Die Hervorbomber

Mit der Politik der Roten Armee Fraktion identifizieren sich Linke kaum noch. Doch was lehrte uns die RAF?

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Hanns Martin Schleyer im Unterhemd gehört zu den ersten TV-Bildern, die sich den heute Mitte-40-Jährigen tief ins Gedächtnis gegraben haben. In den Herbsttagen 1977, die später als der »Deutsche Herbst« betitelt wurden, buchstabierten sie vielleicht gerade ihre ersten Wörter. Das Gros derer, die sich heute in der außerparlamentarischen Linken engagiert, war da noch nicht geboren. Zwischen ihnen und der Roten Armee Fraktion stehen nicht nur viele Jahre.

Welche Punkte dürfen in der Diskussion um die RAF nicht ausgeblendet werden? Gibt es Lehren, die Linke heute noch ziehen können? Und was verbinden jüngere Aktivstin_innen mit der RAF? Das »nd« hat hierzu eine Mini-Umfrage gestartet. Geantwortet haben Lena Kreymann, Vorsitzende der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend (SDAJ), und die Gruppe Antifaschistische Linke International (A.L.I.) aus Göttingen.

RAF im Zeitkontext

Am Anfang eine Handvoll Revolutionäre, schlossen sich der Gruppe im Laufe ihres Bestehens nicht einmal 100 Mitglieder an. Auch wenn anfänglich rund ein Drittel der jüngeren Leute Sympathie bekundete: Woher schöpfte die Guerilla das Sendungsbewusstsein, den Mut oder auch die blinde Wut für ihre Aktionen? Die beiden Gruppen, die sich auf »nd«-Anfrage meldeten, fordern, die RAF im historischen Zusammenhang zu sehen - sowohl der Fairness halber als auch wegen des Erkenntnisgewinns.

Alt-Nazis zu Fall bringen

Im »Programm« der RAF spielten die bundesrepublikanischen Kontinuitäten mit dem nationalsozialistischen Regime ein große Rolle. So schreibt die Antifaschistische Linke International aus Göttingen: »Der Versuch des bewaffneten Kampfes war auch der Versuch, einen Bruch mit der faschistischen Kontinuität zu erzwingen, den es in der BRD nie gegeben hatte.« Auch Lena Kreymann vom SDAJ betrachtet die mangelnde oder gänzlich ausbleibende Strafverfolgung von hochrangigen Nationalsozialisten des Dritten Reiches als wichtigen Faktor für die Gründung der RAF. Mindestens ebenso wichtig waren die internationalistischen Ziele der RAF.

Multiplikation der Fronten

Frisch in die BRD importiert wurde 1967 Che Guevaras Schrift »Mensaje ala Tricontinental« (»Botschaft an die Tricontinentale«). Nachdem er darin seine Verbundenheit mit der gegen die USA kämpfenden vietnamesischen Bevölkerung ausgedrückt hatte, propagierte er den »Hass als Faktor des Kampfes«, der den Menschen über seine »physischen Grenzen hinaus antreibt« und ihn in eine »kalte Tötungsmaschine verwandelt«.

Beim Berliner Vietnamkongress 1968 wurden die Forderungen Guevaras - darunter viel zitiert: »Schafft ein, zwei, drei, viele Vietnams« - für die bundesdeutsche Situation adaptiert. Dort appellierte Rudi Dutschke an seine Genossen, nicht nur den »amerikanischen Imperialismus« anzugreifen, sondern auch mit dem »eigenen Herrschaftsapparat« zu brechen. »Lasst uns auch endlich unseren richtigen Kurs beschleunigen. Vietnam kommt näher!«, rief er. Zu den Waffen rief Dutschke zwar nicht, dennoch soll seine flammenden Rede die RAF-Begründer_innen An-dreas Baader und Gudrun Ensslin tief beeindruckt haben.

