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Erfolgreich auf dem Holzweg

Sachsen-Anhalt: Im kleinen Südharzort Rottleberode arbeitet man daran, die Buche umfassend für den Gebäudebau nutzbar zu machen

  • Von Uwe Kraus, Rottleberode
  • Lesedauer: 3 Min.

Wer mitten in den Harzwäldern lebt, muss keineswegs ein Hinterwäldler sein. Christian Schiffner vom Holzimpulszentrums (HIZ) in Rottleberode bemerkt stolz: »Wir sind in der Region der Hotspot der holzverarbeitenden Industrie in Sachsen-Anhalt.« Denn das Gebiet im Südharz ist äußerst waldreich und umfasst in einem Umkreis von 150 Kilometern um Rottleberode allein 30 Prozent des deutschen Buchenbestandes. Doch der Einsatz von Buchenholz etwa für Kon-struktionszwecke ist weitgehend unerforscht, nur etwa die Hälfte der verfügbaren Buchenholzes und meist allein die überalterten Bestände werden genutzt. »Und davon mehr als ein Drittel nur energetisch«, sagt Prof. Matthias Zscheile, der vor fünf Jahren in Rottleberode das Holzimpulszentrum gegründet hat. »Wir wollen die Wertschöpfung von Holz steigern. Das Verheizen ist die geringste Nutzung, die aus dem Rohstoff Holz zu erzielen ist«, kritisiert er.

Das HIZ kooperiert nicht nur mit Firmen im Südharz, es gilt auch als Bindeglied zwischen der Holzindustrie der Region und dem vom Bundesforschungsministerium geförderten Bereich Bioökonomie Leuna. Während in Rottleberode neue Produkte entwickelt werden sollen, befassen sich die Wissenschaftler in Leuna mit Resteverwertung. Der Spitzencluster »BioEconomy« verknüpft die für die Bioökonomie relevanten Industriebereiche. Das ist die chemische Industrie, die Papier- und Zellstoffindustrie, die Land- und Forstwirtschaft, die Energiewirtschaft sowie der Maschinen- und Anlagenbau in Mitteldeutschland. Damit bildet »BioEconomy« erstmals die gesamte Innovations- und Wertschöpfungskette branchenübergreifend ab. Das HIZ soll regional, bundesweit und international als bedeutende Bildungs- und Wissenstransfer-Einrichtung zum Thema Holzbau etabliert werden.

Wo gehobelt wird, fallen Späne - doch auch Holzabfälle müssen nicht in Biomasse-Heizkraftwerken verbrannt werden. Lignin, ein braunes Pulver aus Holzabfällen, kann den fossilen Feststoff Phenol in Klebstoffen ersetzen und so auch helfen, Erdöl einzusparen. HIZ-Experte Schiffner zeigt Dämmstoffe, die nicht aus plastikähnlichen Erdölprodukten wie Polyurethanen gefertigt werden, sondern aus Buchenholzabfallprodukten im benachbarten Berga entstehen. HIZ-Gründer Zscheile verweist auf die Zusammenarbeit, mit der Sägewerke, Dämmstoff- und Gipsplattenhersteller den Hausbau revolutionieren wollen: »Wir wollen, dass Holz noch mehr ins öffentliche Bewusstsein gerückt und als hervorragender und nachwachsender Rohstoff auch bei Industrie, Handwerk und Gewerbe noch mehr Akzeptanz findet.« Mit dem entwickelten Holzbausystem könnte man leichter und schneller bauen als mit Stahl und Beton. Am Fraunhofer Institut für Werkstoffmechanik in Halle plant man, ganze Häuser aus Holzabfall zu bauen.

Jedoch beobachten die Entwickler große Berührungsängste gegenüber den neuen Werkstoffen. »Wir haben einmal 6000 Architekten und Ingenieure in Mitteldeutschland zwecks Ideenaustausch angeschrieben: Es meldeten sich ganze drei zurück«, bedauern Schiffner und Zscheile. Sie sehen das Thema Wald und Holz auch zu wenig in der Bevölkerung verankert. So soll eine stärkere Öffentlichkeitsarbeit des HIZ die Menschen, die den Wald nur vom Pilzesammeln und von Wanderungen kennen, mehr für forstliche Belange sensibilisieren.

Auf der Agenda hat das HIZ neben der Kooperation mit dem Forschungspartner Hochschule Rosenheim bei der Produktentwicklung und der Vernetzung von Firmen auch die Unterstützung von Forstbesitzern bei der Planung der Waldentwicklung und bei der Fernerkundung. »Ich nenne das Inventur des Waldes«, sagt Schiffner. Diese Übersicht sei »bitter nötig. Schließlich verfügen nur 2000 der 53 000 Waldbesitzer in Sachsen-Anhalt über mehr als zehn Hektar Wald.«

Man sei auf einem »guten Holzweg«, findet Zscheile. Doch ihn drückt ein großes Problem. »Uns fehlt gutes Personal möglichst aus der Region.« Eine schöne Waldlandschaft zöge nicht automatisch hochqualifizierte Absolventen in den Harz.

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