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Flaschenpost macht Mut

Film als Ausstellung - Kluges »Pluriversum« im Folkwang-Museum Essen

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 7 Min.

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Immer geschieht etwas, das man nicht erwartet. Alles ist in lebhafter Bewegung. Deshalb gibt es für Alexander Kluge keine Zerfallszeiten. Das Leben verfügt über einen »Begabungsüberschuss«, der Krisen und Katastrophen zu überdauern vermag und auf seine unplanbare Stunde wartet. Und so spielt Kluge mit Zeitgeschichte, als bleibe sie fortwährend Rohstoff. Im Essener Museum Folkwang ist eine Ausstellung zu sehen, die sich ausschließlich dem filmischen Werk des 85-jährigen Schriftstellers und Medienkünstlers zuwendet. Kluge nennt sie »Pluriversum« - das ist das Plurale und das Universelle. Weiteste Horizonte. Nichts steht für sich allein, alles setzt sich in allem ab oder fort oder fest. Oder neu zusammen.

Der erste von sechs multimedialen Räumen: Fotos von Sternenhimmeln. Darauf sind Begriffe projiziert, die gewissermaßen das Themen-Alphabet von Kluges Arbeit bilden: »Bodenhaftung« oder »Eigensinn« oder »Öffentlichkeit« oder »Antirealismus« oder »Zirkus«. Da steht auch »Halberstadt brennt«. In seiner Heimatstadt erlebte der 1932 Geborene im letzten Kriegsjahr einen Bombenangriff: »Zehn Meter entfernt der Einschlag - die Minimalabweichung, die mein Leben bestimmte. Privat- und Menschheitsgeschichte ist eine Sache winziger Verschiebungen von Koordinaten.« Du bist, was der Zufall zur Fügung macht, von Geburt an, und täglich. Alle Geschichtsprognostik ist Verheißung dessen, von dem meist nur jener Strich bleibt, der durch die Rechnung geht. An seidenen Zeitfäden hängt, was wir später mit jener Lüge von Logik versehen, die im Nachhinein das Chaos begradigen soll. Geschichtszerschreibung. Dagegen erzählt Kluge an.

Halberstadt brennt. Das ist auch das Brennen im Autor selbst. Die Eltern ließen sich früh scheiden. Immer wieder in seiner Literatur beschreibt Kluge die Trauer darüber, als Kind diese Scheidung nicht verhindert zu haben. Er glaubt an die Harmonie stiftende Kraft des Arguments, aber just diese Kraft hatte der Junge damals nicht. Weil Enttäuschung und Sehnsucht einander so genau entsprechen wie nichts sonst in der Welt, sah Kluge in dem so illusionären wie starken Wunsch, die Eltern im Nachhinein doch noch zusammenzubringen, das entscheidende Motiv seines Schreibens, seiner Filmarbeit: Weltveränderung durch Fantasie; Realitätsübersprung durch eine Fabulierkraft, die sich nichts sagen lässt.

Denn wenn etwas nicht ist, dann heißt das auch: Es ist alles noch drin. Wenn man also in der Kindheit etwas erlebt hat, das man nicht mehr vergisst, so bleibt man offenbar durch dieses Erlebnis an die Kindheit gebunden - und insofern ein Kind.

»Welches Glück bringt mir mein Augeneindruck?« Das ist die Frage dieser Ausstellung. Die bilderreich überbordet und die mit optischer Vielfalt bedrängt. Geh einfach weiter. Geh wieder zurück. Steh und sieh, auch wenn du nicht gleich durchsiehst. Alles hier an Requisiten und Filmen und Teleskopen und Bildern offenbart gesammelte Erfahrungen, die irgendwie quer liegen - auch zur gängigen Praxis des Lesens, Sehens, Hörens. Die Bibliothek im »Arbeitszimmer« ist fast nur bestückt mit Kluge-Büchern. Und einem Mischpult und Zeitungsausschnitten. Im Raum »Archiv - das Gedächtnis der Bilder« hängt eine ausladende Fotografie von Thomas Demand: ein Hinterhof mit prangend weißen Kirschblüten. Die Reinheit dieser Ansicht täuscht, denn das ist nicht Japan, das ist der Eingang zum Haus jenes Mörders, der das Marathon-Massaker von Boston betrieb. Immer also ist etwas im Raum, das den schönen Schein mit dem aufstörenden Zubehör einer so ganz anderen Wahrheit versorgt.

