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Stadt, Brand, Fluss

Passau ist abgebrannt und immer wieder geflutet worden. Doch stets wieder auferstanden. Von Stephan Brünjes

  • Von Stephan Brünjes
  • Lesedauer: 5 Min.

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Ein Wort nur - FLUT - dann sprudelt es. Aus der Kellnerin, dem Verkäufer, den Studenten: Sie lassen noch mal Autos durch die haushoch überschwemmte Höllgasse dümpeln, tragen wieder Müllsackhosen, schippen der verzweifelten Inhaberin des Schuhgeschäfts nebenan mit vereinten Kräften den Keller leer und organisieren sich wochenlang per Facebook für ihren beispiellosen Hilfseinsatz. Sogar geheiratet wird mitten im Schlammassel - ermöglicht von der Feuerwehr, die ein Brautpaar durch die Fluten zum Standesamt fährt. Wohl jeder Passauer erzählt solche Geschichten - meist mit berührendem Happy End beim Jahrhunderthochwasser von 2013. Das stieg auf 12,89 Meter und ist an vielen Fassaden mit Gedenksteinen sowie am Rathaus im ewigen Wasserstand auf Platz 2 markiert, knapp hinter der gut 13 Meter hohen Flut von 1501. Man schaut hoch zu diesen Flutmarken, realisiert aber das ganze Ausmaß erst, wenn Bilder daneben hängen. Im Treppenhaus des Hotels »Am Paulusbogen« etwa. Wie bitte - bis hier, fast in den zweiten Stock, stand das Wasser...?

Ja, richtig - und in der Innenstadt, auf der Ludwigstraße, da haben sich Donau und Inn geküsst, mitten in der Fußgängerzone. Der eine Fluss flutete die Stadt von links, der andere von rechts. Land unter auf der Landzunge, die Passaus Altstadt trägt wie ein Schiff seine Aufbauten. Umso erstaunlicher, dass kaum noch Flutschäden zu sehen sind an den Häusern. Überstrahlt werden die Schäden im geschwungenen Verlauf der engen, teils steilen Gassen längst wieder von verschnörkelten Palais und Stadthäusern mit Pastellfassaden. Abends ist das zerbeulte Kopfsteinpflaster in einen Funzellaternen-Schimmer getaucht, und wer nun in der Altstadt mal die Verkehrsschilder ausblendet, schlendert durch das Passau der Jahre so ab 1690. Damals eine mondäne Weltstadt, gerade im seinerzeit neuesten Stil errichtet von italienischen Baumeistern als üppiges Barockgesamtkunstwerk - ermöglicht durch die zweite große Stadtkatastrophe: Feuer!

Im April 1662 war Passau nahezu komplett abgebrannt. 200 Menschen starben, 900 Gebäude wurden zerstört, weil der durch die Gassen drückende Wind als Brandbeschleuniger wirkte. Fürstbischof Wenzeslaus Graf Thun, zugleich weltlicher und kirchlicher Herrscher, befahl den zügigen Wiederaufbau - nicht nur barock, sondern auch mit Brandschutz, der bis heute sichtbar ist: Hinter den sich zumeist über mehrere Häuser erstreckenden, einheitlich hochgezogenen Fassaden liegen versteckt mehrere Grabendächer, mit denen auf dem Haus Regen als Löschwasser gesammelt werden kann. Zu sehen ist dieses Detail des Inn-Salzach-Baustils heute noch im Innenhof zwischen Höllgasse 19 und Pfaffengasse 5. Ebenfalls erhalten sind vielerorts die metallenen Fensterläden. Erdgeschosse und Keller muten meist gotisch an. Der Grund: Die unteren Teile der Häuser blieben vom Brand verschont, dienten als Fundamente für die Barockstadt.

