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Kulissen, wie sie echter nicht sein können

Marokkos Wüstenlandschaften und historische Orte werden zu »Mollywood«.

Sand und Lehm in allen Rottönen lagern im Süden Marokkos reichlich. Und so sind auch die eindrucksvollen Verschachtelungen von Lehmhäusern und elegant aufragenden Türmen zu Kasbahs von intensivem Farbenspiel, das sich mit jedem Licht wandelt. Drinnen wird in kleinen Werkstätten gehämmert und gewebt. Auf schmalen, schief getretenen Treppen und Pfaden transportieren Esel Waren des täglichen Bedarfs, und auf den Plätzen werben Händler und Künstler mit Andenken und Malereien um Touristen.

Die Kasbah Ait Ben Haddou zieht sich etwa hundert Kilometer südöstlich von Marrakesch in bizarren Formen einen Berg hinauf. Die Lehmburg gehört zu den ältesten und schönsten Marokkos und seit 1987 zum UNESCO-Weltkulturerbe. Zwar müssen die Lehmhäuser mindestens einmal jährlich repariert werden, aber da sowohl der Baustoff als auch eine Wasserrinne vor fast jedem Haus zu finden sind, ist das kein Problem. Die mühsam urbanisierten landwirtschaftlichen Flächen jedoch wurden durch ein gewaltiges Hochwasser und tischtennisgroße Regentropfen vor zwei Jahren um ein gutes Drittel fortgeschwemmt. Die restlichen Felder reichen mit Müh und Not aus, um die vielen kinderreichen Familien des Dorfes und ihr Viehzeug zu versorgen. Was noch wächst und gedeiht, vom Huhn über Mohrrüben bis zu Oliven, schmort irgendwann unter dem Deckel der Tajine über Stunden einem köstlichen Abendessen entgegen. Zu diesem Höhepunkt des Tages versammeln sich alle auf bunten Decken und Kissen, umgeben von der Stille, die die umgebende Wüste und das Gebirge ausstrahlen.

Wer sich einmal in dieser vom einfachen Leben geprägten Idylle niedergelassen hat, für den führt kein Weg zurück. Andreas ist das beste Beispiel dafür. Jahrzehnte hat der Österreicher abenteuerlustige Touristen mit dem Bus durch Nordafrika kutschiert, bis er sich in Khadija verliebte und mit ihr in ihrer Heimat Ait Ben Haddou ein Haus baute, die Herberge »Tiguami Khadija«. Ein paar Gästezimmer, landestypisches Essen und Familienanschluss sichern der inzwischen vierköpfigen Familie den Lebensunterhalt. Nimmermüde führt Andreas die Besucher umher, erzählt mit österreichischem Akzent begeistert von der tausendjährigen Geschichte der Kasbah, dem harten Leben der Bewohner. Und natürlich von aufregenden Filmarbeiten.

Denn die Schönheit der Naturkulissen zieht seit Jahrzehnten viele Filmemacher an. Monumental- und Sandalenfilme, weltbekannte Blockbuster wie »Indiana Jones«, »Cleopatra«, »Gladiator«, »Asterix und Cleopatra«, »Game of Thrones«, »Lawrence von Arabien« oder »Babel« haben das Weltkulturerbe überall in der Welt bekannt gemacht.

Während der Dreharbeiten, wenn Gladiatoren oder andere Kämpfer für Wochen ihre Lager aufschlagen, Kämpfe ausfechten und das Filmvolk alte Zeiten auferstehen oder seiner Fantasie freien Lauf lässt, erhalten die Hausbesitzer der Lehmburg »Belichtungszeit«. Ein hochwillkommenes Zubrot, denn außer mit Gipsabbau in den Bergen, der kargen Landwirtschaft und kleinen Geschäften mit den Touristen ist in der Gegend kaum etwas zu verdienen.

Große Schlachten, lange Ritte ins Ungewisse und ähnliche Szenen lassen sich allerdings in Ait Ben Haddou wegen der engen Bebauung nur schwer drehen. Also ziehen die Crews dreißig Kilometer weiter in die angrenzende Wüste am Rande der Filmstadt Quarzazate. Dort schufen Wind und Sand in jahrelangem Zusammenspiel die bizarrsten Formen, die von Weitem durchaus als Burgen oder Festungen durchgehen könnten. Im Spiel des Lichts mit den Rottönen werden sie zu atemberaubenden Schönheiten. Was die Natur nicht vermochte, setzen fleißige Kulissenbauer im wahrsten Sinne des Wortes in den Sand: komplette Dörfer, Forts, Marktplätze und Herrscherpaläste. Dazwischen Ziehbrunnen, Stallungen und rundherum eine Stadtmauer. Tausend marokkanische Militärangehörige kämpften als Statisten für Richard Löwenherz. Ganze Religionen haben ihre gegenseitige Berechtigung anerkannt und beschlossen, fortan in Frieden miteinander zu leben. Leider bisher nur im Film.

Wenn auch die Natur in Sachen Licht, Farbe und Kulissen alles gibt, haben Bühnenarbeiter, Beleuchter und viele andere Gewerke während der Dreharbeiten dennoch alle Hände voll zu tun. Die Marokkaner sehen darin ihre große Chance und stellen den internationalen Teams nicht nur Kleindarsteller und Hilfskräfte am Set zur Verfügung, sondern bilden in den wesentlichen Berufen aus. In Quarzazate selbst, aber auch in den Filmschulen Marrakesch und Rabat. Die hoch qualifizierten Techniker und Crews mit Ausstattern, Filmbauern oder Produzenten erfreuen sich inzwischen eines international guten Rufs. Mitunter übernehmen marokkanische Teams die komplette Produktion ausländischer Filme. Dazu gehört auch, Drehorte zu empfehlen. Daran wird es, angesichts der unglaublich vielseitigen natürlichen Kulissen, zu der Wald, Wüste, Gebirge, Meer, Schluchten, Städte, Dörfer und die schillerndsten Architekturstile gehören, im oft anerkennend wie zärtlich »Mollywood« genannten Land wohl niemals mangeln.

Infos:

Staatliches Marokkanisches Fremdenverkehrsamt: Tel.: (0211) 370551-2
www.visitmorocco.com

www.kasbah-online.de

Literatur:

Hartmut Buchholz, »Marokko - Süden, Agadir, Königsstädte«, Dumont Reisetaschenbuch, 300 S., 17,99 €

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