zu Hitler vor allem seine eigene Karriere vorantreiben wollen, bilanzierte der Autor. Insgesamt traten die Sängerknaben fünfmal vor Hitler auf. Für Hitler seien die Domspatzen etwas Besonderes gewesen, sagte Smolorz. Warum das so war, lasse sich jedoch nicht sagen. Jedenfalls habe der Diktator keine anderen Chöre in ähnlicher Weise protegiert. Bei einem Besuch auf dem Obersalzberg 1936 erwähnte der damalige Domkapellmeister Theobald Schrems die Pläne für ein Musikgymnasium, woraufhin Hitler einen jährlichen Obolus zahlte.

Der wesentliche Profit, den der Chor aus der NS-Zeit gezogen habe, sei das gestiegene Renommee gewesen. Staatlich finanzierte Auslandsreisen steigerten Smolorz zufolge die Bekanntheit des Chores im Ausland. Bischof Michael Buchberger sei Kompromisse eingegangen, um das Überleben des Chores in einer für die Kirche schwierigen Zeit zu sichern. Einmischungen seitens der Politik in musikalische Fragen habe sich Dirigent Schrems verbeten. Auch die Rolle der Eltern und die Perspektive der Kinder werden in dem Buch beleuchtet. »Die Kinder sind Opfer der Erwachsenenwelt«, fasst der Autor zusammen.

Auch heute versteht sich der Chor in erster Linie als eine kirchliche Institution mit Auftritten im Dom. Aber: »Der Chor ist so gut, dass er den Bühnen der Welt nicht vorenthalten werden soll«, sagte Marcus Weigl vom Verein der Freunde des Regensburger Domchores. Kapellmeister Roland Büchner nennt Auftritte bei der Weihnachtsfeier des Bundespräsidenten in Berlin oder Einsätze auf kommunalpolitischer Ebene wie Gastspiele in Partnerstädten im Ausland. Der Chor sei Botschafter. »In erster Linie des eigenen Hauses, aber auch der Stadt Regensburg und letztlich der Bundesrepublik Deutschland.« Gewisse Zwänge, unter denen einst der Bischof und der Domkapellmeister gestanden hätten, könne er durchaus nachvollziehen.

Vereinsvorsitzender Weigl hofft, dass das Buch gerade bei den heutigen Domspatzen auf Interesse stößt und auch im Geschichtsunterricht behandelt wird. Der Verein hatte die Recherche des NS-Kapitels des Chores und das Buch bei der Uni Regensburg in Auftrag gegeben. Zuletzt hatte die Aufarbeitung des Nachkriegs-Missbrauchsskandals bei den Domspatzen für Schlagzeilen gesorgt. dpa/nd

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