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Demokratie im Fadenkreuz

Leif Tewes recherchierte für seinen Krimi noir «Alternativen» verdeckt in der AfD

  • Von Mirco Drewes
  • Lesedauer: 3 Min.

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Ich bin Mitbürger. Ich bin Schriftsteller.« Dieses schlichte Bekenntnis eröffnet die Präambel des Weblogs afdthrillblog.wordpress.com. Der Verfasser, der auch Betreiber der Netzseite ist, blieb zunächst unbekannt. Und dies aus gutem Grunde: Er war »Undercover bei der AfD«, so der Titel der Website. Der Blog verarbeitet Erfahrungen aus dem inneren Kreis der rechtspopulistischen Partei: »Ich schreibe ein Buch über eine Geschichte, die in unserer Zeit spielt«, erklärt die Präambel das Motiv der investigativen Mission. »Dafür muss ich dorthin, wo es weh tut. Zur AfD. Ich bin eingetragenes Mitglied der Alternative für Deutschland. Unter falschem Namen.«

Der Mann hinter dem Blog ist der hessische Krimi-Autor Leif Tewes. Unter dem Titel »Alternativen« erschien nun der dritte Roman aus seiner Feder. Die Hinwendung zu komplexen und wenig durchsichtigen Organisationen, in denen das Verbrechen, wenn nicht Existenzgrund, so doch logische Fortsetzung der inneren Machtstrukturen und Konsequenz der Geschäftsinteressen ist, ist das Markenzeichen des Autors.

Für die im Roman »Die besseren Deutschen« genannte Gruppierung stand die AfD Pate. Das Bild, das die Rechtspopulisten im Roman abgeben, ist das eines Sammelbeckens nationalistischer Strömungen. Neben kleinbürgerlichen Spießern finden sich hier Karrieristen und machtbesessene Technokraten, die sich aller Mittel propagandistischer Manipulation bedienen. Die Führungszirkel profitieren in ihrem falschen Spiel, in dem Lüge und die perfide Produktion von Fake News zentrale Mittel der Wahl sind, von Verbindungen in die Neonazi-Szene, aber eben auch zu Sicherheitsbehörden und in die Justiz.

Tewes entwirft ein komplexes Verschwörungsszenario, in dem die Interessen der rechtspopulistischen Partei, der Geheimdienste und des islamistischen Terrorismus bisweilen zur Deckung gelangen. Der gemeinsame Feind ist die freiheitliche und solidarische Gesellschaft, im Fadenkreuz ist die Demokratie.

Das Bekenntnis im Blog, den der Autor während der Arbeit an seinem Roman noir führte - »Ich bin Mitbürger. Ich bin Schriftsteller« -, ist aufklärerisch. In diesem Geist liest sich »Alternativen«. Die Geschichte um ein heimtückisch geplantes Attentat und dessen politische Instrumentalisierung zeigt Demokratie als gefährdet, wenn Menschen den Mut verlieren, sich einzumischen, die veröffentlichte Meinung zu hinterfragen und sich freiwillig in die Isolation sich selbst bestätigender Milieus flüchten.

Befragt nach seinen Eindrücken von den Stammtischen der AfD, gibt der Autor »Angst, Wut und Sozialneid« als emotionale Triebmittel an. Wobei »die wenigsten tatsächlich von irgendwelchen Qualen des Lebens in unserer Gesellschaft gezeichnet waren«, wie Tewes ausführt. »Im Gegenteil, das waren Anwälte, Kaufleute, Polizisten, Pensionäre, in der Regel gut situiertes Volk«.

Frappiert habe ihn »neben der erwartbaren Wut gegen Flüchtlinge der sichtbare Hass gegen ›die Linken‹, die Gutmenschen«. In diesem Hass täten sich auch Staatsdiener hervor. In der AfD gebe es etliche Polizisten, die mit den Identitären sympathisierten und sich über eine »linksversiffte Justiz« beklagten, die rechte Gewalt wesentlich härter bestrafe als linke. Im Blog beschreibt Tewes die Stammtische des Kreisverbandes als »Ansammlung von offenbar jahrelang unterdrückter Wut«, eine Mentalität des »ich zuerst« sei prägend. Bei der AfD-Führungsspitze sieht er vor allem persönliches Machtstreben am Werk. »Mehr Angst machen mir fast die jungen Alternativen«, erklärt Tewes, der den Nachwuchs beim Bundesparteitag hautnah erlebte: »Beim Casting für einen Film über die Hitlerjugend hätten die alle sofort einen Job bekommen.«

Das Aufkommen des Rechtspopulismus sieht Tewes als Folge der Entpolitisierung der Gesellschaft. »Ich glaube, viele Menschen verwechseln Demokratie mit selbstverständlichem Konsum«, erklärt Tewes. Als Bürger sieht er die Politik in der Pflicht, die das jahrzehntelang verweigerte Bekenntnis zu Deutschland als Einwanderungsland endlich nachzuholen habe. Und die wesentlich stärker in politische Bildung investieren sollte.

Leif Tewes trägt seinen Teil bei. Er schreibt Kriminalromane, die zu kritischem Denken anregen.

Leif Tewes: Alternativen. Roman. Größenwahn Verlag, 300 S., br., 16,90 €.

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