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Prinzipientreue oder ein kühles Pils

Christoph Ruf hat Mittel gegen die grassierende Hysterie im Fußball entdeckt

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Der Mann hat bis vor einigen Jahren als Fußballtrainer gearbeitet. Erfolgreich. Zuvor war er Stürmer. Genauso erfolgreich. Er ist verheiratet, spricht Spanisch und Rheinisch. Er hat einen Schäferhund. Das sind die Dinge, die man bislang zu wissen glaubte über Josef »Jupp« Heynckes, der vergangene Woche als Interimstrainer des FC Bayern München vorgestellt wurde. Wer danach die Neigung verspürte, sich weiter mit Heynckes zu befassen, bekam allerdings ein ganz anderes Bild von dem Mann. Vor dem inneren Auge wuchsen Heiligenscheine, grauhaarige Menschen und reinrassige Schäferhunde wandelten Hand in Hand über den tosenden Niederrhein, um am anderen Ufer Heineken in Wasser zu verwandeln.

Angesichts der Wunderkräfte, die dieser Mann besitzen muss, hätten die Bayern-Offiziellen wohl auch einer gelungenen Kreuzung aus Jesus, Superman und Woody Allen eine Absage erteilen müssen, wenn die um die Gunst gebuhlt hätte, Nachfolger von Carlo Ancelotti zu werden. Und da so eine waschechte Heldengeschichte wie die von Josef H. aus Korschenbroich dann noch besser zu erzählen ist, wenn neben dem strahlenden Weiß auch ein echter Kontrast erscheint, durfte Ancelotti in einigen Zeitungen regelrecht Ehrenrühriges über seine Arbeit lesen. Keine Taktik, kein System, kein Arbeitsethos, keine Menschenführung. Wer las, was so alles schlecht gelaufen sein soll unter dem gemütlichen Italiener, der fragte sich unwillkürlich, wie dieser Mann mit der vermeintlichen Fachkompetenz eines Torpfostens es geschafft haben kann, gleich drei Mal die Champions League zu gewinnen.

In Zeiten, in denen Trainern Attribute zugeschrieben werden, die man ansonsten nur aus Psalmen in Gesangsbüchern kennt, kann man wohl von einer gewissen Übersteigerung sprechen. In Zeiten, in denen Trainer neuerdings schon vor ihrem ersten Ligaspiel gefeuert werden (Sportfreunde Lotte) auch. Und in Zeiten, in denen der gleiche Schalker Trainer, der noch in der Vorwoche eine »Niederlagenserie« kommentieren sollte, nach einem Sieg gefragt wird, ob das der Beginn einer »Siegesserie« sei, erst recht. Dass die Hysterie, die einem entgegenschwappt, Folgen für das reale Leben im Fußball hat, ist ja auch eigentlich nicht sehr verwunderlich. Spieler, Manager, Aufsichtsräte, sie alle werden eben schneller nervös, wenn sie ständig hören, dass ihr Verein nun schon seit zwei Spielen sieglos ist. Also werden fähige Trainer entlassen, unfähige Spieler nachverpflichtet und überhaupt so viel Geld ausgegeben, dass man sich zumindest einem Vorwurf nicht mehr aussetzen kann: untätig gewesen zu sein.

Das alles kann man vielleicht sogar auch irgendwie verstehen, denn es kann keinen Spaß machen, mit den Folgen von Fußballhysterie konfrontiert zu sein. Ein Trainer, der bis vor Kurzem bei einem großen Traditionsverein beschäftigt war, hat jüngst im kleinen Kreis erzählt, wie er sich fühlte, als er ein paar Mal hintereinander nicht gewonnen hat und beim Abendessen von anderen Restaurantbesuchern angepöbelt wurde: so schlecht, dass es ihm kurz darauf noch schlechter gegangen sein muss. Denn irgendwann hat der Mann beschlossen, sich den Wahnsinn nicht mehr anzutun und hat sein Abendessen stattdessen am Drive-thru-Schalter einer Fastfoodkette bestellt. Die spätere Entlassung muss also in mehrerlei Hinsicht befreiend gewirkt haben.

Schlimm ist es allerdings, wenn Manager, die das Recht auf autonomes Handeln aus der Hand geben, von »Branchenmechanismen« reden. Dass ein Trainer entlassen werden muss, weil fünf Besoffene und ein indisches Onlinemedium das fordern, das hat mit Naturgesetzen nicht allzu viel zu tun.

Umso schöner ist es deshalb auch, dass es im munter vor sich hin delirierenden Bundesligazirkus noch ein paar Menschen gibt, die einfach das machen, was sie selbst wollen. Ihren Job zum Beispiel. Oder einfach: Bier trinken. Jörg Schmadtke, Manager des 1. FC Köln, hat sich nach der siebten Saisonniederlage auch am Freitag geweigert, den Coach anzuzählen: »Wir führen keine Trainerdiskussion, da können Sie so oft fragen, wie Sie wollen«, sagte er stattdessen. Und das war nun wirklich fast so cool wie die Gesänge der Hamburger Fans am Mainzer Hauptbahnhof. Hass gegen die eigenen Stürmer Bobby Wood oder Sven Schipplock, die das Tor nicht treffen? Trainer-raus-Rufe? Von wegen. Stattdessen ein kühles Pils an den und ein lustiges Lied auf den Lippen: »Heute woll’n wir saufen bis der Schipplock trifft ...« Prost!

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