Wie irische Wiesen

»Romeo oder Julia«, der neue Roman von Gerhard Falkner

Wie irische Wiesen

Ein Schriftsteller, Kurt Prinzhorn, reist zu einem Schriftstellerkongress nach Innsbruck. Sonderbare Dinge geschehen in der Folge: In der Badewanne seines Hotelzimmers finden sich Haare, die nicht seine sind. Ist jemand in seiner Abwesenheit in sein Zimmer eingedrungen? Gegenstände verschwinden: seine Schlüssel, sein Notizbuch. Auch auf späteren Stationen seiner Reise, Moskau und Madrid, wo ebenfalls nicht gänzlich zu erklärende Ereignisse eintreten, glaubt Prinzhorn - eine unheimlich von sich selbst eingenommene Literaturbetriebsnudel, wie sie im Buche steht - sich von jemandem verfolgt. Schließlich kommt der Verdacht auf, dass es sich bei der Stalkerin um eine ehemalige Geliebte von ihm handelt.

Was nach einer Art Mischung aus Kriminalroman und psychologischem Verwirrspiel klingt, ist weder das eine noch das andere. »Romeo oder Julia«, der neue Roman des Lyrikers Gerhard Falkner, ist vor allem eines: klapperndes Kunsthandwerk.

Erinnert sich unser Protagonist an längst vergangene gemeinsame Nächte mit der ehemaligen Geliebten, liest sich das beispielsweise so: »Solchermaßen spielten wir uns aus dem Finsterherzdickicht in die Kathedralen der ewigen Nächte.« Falkner ist ein Autor, der sprachlich gern dick aufträgt. Man merkt dem Roman die Bemühungen seines Autors stets an, um jeden Preis originell sein zu wollen. Und das ist kein gutes Zeichen.

Falkner, dessen Romanfiguren pseudopfiffige Namen haben, wie man sie etwa auch dutzendweise in Martin-Walser-Romanen findet (»Frieda Olong«, »Sally Haindl«, »Glaukula Schrempp«), schreibt in einer geschraubten, kapriziösen Sprache, die sich selbst gefällt: Schmutz »trollt sich in den Ausguss«. Bei der Lesung eines Literaturnobelpreisträgers »folgte den Worten nichts als die exhalierten Auspuffgase ihrer schieren sprachmotorischen Aneinanderreihung«. Über eine Drehtür erfahren wir, dass sie sich »wie eine durchsichtige Revolvertrommel drehte und Leute auswarf wie verschossene Munition«. Beispiele wie diese für Falkners bilderreichen, überspannten, teils neobarocken, teils bildungshubernden Stil findet man in dem Roman zuhauf.

Was man allerdings auch findet, sind mit viel Kunstwillen zusammengedrechselt wirkende Stellen, die ihre unfreiwillige Komik kaum verbergen können (»Sie wartete wortlos auf die Wirkung ihrer einfachen, aber aufputschenden Brüste, deren Knospen ihrer Jugend wegen die Farbe von Himbeeren hatten«), und unverhohlenen Kitsch: »Ihre blonden Haare wirkten wie eine griechische Goldschmiedearbeit«. Oder: »C. hatte ein rundes, kräftiges und entschlossenes Gesicht, das beim Lachen zu strahlen begann. Wie irische Wiesen, wenn die Sonne die Wolken auf ihrer rastlosen Fahrt durchbricht und mit ihrem Glanz über sie hinweghuscht.«

Fortwährend stößt man auch auf mal mehr, mal weniger versteckte Anspielungen und Hinweise auf Literatur von Goethe und Kleist. Auch Prinzhorn, die Hauptfigur und unser Erzähler, ein blasierter Bescheidwisser ersten Grades, betreibt permanentes Namedropping und gefällt sich in Wichtigtuereien: Aristoteles, die Nouvelle Vague, Tschechow, die deutsche Romantik, Jazz, Tocotronic, Schelling, Nancy Sinatra, Anne Sexton usw.

Der »Tagesspiegel« nennt derlei ein »virtuoses Vexierspiel mit literarischen Anspielungen und versteckten Zitaten«, die »Neue Zürcher Zeitung« »Kitschbrocken«. Dabei gibt es auch lustige Sätze in dem Buch: »Obwohl ich Kurt heiße, bin ich Schriftsteller.«

Gerhard Falkner: Romeo oder Julia. Berlin Verlag. 272 S., 22 €.

Gerhard Falkner: Bekennerschreiben. Essays, Reden, Kommentare. Interviews und Polemiken. Starfruit Publications, 600 S., 32 €.

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