Heillose Forschung

Die Suche nach den epigenetischen Ursachen für Homosexualität stößt auf Kritik

Heillose Forschung

Die Mehrung des Wissens genießt in unserer Kultur höchste Wertschätzung, gilt sozusagen als Wert an sich. Dabei hatte schon der englische Philosoph Francis Bacon darauf verwiesen, dass Wissen immer auch Macht ist. Macht, die dem Wohle von Menschen dienen, aber auch zu ihrer Diskriminierung und Ausgrenzung genutzt werden kann. Wer dies bedenkt, mag verstehen, warum namentlich Homo- und Transsexuelle wenig davon halten, dass Biologen und Mediziner nach den Ursachen ihrer sexuellen Orientierung forschen.

»Die Ursachen haben in der Geschichte der Lesben und Schwulen immer eine große Rolle gespielt«, sagt Markus Ulrich vom Lesben- und Schwulenverband in Deutschland (LSVD). Denn homo- und transsexuelle Menschen mussten sich oft den Vorwurf gefallen lassen, dass ihr Sexualverhalten nicht natürlich sei. »Interessanterweise wurde nie nach den Ursachen von Heterosexualität gefragt.«

Die Behauptung, dass Homosexualität unnatürlich sei, gilt inzwischen als widerlegt. Gleichgeschlechtlicher Sex wurde bisher bei über 1500 Tierarten nachgewiesen, bei Möwen und Pinguinen ebenso wie bei Schafen, Löwen und Elefanten. Meist dient dieses Verhalten der Festigung der Gruppe. Häufig ist es aber auch ein Ausdruck von Lust und Spielfreude. Denn auch Tiere praktizieren Sex nicht nur, um die Art zu erhalten, wusste schon Charles Darwin.

Der Suche nach den Ursachen der menschlichen Homosexualität tat dies jedoch keinen Abbruch. Zu stark war in vielen Gesellschaften die oftmals religiös genährte Hoffnung, man könne ein »falsches« homosexuelles Verhalten in ein »richtiges« heterosexuelles Verhalten umpolen. Damit wurden Homosexuelle, vor allem Schwule, ein Fall für die Medizin und nicht selten wie Versuchskaninchen behandelt.

1916 glaubte der Wiener Anatom Eugen Steinach in Tierversuchen nachgewiesen zu haben, dass männliche Homosexualität durch »zwittrige Hoden« verursacht werde. Zusammen mit einem Chirurgen transplantierte er daraufhin einem Schwulen das Hodengewebe von Heterosexuellen. Wie sich denken lässt, war dieser Eingriff nicht nur nutzlos, sondern auch eine Tortur für den Betroffenen. Selbst nach der Barbarei der Nazi-Zeit ging die medizinische Bekämpfung von Homosexualität weiter. Noch 1976 versuchten bundesdeutsche Neurochirurgen, dreißig schwule Männer dadurch von ihrem »Leiden« zu erlösen, indem sie ihnen bestimmte Teile des Zwischenhirns mit einer Sonde elektrisch verkohlten. Zwar werden solche rabiaten Methoden hierzulande nicht mehr angewandt. Wie eine NDR-Reportage jedoch unlängst enthüllte, praktizieren auch in Deutschland noch Ärzte, die schwulen Männern eine Umpolungstherapie empfehlen - mit dem Hinweis: Man könne diese durch eine geschickte Begründung sogar bei den Krankenkassen abrechnen.

Solche aberwitzigen Therapieversuche haben freilich nur dann einen Sinn, wenn man meint, die Ursachen von Homosexualität zu kennen. Früher suchte man diese im familiären Milieu, bei dominanten Müttern, abwesenden Vätern oder homosexuellen Geschwistern. »Alle Untersuchungen haben kein klassisches Sozialisationsmuster gefunden und schon gar kein Muster, was gezeigt hat, dass durch Erziehung jemand homosexuell oder heterosexuell würde«, sagt der Kieler Sexualmediziner Hartmut Bosinski. Und auch der Versuch, etwa ein »Schwulengen« zu finden, führte in eine Sackgasse. Allein die Tatsache, dass es eineiige, also genetisch identische Zwillinge gibt, die sich in ihrer sexuellen Orientierung unterscheiden, spricht gegen die Existenz eines besonderen Gens für Homosexualität, obwohl in den Medien immer wieder von der angeblichen Entdeckung eines solchen berichtet wird.