Etwas größer war die Herausforderung beim mächtigen, weißen Stephansdom - hier sollte der nicht abgebrannte spätgotische Ostteil mit dem barocken Neubau verbunden werden. Meisterhaft gelöst vom italienischen Baumeister Carlo Lurago, bis heute geadelt mit dem Etikett: »Barocker Dom mit gotischer Seele«. Gravitätisch hallt sein Geläut durch die Gassen. Jeder Prediger hat seine Kombi der acht Glocken, und geschulte Passauer Ohren erkennen am Klangmix, wer die Kanzel besteigt. Beim Mittagskonzert im Dom kommt die weltweit größte, katholische Kirchenorgel zum Einsatz. Ein einmaliges Klangerlebnis, das nur einen stets ungerührt vorm Dom stehen lässt - Kaiserin Sissis Opa, Maximilian I. Joseph, Bayerns erster König. Wegen der 1803 erfolgten Trennung von Kirche und Staat zeigt er als Denkmal dem Dom gleich zwei kalte Schultern, hält schützend seine ausgestreckte Hand über die Bürger. Doch die Passauer nennen ihn für diese Geste nur den »Regenprüfer«, nutzen ihn aber immerhin als beliebten Treffpunkt, ebenso wie den Wittelsbacher Brunnen, bei dem man beim Warten auf die Verabredung bestaunen kann, wie der Brunnenbauer, ein gewisser Prof. Pradl, seine Frau und vier Kinder als pausbäckige Putten auf dem Brunnen verewigt hat.

Keine Frage, Passaus verzuckerte, teils überladene Kulisse ist alt. Aber das Ensemble der 50 000-Einwohner-Stadt ist jung - mit 10 000 Studenten. Wer ihnen folgt, findet die schönsten Plätze zum Chillen: Rauf auf die Veste Oberhaus etwa - eine weitläufige Burganlage, in die Fürstbischöfe schon mal vor wütendem Passauer Mob flohen. Heute Museum und erstbester Panoramapostkartenblick auf die Stadt mit angrenzender Liegewiese. Die ideale Uferpromenade zum Entspannen liegt nicht etwa zu Füßen der Veste, an der Donau. Nein, das dortige Ufer ist (leider) betonierter, meist proppevoller Parkplatz für Busse sowie Reisegruppen, die als Entenschar hinterm hochgereckten Reiseleiterschirm herwatscheln. Darum lieber nicht ihm folgen, sondern den Studenten zum anderen Fluss, dem Inn und seinem fotogenen Wahrzeichen. Dieser Schaiblingsturm mit rotem Spitzkäppi, früher ein Wehrturm am kleinen Hafen, als die Dreiflüsse-Stadt mit dem Salzhandel reich wurde, ist heute beliebter Sonnenbank-Genussplatz.

Nach Feierabend prägen die Studenten ihr Passau besonders und zwar im doppelten Sinne: erstens fast jeden Abend nach Vorlesungsschluss in den vielen Kneipen der Stadt. Und zweitens nach dem Examen, wenn manche Akademiker sich mit gar nicht verkopften, sondern handfesten Geschäftsideen selbstständig machen. So wie Stefan Lang und Rafael Palacios in ihrem Bio-Imbiss »Zweite Heimat«. Unter dem Slogan »Burger, Bier und mia« inszenieren sie die Fleischbulette neu und hochwertig im kleinen Lokal an der Brunngasse. Auch die Idee zum personalisierten und inzwischen weltweit vertriebenen »MyMüsli« entstand in Passau. Und Bernd Vordermeier, studierter Architekt, erfand »ReRaGu«, was kein Mittagsmenü ist, sondern der Rennradreifengürtel für die Hose, gefertigt aus alten Fahrradreifen von Behinderten in den Wolfsteiner Werkstätten.

Und dann ist da noch Stephan Bauer. In Passau geboren und aufgewachsen, heute im Stadtrat für die Grünen und Chef des »KaffeeWerks« auf der anderen Innseite, im etwas angeschmuddelten Stadtteil Innstadt. Hier, am gemütlichen Kirchplatz, sitzt man auf aufgepolsterten Bierkisten oder sinkt tief ein in Omas Sofa, selbstgebackenen Kuchen und Kaffee genießend. Und Bauers Insidergeschichten über Passau. Etwa über die Fluthilfe, die er hier koordinierte. »Ein Glück, dass die Flut während des Semesters kam«, sagt er. »Denn mit dem Aufräumen hätte es doppelt so lange gedauert ohne die vielen, anpackenden Studenten.«

Infos

www.passau.de/Tourismus

Erleben:
Über die allgegenwärtigen Flutmarken und Fotos hinaus hält das vom Passauer Kabarettisten Ottfried »Otti« Fischer im Haus seiner Großeltern eröffnete Hochwassermuseum die Erinnerung wach. Hier, wo Fischer im vierten Stock seine halbe Kindheit verlebte, erzählt die Dauerausstellung »Wasser bis zum Hals« auf deckenhohen Bannern vor allem Schicksalsgeschichten aus den Fluttagen. Mal dramatisch, mal tragikomisch.
www.wasser-bis-zum-hals-passau.de

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