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Die Legende vom kuscheligen Bullerbü

Robert D. Meyer glaubt nicht daran, dass der Heimatbegriff von links umgedeutet werden kann

  • Lesedauer: 3 Min.

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Mit dem Erstarken der Neuen Rechten in Deutschland, am spürbarsten erkennbar an den Wahlerfolgen der AfD, wurde der gesellschaftlichen Linken die Debatte um einen Begriff aufgezwungen, der eigentlich zu diffus ist, um als politischer Kampfbegriff zu taugen: Heimat. Doch die Diskussion über das Für und Wider, der Streit um die Begriffshoheit ist längst entbrannt. Insbesondere die Grünen erwecken derzeit den Eindruck, vor einem möglichen Eintritt in eine Jamaika-Koalition auf Bundesebene noch krampfhaft ihr Verhältnis zum Heimatbegriff klären zu müssen. Katrin Göring-Eckardt bemüht zur Rechtfertigung dieser Debatte das Argument, man dürfe den Heimatbegriff nicht den Rechten überlassen. Mit dieser Haltung impliziert sie bereits, dass es eine linke Vorstellung von Heimat geben kann. »Die Sehnsucht nach ›Heimat‹, nach Zuhause, danach, sich zurechtzufinden, sicher zu sein, ist als solche nicht reaktionär«, schrieb Göring-Eckardt am Freitag in der »taz«.

Interessant ist, dass die Grünenpolitikerin unterstellt, dass »Heimat« aus sich heraus mit Sicherheit und Geborgenheit gleichzusetzen wäre. Nicht zufällig erlebte der Heimatbegriff zu Zeiten der Romantiker seinen ersten Aufschwung. Als Reaktion auf die Aufklärungsbewegung des 17. und 18. Jahrhunderts zimmerten sich die Romantiker ein fantastische Parallelwelt zusammen, in der es vor Magie und Mystik nur so wimmelte - der Glaube an die Kraft des Übernatürlichen, an ein vorherbestimmtes Schicksal hatte durch den wohl berühmtesten Satz der Aufklärung, »Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!«, im Diesseits gerade einen kräftigen Kinnhaken verpasst bekommen.

Damals wie heute war die in plüschige Zuckerwatte verpackte Vorstellung eines heimeligen Rückzugsortes auch eine Antwort auf die gewaltigen Umbrüche in Europa, die viele fragend zurückließen, zumal unter diesen Vorrausetzungen die Vorstellung eines Weltbürgertums einer schönen Utopie glich. Spätestens mit dem Wiener Kongress war klar, dass der Kosmopolitismus auf absehbare Zeit in den Bücherregalen der Philosophen Staub ansetzen würde - erst nach zwei Weltkriegen sollte dieser wieder mit dem Aufkommen einer gesamteuropäischen Idee eine Chance bekommen.

Doch je stärker die spätere Europäische Union wurde, je deutlicher sich in einer Art zweiten Welle der Aufklärung die Erkenntnis verbreitete, dass die entscheidenden Fragen der Zukunft (Klimawandel, Migration, Arbeit) nur global beantwortet werden können, umso stärker griff auch wieder die Vorstellung um sich, dass es für jeden so ein beschauliches Bullerbü gäbe, in dem die Verhältnisse übersichtlich bleiben, da sie regional eng begrenzt sind. Die Kernfrage ist: Sollte sich die gesellschaftliche Linke um den Begriff der Heimat bemühen oder ihm stattdessen die alternative Erzählung eines Weltbürgertums entgegensetzen? Fällt der Neuen Rechten die Besetzung des Heimatbegriffs nicht deshalb leicht, weil er so schön beliebig ist und mehr an das Gefühl als an den Verstand appelliert? Erstaunlicherweise drängen sich Parallelen zwischen dem früheren Erfolg der Romantiker und dem heutigen Siegeszug der Blut-und-Boden-Ideologen von AfD bis Pegida auf, wenngleich Erstere damit vordergründig keine politische Agenda betrieben. Dennoch eint beide Gruppen etwas, das wir neudeutsch als postfaktisch bezeichnen. Dabei tritt die Wahrheit einer Aussage hinter ihren emotionalen Effekt zurück.

Und wenn die Neue Rechte zur Verteidigung der Heimat ruft, dann klingt dies in den Ohren vieler Menschen nicht besonders dramatisch, weil der Heimatbegriff wie ein Wolf im Schafspelz daherkommt, dem oberflächlich nichts Negatives anhaftet, weil Gefühle doch zutiefst menschlich sind. An diesem Punkt fällt es den Reaktionären leicht, mit ihren Vorstellungen anzudocken, die unscharfe Definition von Heimat als Einfallstor für ihre Ideologie zu nutzen. Nicht zufällig gab die NPD einst die Parole aus: »Umweltschutz ist Heimatschutz!« Klingt doch harmlos, oder liebe Grüne?

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