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Verletzungen

Anne von Canal führt in die Antarktis

Diese Gegend ist der Inbegriff des Unwirtlichen, insbesondere, wenn man dort mit einem Forschungsteam in Zelten haust und unter Stress Bohrungen im Eis durchführen muss. Da bleibt keine Zeit für Emotionen und Sentimentalitäten, sollte man meinen. Oder gerade doch?

Anne von Canal: Whiteout.
Roman. Mare Verlag, 189 S., geb., 20 €

Denn was der Glaziologin Hanna widerfährt, ist alles andere als die nüchterne Routine, die sie sich als Teamleiterin wünscht. Vielmehr wirft ein einziger Satz aus einer Mail ihres Bruders sie vollkommen aus der Bahn: »Lieber Amundsen, Scott ist tot, melde dich, Wilson«, lautet die knappe Botschaft. Sie begreift natürlich gleich, worum es geht. Denn bei Scott handelt es sich um ihre beste Freundin Friederike, »Fido«, oder eben »Scott« genannt. Während ihrer Kindheit und Jugend waren die drei unzertrennlich - und ihr Lieblingsspiel bestand darin, die Hörspielplatte mit den Abenteuern der großen Polarforscher nachzuspielen.

Erinnerungen daran werden wach und lebhaft denkt Hanna an die Zeiten zurück, als sie glaubte, dass nichts auf der Welt - nicht einmal Fidos lieblose Eltern - die innige Verbindung zerstören könnte. Doch gleichzeitig tauchen auch jahrelang verdrängte, unangenehme Gefühle wieder auf, die sie angesichts eines Schneesturms und technischer Probleme gerne beiseiteschieben würde. Denn Fido ist damals, kurz vor dem geplanten gemeinsamen Studienbeginn, ohne ein Wort der Erklärung aus ihrem Leben verschwunden. Seitdem quält Hanna sich mit dem Zorn und der Einsamkeit der Zurückgestoßenen - und der Frage nach dem Warum.

Mit nüchternem, aber empathischem Blick und mit großem erzählerischen Geschick nimmt Anne von Canal uns in ihrem neuen Roman »Whiteout« mit auf eine Reise in die Vergangenheit. Wie überwindet man Verletzungen? Wie versöhnt man sich mit anderen - und mit sich selbst? Lesend wird man vielleicht darüber nachdenken, was es diesbezüglich im eigenen Leben gab und was Aussöhnung für einen selbst bedeuten würde.

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