»Dieser Sport ist nicht verseucht«

Triathlet Sebastian Kienle will den Ironman gewinnen. Vor dem Start spricht er über Doping, Favoriten und Hawaii

Ironman: »Dieser Sport ist nicht verseucht«

Sie sind seit fast einem Monat auf Hawaii. Warum ist die frühe Anreise so sinnvoll?
Die Bedingungen, die Kona am ähnlichsten sind, hat man vor allem in Kona! Es streiten sich ja die Triathlon-Gelehrten, ob das der einzige richtige und wahre Plan ist, aber für mich hat das immer gut funktioniert. Die Alternative, lange in Deutschland zu bleiben, wäre immer mit dem Risiko verbunden gewesen, bereits richtig schlechtes Wetter zu haben. Und dann sitzt man vielleicht schon mit einem geschwächten Immunsystem im Flieger.

Sie werden von Ihrer Frau Christine, Trainer Lubos Bilek und einem Physiotherapeuten unterstützt. Wie hat man sich das vorzustellen: Alle wohnen im Apartment und fiebern der großen Mission entgegen?
So schaut es aus (lacht). Das funktioniert nur, weil wir gut eingespielt sind und uns alle gut kennen - und jeder weiß, wo die Macken des anderen sind. Letztlich müssen vor allem die drei anderen auch meine Launen aushalten.

Launen bei einem der härtesten Eisenmänner der Welt?
Ja, Kleinigkeiten, die ich leider an den Menschen auslasse, die mir am meisten bedeuten. Ich gebe mir dann wenig Mühe zu unterdrücken, dass mich gerade etwas ankotzt. Das hat damit zu tun, dass auch die Festplatte, der Kopf, im wörtlichen Sinne heiß läuft. Ich habe aber mit der Zeit gelernt, dass auf Hawaii nur eine innere Ruhe hilft und ich mich auf das beschränke, was ich selbst direkt beeinflussen kann.

Wo sind die Schlüsselstellen beim Ironman auf Hawaii?
Beim Schwimmen sind die ersten 500 Meter der Schlüssel, gerade für mich. Am Anfang sortieren sich die Gruppen - entweder bist du in den vorderen drin oder nicht. Beim Radfahren sind die Rennen oft am Anstieg nach Hawi entschieden worden, weil dort die ganz heftigen Winde kommen und es dort leicht bergauf geht. Nach der Hälfte des Rennens lässt sich die erste Attacke setzen, die Wirkung zeigt. Und beim Laufen kommt es nach dem Wendepunkt im Energy Lab drauf an: Wenn du an dieser Stelle noch Kraft hast, geht was.

Im Vorjahr sind Sie und Jan Frodeno zeitweise Seite an Seite gelaufen. Nostalgiker wünschen sich die Neuauflage eines »Ironwar« wie einst 1989 zwischen Dave Scott und Mark Allen.
Ich glaube, dass an solch einem Kriegsspielchen jetzt noch ein paar mehr Parteien teilnehmen können. Ich habe in den USA mit Ben Hoffmann trainiert, dem ist viel zutrauen. Ich kann mir vorstellen, dass der Brite Tim Don in diesem Jahr seinen Zenit erreicht. Und auch der Australier Nick Kastelein wird sich die ersten sechs Rennstunden weit vorne aufhalten. Und nicht zu vergessen Patrick Lange, dem selbst ein größeres Defizit auf dem Rad nicht viel ausmacht. Aber wenn wir die vergangenen zwei, drei Jahre anschauen, sind Jan und ich der Stärkste und Zweitstärkste. Und da Menschen am liebsten die Vergangenheit heranziehen, um Vorhersagen für die Zukunft zu treffen, kann das wohl wieder ein Duell zwischen uns beiden werden (lacht).

Besteht der Kontakt zum Hauptkonkurrenten Frodeno noch oder hat das Verhältnis etwas gelitten?
Wir schreiben uns regelmäßig. Wenn sich unser Verhältnis wirklich verschlechtert, würde das daran liegen, dass ich in diesem Jahr in Kona gewonnen hätte (lacht).

Sie haben vor Monaten betont, dass Frodeno für Sie nicht unschlagbar sei. Wie ist denn jetzt der Status?
Er ist der Favorit, aber wir treten auf Augenhöhe gegeneinander an. Im vergangenen Jahr war Jan nahe an einer Niederlage. Und in diesem Jahr habe ich die besseren Ergebnisse gemacht. Jan wird erst auf Hawaii die Karten auf den Tisch legen. Er steht aber auch mehr unter Druck: Alles andere als ein Sieg wäre eine Niederlage für ihn. Diese maximale Fallhöhe hat er sich erarbeitet.

