Grillenmehl und Energy-Drink

Auf der Lebensmittelmesse Anuga buhlen Hersteller um Plätze auf dem umkämpften Markt

  • Von Sebastian Weiermann, Köln
  • Lesedauer: 4 Min.

Auf der Anuga in Köln gibt es wirklich alles. Die Messe ist wie ein riesiger Supermarkt. Alleine die Fleischabteilung hat die Größe von 55 000 Quadratmetern - das sind fast acht Fußballfelder. Viele Überraschungen gibt es in den Fleischhallen allerdings nicht. Große Hersteller zeigen, wie breit ihr Sortiment ist. Als Neuheit gilt schon eine neue Marinade oder es wird ganz mutig ein Zusatzstoff weggelassen. Gluten- und zuckerfreie Salamis oder Schinken sind gerade ein echter Trend. Auch haben immer mehr altgediente Fleisch- und Wurstproduzenten vegane und vegetarische Produkte im Angebot, die sie auf der Messe präsentieren.

Wer auf neuartige Fleischsorten steht, kann dir frittierten Bällchen aus Grillenmehl probieren, die die Schweizer Firma Micarna unter dem Stichwort der Nachhaltigkeit bewirbt. Insekten seien eine wichtige Proteinquelle und ihre Haltung verursache wenig C02, heißt es. Auf dem Markt sind die Bällchen allerdings noch nicht, man befindet sich noch in der Testphase. Vor dem Probieren muss man angeben, ob man gegen Hausstaubmilben allergisch ist. Die Bällchen sind stark gewürzt und schmecken dadurch gut.

Ob sie jemals in einem Supermarkt stehen werden, ist aber fraglich, derzeit dürfen Insekten in Deutschland nicht als Lebensmittel verkauft werden. Micarna hofft darauf, dass sich das ändert. In der Schweiz sind Insektenburger und Co. seit Mai 2017 im Einzelhandel erhältlich. Für die Grillenbällchen gab es einen Innovationspreis. Ganz will sich die Schweizer Firma aber nicht auf die Insekten verlassen: Ein Schwerpunkt bleibt Schweizer Schinken.

Von solchen Produkten gibt es allerdings viele, da muss man sich durch die Verpackung hervortun. Die zeigt meist deutlich, an welche Zielgruppe gedacht wurde: Schrill und bunt sind jene Wurst- und Fleischwaren verpackt, bei denen irgendein Zusatzstoff weggelassen wurde, um sie als gesünder bewerben zu können. Sieht die Packung jedoch aus wie die Kulisse eines Heimatfilms aus den 1950ern, kann man davon ausgehen das Traubenzucker, Konservierungs- und Antioxidationsmittel enthalten sind.

Im Untergeschoss finden sich dann die Stände von Unternehmen, die sich auf vegane und ökologische Produkte spezialisiert haben. Auch hier gibt es Fleischimitate, oft zusätzlich als Bio-Variante. Neben viel Schokolade findet sich etwa ein Bio-Apfelwein aus Hamburg. In Anlehnung an den hessischen Ausdruck »Äppler« heißt das Getränk aus Hamburg »Elbler«. Der junge Mann hinter dem Messestand spekuliert auf den Wortwitz. Er ist betont locker, fragt »Kann man trinken, oder?« und erzählt, dass er seine WG noch nicht überzeugen konnte, es aber »’ne Abwechslung zu Bier« sei. Die Menschen in der Halle mit ökologischeren Produkten scheinen überhaupt eher modern. Hier muss nicht jede Frau, die ein Produkt präsentiert, einen kurzen Rock tragen.

Die kürzesten Röcke tragen die Messehostessen in der Getränkehalle, etwa dort, wo Wodka aus Georgien präsentiert wird oder ein alkoholfreier Energy-Drink, der im Geschmack an den Cocktail Mojito erinnern soll. Vermutlich kann man beides mischen. Dazu weniger geeignet sein dürften Algensaft und Kamelmilch. Beide stechen hervor unter all den internationalen Bieren und Energy-Drinks mit vielen Geschmacksrichtungen.

Um sich für die Anuga zu begeistern, muss man schon wirklich ein großes Interesse an Lebensmitteln haben. Ein paar Produkte mögen irgendwie neu und innovativ sein, aber im Kern ist die Messe nur eine Marktschau. Für Einkäufer im Einzelhandel mag ein Besuch interessant sein, gerade auch um sich bei Trends wie dem »Superfood« - bei dem es sich meist nur um exotisches Obst, Getreide und Gemüse handelt - auf dem Laufenden zu halten. Für normale Besucher lohnt sich der Besuch nicht. Für 59 Euro Eintritt kann man zwar mit einem Rucksack voller Plastikverpackungen, in denen kleine Würste, Kuchen und Cracker stecken, nach Hause gehen, aber das Geld investiert man besser in einen gezielten Einkauf im Supermarkt.

Für eine Sache eignet sich die Messe allerdings. Sie ist eine Demonstration der Vielfalt der Marktwirtschaft. Ob Bio oder Massentierhaltung - beides gibt es direkt nebeneinander. Ob ökologisches Müsli oder chemischer Energy-Drink, am Ende geht es darum ein Produkt zu platzieren und sich in irgendeiner Form von der Konkurrenz zu unterscheiden. Der Markt ist hart umkämpft: Von 40 000 neuen Produkten halten sich nur 13 000 länger als zwei Jahre am Markt.

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