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Im Land des alltäglichen Irrsinns

Das Erdoğan-Regime will mit irrationalen, völlig überzogenen Gerichtsurteilen die ganze Gesellschaft einschüchtern, meint Yücel Özdemir

  • Von Yücel Özdemir
  • Lesedauer: 4 Min.

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Die Türkei ist zu einem Land geworden, in dem es alltäglich zu Begebenheiten kommt, die wohl nicht in vielen Ländern als normal gelten. Zwei beispielhafte Zwischenfälle der letzten Wochen sollen verdeutlichen, was gemeint ist.

Über den Twitteraccount des Ko-Vorsitzenden der linken, prokurdischen Partei HDP, Selahattin Demirtaş, der seit Monaten in Haft sitzt, wurden Nachrichten abgesetzt - gleich darauf wurde Demirtaş verdächtigt, dies selbst getan zu haben. Albern, aber wahr. Die Gefängnisbeamten durchsuchten daraufhin auf Anweisung des Justizministeriums die Zelle von Demirtaş. Der Staat glaubte offenbar, dass jemand, der von ihm 24 Stunden am Tag überwacht wird, allen Ernstes in der Lage sei zu twittern. Ein Beispiel für den kompletten Irrsinn, den der türkische Alltag so zu bieten hat.

Der zweite Vorfall betrifft die Lehrerin Ayşe Çelik aus Diyarbakır. Am 8. Januar 2016 beschloss sie, bei der »Beyaz Show« anzurufen, einer Unterhaltungssendung, die auf Kanal D läuft, einem der populärsten Fernsehsender der Türkei. Während einer Liveübertragung sagte Ayşe Çelik, dass die kurdischen Städte im Südosten des Landes beschossen werden. Millionen von Zuschauern hörten das. »Seid ihr euch der Menschen bewusst, die im Osten des Landes leben?«, fragte Ayşe Çelik. Und sie appellierte: »Seid nicht still, wenn hier Kinder sterben.«

Beyazıt Öztürk, der Moderator der Sendung, ist eines vermeintlichen Terrorismus vollkommen unverdächtig. Das Publikum, zumeist Jugendliche, applaudierte spontan. So kam es ganz unverhofft zu einem schönen und starken Bild im eigentlich unpolitischen Unterhaltungsprogramm.

Doch den Regierungsbeamten gefiel das Bild der Solidarität nicht, das sie auf den Bildschirmen sahen. Sie erkannten in der Aufforderung, nicht stillschweigend zuzusehen, wenn Kinder sterben, vermeintliche »Propaganda für eine Terrororganisation«. Einen Tag nach ihrem Anruf in der Show überfiel man »Lehrerin Ayşe« in ihrem Haus, nahm sie in Gewahrsam und stellte sie schließlich vor Gericht. Auch wurde eine Untersuchung wegen »terroristischer Propaganda« gegen Produzenten und Moderator des Programms eingeleitet. Seit Monaten werden dort aus Angst keine Liveanrufe mehr übertragen. Dem Kanal wurde schließlich eine Geldstrafe von 900 000 Lira (225 000 Euro) aufgebrummt.

Die Lehrerin Ayşe Çelik bereute indes nicht, was sie gesagt hatte. Weil sie sehr gut wusste, dass das, was sie sagte, nichts mit »Terrorismus« zu tun hat. Der Staatsanwalt forderte siebeneinhalb Jahre Gefängnis, verurteilt wurde sie zu 15 Monaten, Anfang Oktober wies ein Istanbuler Gericht die Berufung zurück. Ayşe ist schwanger. Bald wird sie ins Gefängnis gehen, um ihre Strafe abzusitzen - und ihr Kind wird im Gefängnis das Licht der Welt erblicken.

Mit diesem Urteil wird die Türkei nun zu einem Land, das auch Ungeborene einsperrt. Nach Angaben des Justizministeriums sitzen bereits 594 Kinder im Alter bis zu sechs Jahren hinter Gittern, auch Säuglinge. Das regierungsnahe Boulevardblatt »Akşam« lobte kürzlich allen Ernstes die kindgerechte Ausstattung der Zellen. Zu denen, die außerhalb des Gefängnisses geboren wurden und dann hinein mussten, wird sich mit dem Kind von Ayşe Çelik eines gesellen, das direkt hinter Gittern geboren werden wird.

Dies ganze irrationale Verhalten und die Strafen des Regimes zeigen, dass es in großer Panik ist. Die Panik wiederum wird in Gewalt und Einschüchterung der Bevölkerung umgeleitet. Die harmlosesten Dinge mit Gefängnis zu bestrafen, zielt darauf ab, die ganze Gesellschaft zu verängstigen. Niemand will die Wahrheit sagen, das Fernsehen muss sie nicht senden. Und redet nur noch Recep Tayyip Erdoğan nach dem Mund. Wie jeder Diktator glaubt Erdoğan, so die Opposition klein halten zu können. Kann er aber nicht. Der Tunnel der Angst ist bereits durchquert.

Aus dem Türkischen von Nelli Tügel

Die türkische Fasssung dieses Textes ist etwas länger. Sie ist hier zu lesen.

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