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Eisberge gefährden Schiffe im Nordatlantik

Forscher schließen selbst eine Katastrophe wie die der Titanic nicht aus

  • Von Barbara Barkhausen, Sydney
  • Lesedauer: 3 Min.

In gewisser Weise war es ein erster Vorgeschmack: 2013 gingen erstaunliche Bilder aus der Antarktis um die Welt. Über 50 Menschen steckten auf dem russischen Polarschiff »Akademik Schokalsky« im Eis fest. Das Drama begann am Weihnachtstag: Plötzlich wurde das Schiff von Packeis vor der Küste der Antarktis umschlossen und konnte weder vor noch zurück. Auch Eisbrecher, die herbeieilten, konnten nicht sofort helfen. Nach neun Tagen im Eis wurden alle Passagiere schließlich Anfang Januar per Helikopter ausgeflogen.

Für die Welt war es ein Spektakel, für die Veranstalter eine Blamage. Doch dass Schiffe Unfälle im Meereis der Arktis oder Antarktis haben, könnte in Zukunft noch häufiger passieren. Forscher schließen derzeit selbst eine Katastrophe wie die der Titanic, die auf ihrer Jungfernfahrt 1912 mit einem Eisberg kollidierte und sank, nicht mehr aus.

Dass die Gefahr so groß geworden ist, hängt damit zusammen, dass die Entwicklung des Meereises in den Polarregionen inzwischen unberechenbar geworden ist. Wie viel Eis das Meer bedeckt, variiert zwar je nach Jahreszeit. Es dehnt sich im Winter aus und schrumpft im Sommer. Doch die Entwicklung ist inzwischen nicht mehr vorhersehbar.

Bereits gegen Ende des antarktischen Sommers im Februar verzeichneten Forscher so wenig Meereis um die Antarktis wie nie zuvor. Die Hälfte des Weddell-Meeres war nicht mit Eis bedeckt, wenige Monate später brach ein riesiger Eisberg vom Larsen-C-Eisschelf ab. Nun endete auch der antarktische Winter mit einem Tiefpunkt: Das Meereis dehnte sich erneut so wenig aus wie nie zuvor um die Jahreszeit. Es bedeckte gerade mal 18 Millionen Quadratkilometer. Noch vor drei Jahren war es genau andersherum gewesen, damals hatten Forscher eine Rekordausdehnung gemessen, zwei Millionen Quadratkilometer mehr als heute. »Die Unvorhersehbarkeit und Variabilität des Meereises ist derzeit groß«, sagt Jan Lieser, ein deutscher Meteorologe, der am Antarctic Climate and Ecosystems Cooperative Research Centre im australischen Hobart arbeitet. Die Entwicklung des Meereises hänge von Strömung, Wasser- und Lufttemperaturen, Wind und Wellen ab. »Meereis wird praktisch von zwei Seiten angegriffen. Von der Atmosphäre und dem Ozean - während das Meereis nur eine dünne Schicht dazwischen ist.«

Obwohl Forscher die Entwicklung des Meereises über Satellitendaten beobachten, wird das Risiko für die Schifffahrt nach Meinung Liesers immer größer. Zum einen, weil die vorhandenen Daten seiner Meinung nach nicht ausreichen, zum anderen, weil die Beliebtheit des Kontinents aus Eis stetig zunimmt. Laut der Internationalen Vereinigung der Touranbieter in der Antarktis waren allein in dieser Sommersaison über 40 Forschungs- und Kreuzfahrtschiffe mit 44 000 Menschen in der Antarktis unterwegs. Diese Zahlen sollen in den kommenden vier Jahren weiter ansteigen.

Aber nicht nur das Meereis in der Antarktis ist unberechenbar. Auch für die arktischen Regionen hat die Internationale Arbeitsgruppe der Eisdienste (IICWG) Alarm geschlagen. »Das Meereis in der Arktis setzt seinen ungleichmäßigen Rückgang sowohl im Sommer als auch im Winter fort.« Obwohl es grundsätzlich abnehme, seien weder die Nordwest- noch die Nordostpassage diesen Sommer völlig frei gewesen. Außerdem habe die Eissaison in Südgrönland dieses Jahr zwei Monate länger gedauert als im Vorjahr. Laut IICWG haben 2017 über tausend Eisberge die nordatlantische Schifffahrt erschwert.

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