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Neue Zähne aus dem Lieferwagen

Kronen und Brücken für die Australiens benachteiligte Ureinwohner

  • Von Barbara Barkhausen, Sydney
  • Lesedauer: 3 Min.

Wenn Paul Talbot mit seinem »Denture Van« in einen neuen Ort rollt, hört sein Telefon nicht mehr auf zu klingeln. Denn im Outback Australiens - oft hunderte oder tausende Kilometer von einer größeren Stadt entfernt - sind Zahnärzte keine Selbstverständlichkeit. Und selbst wenn ein Zahnarzt in der Nähe ist, können viele Aborigines die hohen Kosten für Zahnersatz nicht bezahlen.

Viele Aborigine-Kinder wachsen ohne jede Zahnhygiene auf. Für viele gehören Zahnschmerzen deswegen zum Alltag. Viele Erwachsene verlieren Zähne, und wollen ihr lückenhaftes Lächeln nur ungern zeigen. Der Ansturm auf den »Denture Van« ist deswegen groß: »Sie versuchen mich über Facebook zu kontaktieren und über den ›Zahnlieferwagen‹ auszufragen«, sagte Paul Talbot dem australischen Sender ABC. »Wann kommt der ›Zahnlieferwagen‹ zu uns?«, würden die Menschen im Outback von ihm wissen wollen - so groß sei das Interesse.

Paul Talbots »Zahnlieferwagen« ist eine Initiative des Poche Zentrums für indigene Gesundheit an der Universität von Sydney. Talbot, selbst Aborigine, ist von der Universität als Zahntechniker ausgebildet worden. Derzeit ist er in dem als Labor ausgestatteten Lieferwagen in seiner Heimatregion im Norden des Bundesstaates New South Wales unterwegs, um den Menschen neue Kronen und Brücken zu bauen. Bis zu zwölf Kronen und Brücken kann er in vier Tagen produzieren und anpassen.

Dafür röntgt er seine Patienten und nimmt Abdrücke, bevor er den Zahnersatz baut, einpasst und poliert. »Es ist unglaublich«, sagte der Ureinwohner über die schnelle Abwicklung. Zuvor hätte die indigene Bevölkerung, die meist keine Privatversicherung hat, Monate oder sogar Jahre über das öffentliche Gesundheitssystem auf Kronen und Brücken warten müssen. Manche Patienten mussten zuvor nach Sydney geflogen werden, um zum Zahnarzt zu gehen.

»Ich habe vor einigen Wochen eine Klinik in Inverell abgehalten«, sagte Talbot. Eine Patientin, die er dort behandelt habe, habe ihr Lächeln 30 Jahre lang nicht gesehen. »Sie so glücklich zu sehen, dass ihr die Tränen übers Gesicht rollten, das war ein rundum erfolgreicher Job.«

Auch Barry Sampson, den der Zahntechniker in Moree, einem weiteren kleinen Ort im Outback von New South Wales behandelte, verließ die fahrende Klinik mit einem Lächeln. »Ich fühle mich wie ein neuer Mann«, sagte er.

Was für viele Städter in Australien selbstverständlich ist - ein gut ausgebautes, effektives Gesundheitssystem - ist für Aborigines oftmals noch etwas Besonderes. Auf der Seite »Australian Indigenous Health Info Net« heißt es: »Viele Gesundheitsangebote sind nicht so zugänglich und nutzerfreundlich für Aborigines oder Bewohner der Torres-Strait-Inseln wie für nicht-indigene Menschen.« Das fördere das Ungleichgewicht und die Benachteiligung der Ureinwohner.

Nach wie vor ist die Lebenserwartung der Ureinwohner deutlich geringer als die nicht-indigener Australier. Laut Statistik können indigene Männer, die 2010 bis 2012 geboren wurden, ein durchschnittliches Alter von 69 Jahren erreichen - und würden demnach zehn Jahre vor nicht-indigenen Männern sterben. Indigene Frauen können erwarten, 74 Jahre alt zu werden, ebenfalls fast zehn Jahre weniger als nicht-indigene. Oftmals sterben Ureinwohner auch unnötig früh, weil sie Ärzte und Krankenhäuser nicht rechtzeitig oder regelmäßig genug erreichen können. Erst im Juli machte der Tod eines berühmten blinden Aborigine-Sängers Schlagzeilen. Yunupingu, der während seiner eindrucksvollen Karriere für die Queen und Barack Obama gesungen hatte, starb mit nur 46 Jahren.

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