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»Um Mitternacht wollt ein Stern ich sein«

Amanda Aizpuriete ist eine große Dichterin - und eine mutige Frau

  • Von Irmtraud Gutschke
  • Lesedauer: 3 Min.

»Lesen wirst dus« - so beginnt das erste Gedicht dieses Bandes, den ich als eine Sammlung leidenschaftlich melancholischer Liebesgedichte empfinde. Ein »Du« kommt immer wieder vor. Unwillkürlich stellt man sich einen Adressaten vor: einen Mann, der Glück schenkte, aber niemals bleiben konnte, der immer wieder fern war, womöglich anderswo gebunden. Und wenn er kommt … »Zum Abend plant ich Schweigen/ um Mitternacht wollt ein Stern ich sein.« Jedem Leser steht es frei, sich eine Geschichte auszudenken. Es ist ein Reiz dieser Gedichte, dass sie dazu einladen, wobei wir nicht wissen, ob sie uns nicht auch narren.

Amanda Aizpuriete: Die Untiefen des Verrats.
A. d. Lett. v. Manfred Peter Hein. Nachw. Matthias Göritz. Ink Press, 96 S., br., 17 €

»Wenn ich schreibe, existiere ich in einer anderen Dimension«, hat Amanda Aizpuriete einmal in einem Interview gesagt. »In dieser Dimension überlebe ich auch die Leidenschaften. Ich bin von ihnen erfüllt. Meine Gedichte sind sehr emotional. In meinem alltäglichen Leben habe ich sehr oft keine Emotionen mehr …« Wie viel Mut zu solcher Aufrichtigkeit gehört! Sich selbst erkennen und das auch noch einem Fremden gegenüber äußern! Aber wer solchen Mut nicht hat, kann eigentlich kein Dichter sein. Es gibt einen Punkt, wo man sich zwischen Leben und Dichtkunst entscheiden muss. Auch für eine Mutter von vier Kindern. »Ich wäre viel glücklicher, wenn ich nicht schriebe. Aber ich habe keine Wahl.«

Aus dieser Situation gewinnen Aizpurietes Texte ihre Kraft. Sie klammert sich an Sprache. Also muss Sprache fest und genau sein, tragfähig, damit die Dichterin durch sie über Abgründe kommt - reale oder solche der Seele, die ebenso wirklich sind. Vielleicht bedrängender noch. So behalten diese Gedichte bei aller Direktheit auch etwas Rätselhaftes. Eine Liebesgeschichte? Mehrere? Oder vor allem die Flucht in eine andere Dimension, dorthin, wo es den Tod nicht gibt?

»Was spielt sich ab? - Ein hoffnungsloses Wunder./ Wohin jetzt? - Den Scheinwerfer ausschalten./ So liebe ich dich, wie die Dämmerung liebt,/ Zärtlichkeit gibt deinem Gesicht.« Jede Leserin, jeder Leser suche das Ihre/das Seine aus diesen Gedichten heraus, die ihr/ihm eine Entdeckung sein mögen. Der Band »Die Untiefen des Verrats« ist bereits 1993 bei Rowohlt erschienen. Nun hat der kleine Schweizer Verlag Ink Press ihn noch einmal aus dem Berg fast schon wieder vergessener Literatur hervorgeholt - in einer neuen Reihe, die sich »tadoma« nennt.

Tadoma? Durch dieses System von Berührungen kann man Blinden, die zugleich gehörlos sind, das Sprechen lehren. Berührungen: Ja, Aizpurietes Gedichte leben davon, was sie in uns auslösen.

Aizpuriete, die in Jurmala lebt, hat in Manfred Peter Hein einen kongenialen Übersetzer gefunden und in dieser Ausgabe in Matthias Göritz einen Nachwortautor, der es wohl zu würdigen weiß, wie ihre Gedichte »Erinnerungsbühnen inszenieren, die Welt in Sprache und die Sprache in Welt transportieren«.

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