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  • Tanzperformance im HAU 2

Zwischen Küssen und Vulvastupsern

Tanzperformance mit Yoga und Zaubertricks: Meg Stuarts »Until Our Hearts Stop« im HAU 2

  • Von Volkmar Draeger
  • Lesedauer: 3 Min.

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Wie ein dunkler See bedeckt Glanzfolie schräg die Szene im HAU 2. Sechs Performer legen sich hin, einzeln oder auch aufeinander. Aus dem zärtlich-passiven Tasten nach dem Körper des Gegenübers entwickeln sich zu Live-Musik riskante Besteigungen und daraus einstürzende Balancen, als suche jeder Schutz beim anderen. Niemand lässt los. Das Leibergewölk, abgestützt wie ein gotischer Dom, ächzt und schnauft, flüchtet sich dann auf eine Couch. Einer macht sich nackig, drängelt sich dazwischen, setzt durch die physische Enge eine Sturmflut des Begehrens in Gang.

Nicht jeder wünscht diese bedrängende Annäherung durch Befühlen, Beriechen, Hand- und Fußküsse, doch der Strudel der Gelüste reißt alle mit sich fort. Zusätzlich bloßgelegt durch Scheinwerferbatterien, ergießt sich der verkeilte Lustpulk in den Raum. Zwei nackte Frauen im verklammerten Kampf, mit Haareziehen, Brustreißen, Genitalklatschern, Poblasen, Küssen und Vulvastupsern, leben Körperfreuden aus.

Was Meg Stuart 2016 bei »Tanz im August« auf die Volksbühne gestellt hatte, ihr Gruppenstück »Until Our Hearts Stop«, das bekommt im HAU durch die Nähe zum Zuschauer eine weit intimere und zupackendere Dimension. All dies mit der Frage, wie viel Engkontakt zwischen Körpern möglich ist und wo die Grenzen liegen. Bisweilen schrammt das harsch am Pornografischen auf der Szene, am Voyeuristischen für den Zuschauer vorbei. Stuart ist indes gewiefte Theatermacherin genug, um über die fröhlich-naive Unbefangenheit und die lustvolle Entdeckerfreude ihrer Performer dieser gefährlichen Lanze die Spitze zu nehmen.

Ein Paar ringt im mittigen Sitz lange um den Optimalorgasmus, bis es aus der Rüttelbewegung kaum mehr den Ausgang findet. Dann geht es ans Zusehvolk. Früchte, Whiskey, Kuchen, Knete werden verteilt, jeder kann sich sein Lieblingsmotiv formen. Für die Akteure bedeutet das Verschnaufpause, für die Zuschauer das Gefühl von aktiver Mitgestaltung und Brechung des Befremdens über so viel vorgeführte Lust.

Dann aber geht es wieder hart zur Sache, diesmal mit diversen Schlagtechniken zwischen Männern. Peitschend und sicher auch schmerzend prasseln die Schläge mit Lustgewinn auf nackte Haut und wechseln mit Streichelvorgängen, die unvorhersehbar wieder in Gewalt umschlagen. Sich ausleben in jeder Situation, ganz bei sich sein, Hemmungen aller Art verlieren, das sind hier die Themen von Meg Stuart. Hemmungen hat noch ein Moderator im Frack, ob denn die Mutter im Auditorium sei. Seinem Pianisten legt er Flüstergeständnisse ab. Wenn er raunt, nicht mehr im Mittelmeer schwimmen zu können, geht Slapstick in Politsatire über; wenn er den Namen »Volksbühne« kaum mehr auszusprechen wagt, feiert er süffisant Lokalbezug.

Weshalb anschließend eine Magieshow mit Zaubertricks folgt, diese Frage gehört zu den Unbegreiflichkeiten einer reichlich zweistündigen Inszenierung mit dynamisch geschickter Struktur und dem überraschenden Ende namens Einsamkeit. Meg Stuart ist da wieder bei ihren Anfängen angelangt, obgleich nun weniger zerquält.

Bis zum 22. Oktober im HAU 2, Hallesches Ufer 32, Kreuzberg

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