Der neueste Trend geht in Richtung Epigenetik, einer derzeit boomenden Disziplin, die sich mit der Aktivität von Genen beschäftigt. Diese Aktivität wird unter anderem durch sogenannte Methylierungen gesteuert. Dabei werden kleine chemische Marker an die DNA geheftet, die bestimmte Gene an- oder ausschalten und so darüber entscheiden, welche Proteine von der Zelle produziert werden. Die meisten dieser epigenetischen Veränderungen entstehen in jeder Generation neu. Manchmal jedoch werden Methylierungen bei der Bildung der Eizelle nicht gelöscht und somit vererbt. Genau hier vermuten Epigenetiker eine Parallele zur Homosexualität. Denn auch diese tritt in vielen Familien singulär auf, in anderen gehäuft. Ist also Homosexualität eine Folge von epigenetischen Veränderungen im Mutterleib?

Ein Forscherteam um Tuck Ngun von der University of California hat unlängst den Versuch unternommen, diese Frage zu beantworten. Es untersuchte die DNA-Methylierung bei 40 eineiigen männlichen Zwillingen, von denen jeweils einer schwul, der andere heterosexuell war. Die Forscher identifizierten neun Methylierungsmuster, aus deren Besonderheiten sie die sexuelle Orientierung der Probanden mit einer Wahrscheinlichkeit von knapp 70 Prozent ableiten konnten. »Nach unserer Kenntnis ist dies das erste Beispiel für ein Vorhersagemodell zur sexuellen Orientierung auf der Basis molekularer Marker«, sagt Ngun, der selbst keinen Hehl aus seiner Homosexualität macht. Zugleich räumt er ein, dass die Zahl der untersuchten Zwillinge noch nicht ausreicht, um allgemeine Aussagen treffen zu können. »Das liegt an der Finanzierung. Gerade in den USA ist es praktisch unmöglich, Geld für Studien zur Sexualität zu bekommen, es sei denn, es geht um Krankheiten.«

Und die Zeiten, in denen Homosexualität als Krankheit galt, sind zumindest offiziell vorbei. 1990 strich die Weltgesundheitsorganisation die Diagnose Homosexualität aus dem Katalog psychischer Erkrankungen. Viele Menschen haben seitdem begriffen, dass die gleichgeschlechtliche Liebe eine Normvariante des Sexualverhaltens darstellt.

Andererseits werden Homosexuelle in vielen Teilen der Welt noch immer diskriminiert und verfolgt. Er sei mithin froh, dass die Ursachenforschung zur Homosexualität bisher wenig Konkretes erbracht habe, sagt LSVD-Sprecher Markus Ulrich, der bereits den Ansatz von Wissenschaftlern wie Ngun für verfehlt hält. Denn in deren Theorien werde Homosexualität immer als Abweichung beschrieben, neuerdings als Folge davon, dass in der DNA der Mutter etwas nicht richtig gelöscht worden sei. Vermutlich ist es nur eine Frage der Zeit, bis jemand vorschlägt, ein Screening für die vermeintlichen epigenetischen Marker von Homosexualität zu entwickeln und diese, wenn möglich, zu löschen.

Solange es Homophobie gebe, berge jegliche Ursachenforschung zur geschlechtlichen Orientierung eine Gefahr für Schwule und Lesben, meint der Hamburger Sexualwissenschaftler Gunter Schmidt und verweist auf die Geschichte, in der noch jede Theorie über Homosexualität zum Nachteil von Homosexuellen verwendet worden sei. »So gesehen ist es gut, dass wir wenig über die Entstehung von Homo- und Heterosexualität wissen.«

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