Gewalt als politisches Mittel

An der RAF kritisiert Lena Kreymann die Verengung jeder Praxis auf den bewaffneten Kampf. Erklärt fand sie dieses eigentümliche Praxis-Verständnis in Ulrike Meinhofs Schrift »Das Konzept Stadtguerilla«: »Die Rote Armee Fraktion redet vom Primat der Praxis. Ob es richtig ist, den bewaffneten Widerstand jetzt zu organisieren, hängt davon ab, ob es möglich ist; ob es möglich ist, ist nur praktisch zu ermitteln.« Kreymann betont jedoch, dass in der Geschichte immer wieder gewaltsame Gegenwehr erforderlich gewesen sei. Doch »die Wahl der Kampfformen müsse immer zweckmäßig am Ziel, der Abschaffung der Diktatur des Kapitals«, ausgerichtet sein. Ein politischer Kampf sei nicht deshalb automatisch revolutionärer, nur weil er gewalttätiger sei.

Die Antifagruppe A.L.I., deren Debattenbeitrag sich hauptsächlich mit dem Thema »Gewalt als Mittel« beschäftigt, stimmt an dieser Stelle ein: »Die Linke hat die Frage nach dem richtigen Vorgehen immer auch historisch zu beantworten. Dabei heiligt weder der Zweck die Mittel, noch kann es universell und zeitlos gültige Antworten geben.« Auch die Frage, wie eine humane Gesellschaft aus inhumanen Kampfmethoden entstehen soll, kann sich hier nahtlos anfügen.

Der Relativierungsdiskurs

Die Gewaltanwendung der RAF und der Bundesrepublik in den 70er Jahren sieht die Gruppe A.L.I. auf einer Linie. Als Beispiele aufseiten der Bundesrepublik nennt A.L.I. die sukzessive Wiederbewaffnung, den Freispruch von Benno Ohnesorgs Todesschützen, dem Polizisten Karl-Heinz Kurras, und das Berufsverbot gegen Linke. Brachiale versus strukturelle Gewalt? Relativierungen wie diese führten Linke auch ins Feld, als die deutsche Öffentlichkeit hysterisch ins von G20-Kritikern verwüstete Hamburger Schanzenviertel blickte. Das ist in der Situation verständlich, als Argument taugen solche Relativierungen von Gewalt nicht, weil sie Fragen der Strategie, der Angemessenheit und Wirksamkeit der Mittel und Fragen der Legiitmation von Gewalt völlig außer Acht lässt.

Faschistische Fratze zeigen

Die RAF wollte Politiker_innen die »demokratische Maske« herunterreißen und »die Fratze des Faschismus hervorbomben« (Ulrike Meinhof). Ein Rückfall in den Faschismus fand nicht statt, wohl aber begann damals eine Serie von »sicherheitsbedingten« Gesetzesverschärfungen, die bis heute nicht beendet ist. Im Namen der »Terrorismusbekämpfung« wurden Gesetze erlassen, welche stark an den universellen Grundrechten rüttelten und die auch nach Auflösung der RAF nicht wieder abgeschafft wurden. Es gehörten dazu die Rasterfahnung, das Kontaktsperregesetz, die Möglichkeit, Isolationshaft zu verhängen, und die Verschärfungen der Strafprozessordnung (Verbot der Mehrfachverteidigung). Die RAF hoffte vergeblich, dass die erlittene Härte ihr in der Mitte der Bevölkerung Bonuspunkte einbringt. »Letztendlich stärkte die RAF damit die Position des Staates«, schreibt Kreymann.

Um für ihre Überzeugung einzutreten, gaben die Untergrundkämpfer_innen der RAF ein komfortables Leben im privilegierten Teil des kapitalistischen Weltsystems auf. Wegen dieser konsequenten Haltung wird ihnen beispielsweise von der Gruppe A.L.I. Respekt entgegengebracht. Dennoch erscheint der ambitionierte Vorstoß der »avantgardistischen« Guerilla mit Stern und Kalaschnikow im Logo aus heutiger Sicht sinnlos - ihre makabre Brutalität, ihr Selbstaufopferungskult, ihre ideologischen Scheuklappen, die sie sich mit der strikt verfolgten Imperialismustheorie auferlegte und die sie blind zu machen schien für die Komplexität der sie umgebenden Realität. Trotzdem, die RAF ist ein Teil der linken Geschichte, wir sollten uns ihr stellen.

Die Texte der SDAJ und der Gruppe A.L.I. stehen im nd-Blog »In Bewegung«.

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