Würde Frodeno das dritte Mal in Folge in Kona die Krone holen, müsste er mit 36 Jahren und als Familienvater doch aufhören, oder?
Puh! Das wäre ja das Allerschlimmste für mich. Wenn er in diesem Jahr gewinnen, dann aufhören würde und ich im Jahr danach in der Form meines Lebens am Start stände - und Jan wäre nicht da.

Sie sind 33 Jahre alt. Wie lange wollen wollen Sie noch weitermachen?
In solch einer extremen Sportart wie unserer trägt man sich immer mal wieder mit dem Gedanken aufzuhören, aber ich komme immer wieder zu der Erkenntnis, dass der Triathlon mir noch verdammt viel Spaß macht. Ich habe einen großen Grad an Freiheit und Unabhängigkeit und kann damit auch verhältnismäßig gut Geld verdienen. Was wäre die Alternative? Die sehe ich derzeit nicht für mich. Mein Körper wird mir sagen, wie lange es noch auf diesem Niveau geht: Ich werde das Dasein als Profitriathlet nicht künstlich in die Länge ziehen. Ich hoffe, dass ich noch drei, vier gute Jahre vor mir habe.

Inwieweit hat der deutsche Dreifachtriumph im Vorjahr Ihnen mehr Aufmerksamkeit beschert?
Ich würde sagen, dass wir zwar auf einer neuen Stufe, aber immer noch nah am Boden sind. Es gibt noch einiges zu erklimmen. Ich sehe allerdings an der Medienpräsenz vor Ort, dass sich viel getan hat. Das ZDF schaltet zum Morgenmagazin nach Big Island: Das hat es früher nicht gegeben.

Aus der öffentlichen Diskussion über den Ironman ist das Thema Doping fast ganz verschwunden. Dabei werden Ausdauerleistungen in allen Sportarten oft hinterfragt.
Ich habe mich eher gewundert, dass das Thema früher bei uns so präsent war. Welche Hawaii-Sieger aus den vergangenen 30 Jahren waren denn gedopt?

Die Deutsche Nina Kraft bei ihrem Sieg 2004. Sie hat das Epo-Doping danach auch gestanden.
Ich sagte aber Hawaii-Sieger.

Da gibt es bislang keinen.
Also. Und dann vergleichen wir das mal mit dem Radsport oder mit den Siegerlisten im 100-Meter-Lauf. Nehmen wir den Fakt aus dem NADA-Jahresreport, dass wir 2014 in Deutschland die am meisten kontrollierte Sportart waren. Und keiner kann ernsthaft der Meinung sein, dass das Knowhow in Sachen Doping im Triathlon annähernd so ist wie im Radsport oder der Leichtathletik. Dieser Sport ist nicht verseucht. Ich weiß ja am besten, dass man bei uns sauber Weltmeister werden kann.

Wie oft wurden Sie kontrolliert?
In diesem Jahr hatte ich sechs Kontrollen. Für mich ist das verhältnismäßig wenig, 2014 bin ich viel häufiger kontrolliert worden, ich glaube, insgesamt 32 Mal in Training und Wettkampf. Weniger Kontrollen können effektiv sein, wenn sie zum richtigen Zeitpunkt kommen. Mich haben zeitweise vier Institutionen aufgesucht oder Kontrollen angeordnet: Die DTU, die NADA, dann auch die WADA und die WTC. Deswegen hatte ich 2014 allein in den zweieinhalb Wochen Vorbereitung auf Hawaii acht Kontrollen. Davon alleine fünf in der Wettkampfwoche.

Timo Bracht hat im vergangenen Jahr für mächtig Verstimmung bei Jan Frodeno gesorgt, weil er dessen Dominanz auf der Langstrecke mit der von Usain Bolt im 100-Meter-Sprint verglich. Wie ist das bei Ihnen angekommen?
Da würde ich mal fein unterscheiden: Jan hat Timo dominiert, aber Jan hat nicht unseren Sport dominiert. Ich bin lange nah an Jan dran gewesen. Und Leistung ist noch kein Dopinghinweis. Und bei ihm ist die gesamte Entwicklung nachvollziehbar. Aus meiner Sicht hat sich unser Sport bei den Zeiten doch eher langsam entwickelt. Ich schaue eher auf diejenigen, die erst stagnieren und dann auf einmal rasante Sprüngen machen.

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