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Forscher finden 75 Prozent weniger fliegende Insekten

  • Von Grit Gernhardt
  • Lesedauer: 3 Min.
Der Letzte seiner Art?
Der Letzte seiner Art?

In der Natur hängt alles mit allem zusammen; funktioniert ein Teil nicht, bricht das System irgendwann zusammen. Deswegen sind die Zahlen, die ein Expertenteam am Mittwoch in der Online-Wissenschaftszeitschrift »Plos One« veröffentlichte, umso erschreckender. Zwischen 1989 und 2016 hatten ehrenamtliche Entomologen die Menge an fliegenden Insekten in 63 deutschen Naturschutzgebieten in Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Brandenburg gemessen. In Klebefallen sammelten sie die Tiere und wogen die Gesamtbiomasse ab. Die erschreckende Erkenntnis: Im Untersuchungszeitraum ging die Menge der Insekten um 76 Prozent zurück.

Über einzelne Arten und deren Entwicklung sagen die Zahlen zwar nichts, aber wer sich in den vergangenen Jahren über fast saubere Windschutzscheiben nach einer Autobahnfahrt wunderte, kann sich in seiner Beobachtung bestätigt fühlen: Es gibt immer weniger Insekten. Auch wenn etwa zu Bienen und Schmetterlingen in regelmäßigen Abständen alarmierende Zahlen veröffentlicht wurden - einen solch dramatischen Rückgang der gesamten Insektenbiomasse hatten die Forscher unter Leitung von Caspar Hallmann von der Radboud University in Nijmegen (Niederlande), die die Ergebnisse der Messungen auswerteten, nicht erwartet.

Zwischen Juni und September 2016 verfingen sich 82 Prozent weniger Fluginsekten als 1989 in den Fallen. Die Forscher untersuchten auch mögliche Gründe für die Entwicklung, kamen aber zu keinem eindeutigen Ergebnis. So wird vermutet, dass der Klimawandel mit steigenden Temperaturen und Extremwetterlagen eine Rolle spielt, aber auch die industrielle Landwirtschaft, die viele Monokulturen entstehen lässt und Lebensräume der Insekten zerstört. Zudem hat die großflächige Nutzung von Pflanzenschutzmitteln, Düngern und Insektiziden wohl Auswirkungen weit über die besprühten Gebiete hinaus.

Das wollen die Landwirte nicht unwidersprochen so stehen lassen: Da die Menge der Insekten nur in Schutzgebieten erfasst worden sei, lasse sich daraus zunächst kein Zusammenhang mit der industriellen Landwirtschaft ableiten, sagte der Generalsekretär des Deutschen Bauernverbandes, Bernhard Krüsken. Er forderte weitergehende Studien.

Die will auch die Umweltschutzorganisation NABU. Nahe der untersuchten Schutzgebiete finde fast überall konventionelle Agrarnutzung mit Pestiziden statt, sagte NABU-Chef Olaf Tschimpke. Bis heute müsse Naturschutzbehörden nicht mitgeteilt werden, welche Chemikalien in welcher Mischung und Menge auf Ackerflächen innerhalb von Schutzgebieten ausbracht werden, kritisierte er.

Doch auch die Bauern werden den Insektenschwund früher oder später deutlich spüren: Die meisten Pflanzen müssen bestäubt werden, um sich vermehren zu können. Ohne die derzeit rund 580 Bienenarten gäbe es nach Schätzungen von Umweltschützern und Ökologen rund zwei Drittel weniger Kirschen, Äpfel und Pflaumen. Auch haben Insekten andere wichtige Aufgaben im Ökosystem - manche fressen etwa Pflanzenschädlinge wie Raupen oder Milben, helfen bei der Zersetzung von Biomasse und dienen selbst als Futterquelle für andere Tiere wie Vögel.

Auch hier scheint sich der Insektenrückgang bereits auszuwirken: So beklagte der NABU am Donnerstag einen dramatischen Rückgang brütender Vögel in Deutschland. Von 1998 bis 2009 sei die Zahl um rund 12,7 Millionen Paare gesunken. Besonders betreffe das häufige Arten wie Stare oder Spatzen, während die Population seltener Arten teils sogar steige.

»Aufgrund dieser dramatischen Zahlen muss man von einem regelrechten Vogelsterben sprechen«, so Tschimpke. Er machte die »aufgeräumte Agrarlandschaft« mit fehlenden Hecken und Gehölzen für den Rückgang verantwortlich. Ausgewertet wurden Daten der Bundesregierung von 2013. Demnach ist der Star besonders betroffen, um 20 Prozent sank die Zahl der Brutpaare. Bei Haussperling, Wintergoldhähnchen und Buchfink sieht es nicht besser aus. Der NABU zieht eine direkte Verbindung zum Insektensterben: »Fast alle betroffenen Arten füttern zumindest ihre Jungen mit Insekten«, sagte NABU-Experte Lars Lachmann.

Wenn die Vögel ausbleiben, leiden wiederum andere Tiere - und der Mensch. Vögel verbreiten Samen von Bäumen und Büschen, reduzieren die Schadinsektenpopulation und dienen Raubtieren als Futter. So zieht sich das Insektensterben durch die gesamte Nahrungskette - mit unabsehbaren Folgen. Kommentar Seite 4

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