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Die Frustration der Rechten

Arlie Russell Hochschild reiste durch die USA - und fühlte sich fremd im eigenen Land

  • Von Reiner Oschmann
  • Lesedauer: 4 Min.

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Zu berichten ist von Feldstudien, betrieben von einer der bedeutendsten Soziologinnen unserer Zeit: Arlie Russell Hochschild, emeritierte Professorin der University of California, Berkeley. Sie habe den größten Teil ihres Lebens, so stellt sie sich vor, »zum progressiven Lager gehört, doch in den letzten Jahren ist in mir der Wunsch aufgekeimt, die Menschen des rechten Lagers besser verstehen zu wollen«.

Arlie Russell Hochschild: Fremd in ihrem Land. Eine Reise ins Herz der amerikanischen Rechten.
Campus Verlag, 429 S., geb., 29,95 €

Die Wissenschaftlerin begab sich dafür in den Süden, nach Louisiana. In diesem Kernland der Rechten (»Tea Party«), das zugleich nach Mississippi der ärmste Bundesstaat ist, unterhielt sie sich über längere Zeit, oft wiederholt, mit sechzig Personen und fertigte Notizen auf viertausend Seiten an. Gewöhnlich führte Russell Hochschild sich mit den Worten ein: »Ich komme aus Berkeley, Kalifornien, und versuche, als Soziologin die tiefer werdende Spaltung in unserem Land zu verstehen. Darum möchte ich meine politische Blase verlassen und die Menschen in Ihrer Blase kennenlernen.«

Kein schlechter Anfang, bedenkt man die immer schärfere Abgrenzung amerikanischer Wählergruppen voneinander. Die Trennung, vielfach belegt, gewann mit dem Aufstieg Donald Trumps ins Weiße Haus neue Schärfe. Manchmal bis in Familien und Freundeskreise hinein. Die Autorin zitiert eine Umfrage: 1960 antworteten auf die Frage, ob es sie stören würde, wenn ihr Kind ein Mitglied der anderen Partei heiraten sollte, nur fünf Prozent der befragten Erwachsenen - Demokraten wie Republikaner - mit Ja. 2010 - einige Jahre vor der durch Trump erzeugten nochmaligen Zuspitzung - bejahten bereits 33 Prozent der Demokraten und 40 Prozent der Republikaner dieselbe Frage.

Eine der wichtigsten Besonderheiten des Buches ist das Bekenntnis der Soziologin, sie halte die Überwindung der - von ihr so genannten - Empathiemauer für möglich. Und für nötig. Russell Hochschild sieht in dieser Mauer »ein Hindernis für das Tiefenverständnis eines anderen, das uns gleichgültig oder sogar feindselig gegen Menschen macht, die andere Ansichten haben oder in anderen Verhältnissen aufgewachsen sind. In einer Zeit politischer Umbrüche greifen wir nach leicht verfügbaren Gewissheiten. Neue Informationen zwängen wir in unsere ohnehin vorhandenen Denkmuster. Wir begnügen uns damit, unsere Gegenspieler von außen zu kennen. Aber ist es auch möglich, ohne ein Abrücken von den eigenen Überzeugungen andere von innen kennenzulernen?«

Die Verfasserin arbeitet drei Themen heraus, die die Anhänger der Rechten nach ihren Erkenntnissen am meisten beschäftigen (»Steuern, Religion und Ehre«). Sie diagnostiziert die Tiefengeschichte der Rechten als die »gefühlte Geschichte« eines realen Strukturdilemmas, das sie zu Fremden in ihrem Land werden ließ. »Menschen möchten den amerikanischen Traum erreichen, haben jedoch aus diversen Gründen das Gefühl, daran gehindert zu werden, und das führt bei Leuten der Rechten zu Frustration, Wut und dem Gefühl, vom Staat verraten zu werden. In dieser Geschichte spielt ›Rasse‹ eine wesentliche Rolle.« Die Soziologin legt im Laufe ihrer Studie auch so manches Paradox bloß, das den Trump-Faktor begreifen hilft. Ein ums andere Mal begegnet sie Menschen, die in Kleinbetrieben oder als selbstständige Kleinunternehmer arbeiten, aber Politiker wählen, die für Gesetze eintreten, »welche die Großkonzerne in ihrer Monopolstellung und ihren Möglichkeiten stärken, kleinere Unternehmen zu schlucken. Kleinbauern stimmen für Monsanto? Drugstore-Besitzer stimmen für Walmart? Der örtliche Buchhändler stimmt für Amazon? … Das konnte ich einfach nicht begreifen.«

Wie alle Feldstudien fördert auch diese einiges Belangloses zutage. Schade, dass manches davon, etwa die minutiöse Schilderung von Aussehen und Kleidung ihrer Gesprächspartner, wenig unterhaltsam immer wiederkehrt. Doch das schmälert nicht die Substanz eines ungewöhnlich mutigen und aufrichtigen Buches. Es schafft, was auch im Strom der Sachbücher nicht selbstverständlich ist: Erkenntnisgewinn. Und sowohl das Herangehen der Autorin als auch ihre Befunde sowie ihre Schlussfolgerung erlauben ein Maß an Zuversicht, das sich für sie mit der Existenz einer »robusten Zivilgesellschaft« in den USA erklärt. Tatsächlich darf man »Amerika« nie abschreiben, nicht mal Trumps Amerika.

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