Werbung

Stefan beschließt zu sterben

Christoph Nußbaumeders »Das Wasser im Meer« am Hans-Otto-Theater Potsdam

Bei uns droht die ABOkalypse!

Wir brauchen zahlende Digitalleser/innen.

Unterstütze uns und überlasse die Informationsflanke nicht den Rechten!

Mach mit! Dein freiwilliger, regelmäßiger Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Die Tragödie der Abgewiesenen, vergeblich nach dem Lebenssinn Suchenden ist so etwas wie das Grundthema der Stücke des 39-jährigen Dramatikers Christoph Nußbaumeder. Einer, der sein Leben lang Anerkennung gesucht hat, ist in seinem neuesten Stück der 80-jährige Stefan Riedl. Nach dem Krieg ist er aus Böhmen nach Deutschland geflohen, hat dort eine Arbeit als Maschinenbauingenieur gefunden, aber ist immer ein,wie er sagt, »Unbeheimateter« geblieben.

Seine Töchter hat er mit eisernem Regiment auf die Erfolgsspur gebracht und zu einem Leben in scheinbarer bürgerlicher Wohlanständigkeit geführt. Eine ist Lehrerin, die andere Ärztin geworden, die dritte ist aus der Art geschlagen, hat das System abgelehnt und ist doch Meeresbiologin geworden. Sie wird später einen Roman mit dem Titel »Das Wasser im Meer« schreiben, in dem sie das Leben des Vaters mit dem wahllosen Treiben des Wassers im Meer vergleichen wird.

Trotz allen beruflichen Erfolgs hat keine der Töchter ein glückliches Leben gefunden. Die Lehrerin Katharina wird von ihrem Mann betrogen, die Ärztin Bettina hat mit dem Krimi-Autor Georg einen entwürdigenden Vertrag geschlossen. Der soll - gegen Bezahlung - als künstlicher Samenspender dienen und ihr zur ersehnten Schwangerschaft verhelfen. Im Verlauf des Abends erweist es sich, dass die Lüge das Leben von Großvater, Eltern und deren Kindern deformiert hat.

Stefan hat den Töchtern erzählt, sein Vater wäre im Krieg ein kleiner Feldarzt gewesen, seine Tochter Anna aber hat herausgekriegt, dass er Nazi-Kreisleiter war. Das Lügen ist weitergegangen: Dem Verlobten seiner Tochter Katharina hat Stefan das Versprechen abgekauft, in seine Heimat Umbrien zu verschwinden. Flucht und Vertreibung haben das Leben vieler Menschen geprägt. Stefan hat auf der Flucht seinen Bruder Robert verloren, die Juden des böhmischen Städtchens haben erfolglos auf defekten Booten die Flucht nach Palästina gewagt, und seit einigen Tagen hausen in der Turnhalle unter unmenschlichen Bedingungen Flüchtlinge aus Afrika. Zum Höhepunkt des Stücks versammelt der Alte Kinder und Enkel und verkündet, dass er zum Sterben in seine böhmische Heimat wandern will. Was als »Wochenende der Erinnerungen« geplant war, wird zur Nacht der Wahrheit. Am Ende wird Stefan zwei todbringende Tabletten einnehmen und Anna nach Böhmen zum »Ursprung« der Familiengeschichte zurückkehren.

Regisseur Stefan Otteni stellt das Erlebnis von Flucht und Verfolgung als auslösendes Moment an den Anfang. Hinter einem grauen Schleier sind die Umrisse von eisernen Stockbetten zu erahnen. Man hört fernen Gefechtslärm und zu Boden schießende Sturzkampfflieger - die Assoziationen von Haftlager und Gefangenentransport drängen sich auf. Dann stürzt eine schlotternde Gestalt nach vorn, als welche wir den 80-jährigen Stefan erkennen. Der sieht in dem inkontinenten Kater einen Seelenverwandten und bemitleidet sich als ein dem baldigen Tod Ausgelieferter.

Bernd Geiling als Stefan wird in seiner Körpersprache der etwas weinerliche Dulder und Hasenfuß bleiben. Den Attacken seiner Tochter Anna beugt er sich demütig, und die Tabletten nimmt er, seinem Schicksal ergeben. Lediglich in seiner Wut auf Zeitgenossen, die ihn abgelehnt haben, erwachen Reste von Kampfgeist. Dass dieser Mann sich als Ingenieur durchgesetzt und seine Kinder streng erzogen hat, ist kaum zu glauben. Darunter leidet nicht nur die darstellerische Glaubwürdigkeit, der Inszenierung gehen Antrieb und Zentrum verloren.

Auch in seinem Umfeld gewinnen die Figuren kaum szenisches Eigenleben. Anna (Katrin Hauptmann) bleibt die lauthals schreiende Parolenverkünderin und Florian Schmidke der ständig grinsende Provokateur. Was schon beim Lesen des Stücks zu vermuten war: Es fehlen die unverwechselbaren Situationen, aus denen die verbalen Äußerungen aufsteigen. Tiefenschichten unterhalb des Textes weiß allein Marianna Linden aufscheinen zu lassen, wenn sie im Streit mit ihrem Vertragspartner Selbstekel und Lebensüberdruss zeigt.

Insgesamt ein Abend mit aufwendigen technischen Hinzuerfindungen wie dem Stockbettenlager der Anfangszene, aber auch mit einem Defizit an differenziertem Partnerspiel.

Nächste Vorstellungen: 13. und 22. Oktober

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!