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Flug MH 370 bleibt ein Mysterium

Australische Experten legen offiziellen Abschlussbericht vor - und sind damit höchst unzufrieden

  • Von René Heilig
  • Lesedauer: 5 Min.

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Die mutmaßliche Katastrophe hat das Zeug für jede Art von Thriller. Am 8. März 2014, also vier Monate vor dem gleichfalls noch immer nicht aufgeklärten Abschuss des Malaysia-Arlines-Fluges Nummer 17 über der Ostukraine, verschwand die Malaysia-Airline mit der Flugnummer 370. Auf dem Weg von Kuala Lumpur nach Peking verschwand die Maschine vom Radar der Flugverkehrskontrolle. An Bord der Boeing 777-200 waren 227 Passagiere und zwölf Besatzungsmitglieder. Das Verrückte an der tieftraurigen Geschichte: Dreieinhalb Jahre später weiß man nichts über die Ursachen des Verschwindens und auch nicht, wo man das Wrack finden kann.

Bereits im Januar dieses Jahres wurde die Suche eingestellt. Sie soll erst wieder aufgenommen werden, wenn es glaubwürdige neue Hinweise gibt. Die finden sich in dem zu Wochenbeginn veröffentlichten 440-seitigen Abschlussbericht des Australian Transport Safety Bureau leider nicht. Die Experten sprachen den Familien der verschollenen Flugzeuginsassen ihr »herzliches Beileid« aus und bedauerten »zutiefst, dass wir weder das Flugzeug noch die 239 Seelen an Bord ausfindig machen konnten.«

Der Bericht atmet Fassungslosigkeit. Man hat alle Anhaltspunkte analysiert, alle Parameter geprüft, ist jeder Menge Theorien zur Absturzursache gefolgt und das alles nur, um zum Schluss zu kommen: Es gibt keine konkreten Hinweise darauf, wo sich das Wrack der verschwundenen Boeing befindet. Dabei sei es »nahezu unvorstellbar und mit Sicherheit für eine Gesellschaft auch nicht hinnehmbar, dass in der Ära der modernen Luftfahrt ein so großes Flugzeug verschwunden bleibt«.

Doch genau so ist es. Dabei hatten Australien, Malaysia und China, unterstützt von weiteren Ländern, die teuerste Tiefseesuche aller Zeiten eingeleitet, um die Maschine zu finden. Die Kosten betrugen mehr als 150 Millionen US-Dollar (127 Millionen Euro). Zunächst suchte man die an Malaysia angrenzenden Gewässer ab, dann konzentrierte man sich auf den südlichen Indischen Ozean. Damals übernahm Australien die Koordinierung der Suche. Bis April 2014 wurden 4,5 Millionen Quadratkilometer Meeresoberfläche abgesucht. Anschließend berechnete man ein neues Suchgebiet, dass 150 000 Quadratkilometer maß. Man setzte Sonartechnik und Unterwasserfahrzeuge ein. Unterwassermikrofone lieferten Hinweise auf mögliche Einschlaggeräusche. Zudem gaben die wenigen Satellitenbilder aus der Region Hinweise auf Kondensstreifen. Driftanalysen sowie Hinweise von Meeresbiologen zog man zu Rate. Vergeblich. Lediglich drei Wrackteile der Maschine wurden an Küsten im westlichen Indischen Ozean angespült. Das erste fand man 508 Tage nach dem Verschwinden des Großraumjets.

Das Flugzeug war nicht neu, doch offenbar technisch in Ordnung. Es hatte 53 400 Betriebsstunden bei 7526 Flügen absolviert. Rund zwei Drittel der Passagiere waren Staatsangehörige der Volksrepublik China, 38 Passagiere stammten aus Malaysia. Für Verwirrung hatten zwei junge Iraner gesorgt, die offenkundig mit gestohlenen Pässen unterwegs waren. Sie gaben sich als Österreicher und Italiener aus. Die Pässe waren den rechtmäßigen Inhabern in Thailand gestohlen worden. Die beiden hatten von Peking aus Anschlussflüge nach Amsterdam und Frankfurt am Main gebucht. Das hatte ein unbekannter Dritter in einem thailändischen Reisebüro erledigt und die Tickets bar bezahlt - weshalb Ermittler einen terroristischen Hintergrund vermuteten. Doch dieses Spur ließ sich nicht erhärten.

Im Abschlussbericht wandte man sich daher erneut dem Flugkapitän zu. 170 Vernehmungen hatten bei malaysischen Ermittlern Argwohn geweckt. Für die Kriminalisten war klar: Alle Indizien sprechen gegen Fariq Abdul Hamid. Doch die Theorie eines erweiterten Selbstmordes - man kennt den vergleichbaren Fall eines Germanwings-Co-Piloten, der »seine« Maschine im März 2015 gegen einen Berggipfel steuerte und dabei 150 Insassen umbrachte - wurde damals von den Behörden wieder ad acta gelegt.

Nun jedoch messen die australischen Ermittler dieser Absturztheorie wieder größere Bedeutung bei. Sechs Wochen vor dem offenkundigen Absturz hatte der Flugkapitän einen Kurs auf dem Computer getestet, der »der Route von MH 370 ähnlich war«, heißt es im Absturzbericht. Gestartet ist er virtuell gleichfalls in Malaysias Hauptstadt, die Strecke habe entlang der Straße von Malakka und dann in Richtung des südlichen Indischen Ozeans geführt.

Im Simulator ist nachzuvollziehen, dass er so lange flog, bis kein Kerosin mehr in den Tanks war. Dieser mutmaßliche »finale Probeflug« war mit einer Boeing-777-200-Software ausgeführt worden. Flug MH 370 war eine reale Boeing 777-200 ER.

Doch es gibt auch Unterschiede zum grausigen Geschehen. Bei der letzten Dateneingabe sei das Flugzeug im Simulator rund 7800 Kilometer geflogen. So weit kann der Treibstoff von MH 370 nicht gereicht haben. Zudem sei der Pfad nicht mit dem Weg identisch, den die Ermittler mit Hilfe von Satellitendaten errechnet hatten. Diese Daten, das machten Zwischenergebnisse der Untersuchungen klar, deuten auch darauf hin, dass in der Schlussphase des Fluges von MH 370 niemand an Bord eine Kontrolle über das Flugzeug ausübte. In den letzten fünf Minuten sei die Sinkgeschwindigkeit dramatisch angestiegen. Von 1200 Meter pro Minute soll sie auf 6700 Meter pro Minute angewachsen sein.

Andere Experten glauben, dass die Cockpit-Crew durchaus eine Notlandung auf dem Wasser versucht haben könnte. Darauf deute ein Trümmerteil hin, das auf der Insel La Réunion gefunden wurde. Warum sei sonst das Steuerruder der Tragfläche ausgefahren gewesen? Das gehe nur durch Menschenhand, sagen jene, die der Notladungsvariante zuneigen.

Die Ermittler sprechen immerhin Empfehlungen aus. Man brauche mehr Positionsbestimmungen der Passagiermaschinen in kürzerer Zeitfolge. Die zwischenzeitlich von der internationalen Luftfahrtvereinigung IACO festgelegten 15-Minuten-Sendeintervalle der jeweiligen Positionen reichten nicht aus, um das Suchgebiet so einzugrenzen, Überlebende und Wracks »in einer vernünftigen Zeitspanne« zu lokalisieren.

Für MH 370 bleibt das unbefriedigende und zugleich beispielloses Fazit: Ohne das Wrack und vor allem die Flugschreiber der Boeing ist eine Aufklärung des Vorfalls unmöglich.

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