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»Für geordnete Verhältnisse«

Die Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie lobt sich auf ihrem Gewerkschaftstag für Kontinuität und Sozialpartnerschaft

  • Von Hans-Gerd Öfinger
  • Lesedauer: 3 Min.

400 Delegierte der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) kommen am Sonntag in Hannover zu ihrem 6. Ordentlichen Gewerkschaftskongress zusammen. Bei dieser Gelegenheit kann die Organisation gleich auch ihren 20. Geburtstag feiern.

Die IG BCE mit ihren derzeit rund 645 000 Mitgliedern ist das Produkt einer Fusion von drei Organisationen. Unter dem Eindruck des massiven Strukturwandels in der Indus-trielandschaft hatten 1997 die IG Bergbau und Energie (IGBE) und die Gewerkschaft Leder (GL) ihre Unabhängigkeit aufgegeben und begaben sich unter die Fittiche der im Verschmelzungsprozess tonangebenden IG Chemie-Papier-Keramik (IG CPK). Deren bisherige Zentrale in Hannover wurde zum Sitz der IG BCE.

Die Fusion hatte sich schon Anfang der 1990er Jahre angebahnt. Die GL litt zunehmend unter einer mit dem Niedergang der Schuhindustrie einhergehenden Auszehrung. Als Zentrum der Branche und Hochburg der Gewerkschaft galt in der Nachkriegszeit das pfälzische Pirmasens. Hier produzierten noch 1969 über 32 000 Arbeiter 62 Millionen Paar Schuhe. Doch seit den 1970er Jahren schlossen viele Betriebe oder verlagerten ihre Produktion in Niedriglohnländer. Von einst 120 Betrieben sind nur noch drei kleinere Fabriken für teure Spezialprodukte geblieben. Fassaden stillgelegter Fabriken zeugen von Deindustrialisierung. Einen Niedergang wie Pirmasens erlebte, quasi im Zeitraffer, in den 1990er Jahren Weißenfels (Sachsen-Anhalt), Zentrum der DDR-Schuhindustrie.

Auf eine lange Tradition mit hohem Organisationsgrad konnte auch die IG Bergbau und Energie zurückblicken. Schließlich war der Steinkohlebergbau an Ruhr und Saar über Generationen eine Schlüsselindustrie und Hauptenergiequelle. Durch Druck von unten und angesichts von Sozialisierungsforderungen wurde den Bergarbeitern 1951 die Montanmitbestimmung zugestanden. Mitte der 1960er Jahre löste das einsetzende Zechensterben Existenzängste und Arbeiterproteste aus. »Wenn es an der Ruhr brennt, hat der Rhein nicht genügend Wasser, das Feuer zu löschen«, warnte Rainer Barzel, Unionsfraktionschef im Bundestag. »Berichterstatter hatten Angst, die Leute reißen die Straße auf und schmeißen mit den großen Pflastersteinen. Ich hatte den Eindruck, dass die Gewerkschaftsfunktionäre damals ihre Aufgabe darin gesehen haben, die Bergleute nicht über ihre Situation aufzuklären, sondern sie zu beruhigen«, erinnert sich Ex-WAZ-Lokalredakteur Thomas Rother in seinem Buch »Arbeiterlieder aus dem Ruhrgebiet«. Dieser Rolle blieb die IGBE-Führung auch beim letzten großen Aufbäumen der Bergarbeiter im März 1997 treu. Damals kündigte die schwarz-gelbe Bundesregierung massive Kürzungen der Steinkohlesubventionen an, die den Abbau von 50 000 Stellen nach sich gezogen hätten. Es kam zu spontanen Streiks und Autobahnbesetzungen. 15 000 Bergarbeiter belagerten tagelang das Bonner Regierungsviertel und besetzten die FDP-Zentrale. Die IGBE-Führung handelte einen Kompromiss aus, der eine zeitliche Streckung der Zechenschließungen samt Abfederung bei Jobverlust vorsah. Ein halbes Jahr später war die Gewerkschaft mit dem IG-BCE-Gründungskongress Geschichte.

Innerhalb des DGB gehört die IG BCE wie ihre Vorgängerorganisation IG CPK zu den gemäßigten Gewerkschaften. Die letzte offizielle Streikbewegung in der westdeutschen Chemieindustrie fand Anfang der 1970er Jahre statt. Die Organisation gilt als Hochburg von Sozialpartnerschaft und Co-Management ihrer Betriebsräte vor allem in den Großkonzernen. Immer wieder gab es Konflikte mit oppositionellen Betriebsräten, die auf eine harte Linie gegenüber den Arbeitgebern drängten. 2003 lobte der im rechten SPD-Flügel verwurzelte Gewerkschaftschef Hubertus Schmoldt die Agenda-Politik von SPD-Kanzler Gerhard Schröder und distanzierte sich von zaghaften DGB-Protesten.

»Wir haben mit den Arbeitgebern eine Sozialpartnerschaft entwickelt, die in dieser Form einmalig ist«, heißt es in »Antrag 001« des Vorstands, der den Delegierten des Gewerkschaftskongresses zur Abstimmung vorliegt. Und: »Wir sorgen in unseren Betrieben und Branchen für geordnete Verhältnisse und Stabilität.« Als Schmoldts »Ziehsohn« war Michael Vassiliadis 2009 zum Vorsitzenden gewählt und 2013 von 99,2 Prozent der Delegierten bestätigt worden. Er tritt kommende Woche wieder an.

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