Dann das »Pluriversum der Bilder«. Alle Wände und die Decke dieses Zimmers sind: Leinwand. Filmische Montagen zeigen zum Beispiel Trump und Elefanten im Zirkus, Putin und singende Wale. Angela Merkel mit geschlossenen Augen beim G-20-Gipfelkonzert in Hamburgs Elbphilharmonie. Und Flüchtlinge auf Ozean-Odyssee. Die Bilder kommentieren, widersprechen einander, und wir Zuschauenden sind überraschte Zeugen, befinden uns gleichsam in einem Parlament der Sinnesansprachen.

Es ist, als würde alles, was wir vor einem Fernsehgerät erzappen können, gleichzeitig stattfinden. Zeitraffer-Studien und Formel-1-Crash. Das Springende, das schroff Geschnittene. Das muss naturgemäß in Überforderung enden. Die liebt Kluge und setzt uns seiner Liebe aus. »Arbeit - Anti-Arbeit« heißt ein weiteres Montagethema: eine Großbaustelle - und parallel dazu eine Pianistin beim Spiel. Eine Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg ist ausgestellt; dazu Stummfilmmaterial: Ein deutscher Soldat versucht, einen Piloten zu bestechen, der ihn aus Stalingrad ausfliegen soll - er wird von den Eigenen erschossen.

Sehr wild denkt Kluge, und das äußerst kontrolliert. Seine Kunst ist Rechnungshof, nicht Arkadien. Wer Blicke in diesen Geschichtenkosmos wirft, ist in erhebendem Sinne erschlagen. Fiktion, die doch Reportage, Protokoll, Chronik und Bericht atmet. Kluge dringt in die Fakten ein, sprengt ihre Unerbittlichkeit auf, um »irgendwo eine Stelle zu finden, wo man neuen Raum für Mut gewinnt«. Auf einem Podest liegt eine Glasflasche, gefüllt mit einem schwarzen Tuch und beschriftet: »In Seenot werfen Seeleute eine Flaschenpost ins Wasser: Solche Hoffnung zeigt Mut. Oft schon haben Delfine solche Flaschen so lange zur Oberfläche gestupst, bis sie eine Hafenstadt erreichten.«

Die Kunst in diesen hellen oder dämmrigen Räumen: eine unausgesetzte Liebeserklärung ans Labyrinth, an den mäandernden Fluss. »... und wünschte kein Ende dem Umweg«, heißt es bei Volker Braun. Ein Bekenntnis zum Rätsel. Die auszubreiten, das ist die größere Kunst als sie schwitzend auszukundschaften. Man hört und sieht und liest und möchte wissen, wo einem der Kopf steht. Es hilft da nichts: Man muss ihn gebrauchen. Und muss in der Wahrnehmung unbewaffnet bleiben: ohne Vor-Urteil. Ja, es sei wiederholt: Treib dich nicht, lass dich treiben. Die vielen Moni-Tore stehen weit offen ins schöne Gelände der Überrumpelung: Jeder ist, was er in diesen Bildern sehen will.

Perspektiven, die ungeprüft sind, mit Arbeit auszufüllen - das ist das Credo dieses Forschers an den Nahtstellen der Epochen; Kluge wird bewegt von dem, »was sich untereinander quer durch die Zeiten« verbindet. Beziehungen zwischen individuellen Gefühlen und kollektivem Strom. »Tür an Tür mit einem anderen Leben«, wie eines seiner Bücher heißt. Am Ende des Ausstellungskurses: ein Zimmer, offen, ohne Tür, die Tapete aus Märchenbildern. Auf einem Zettel heißt es: »Wer an die Märchen nicht glaubt, war nie in Not.« Wünschen hilft, und es darf an Menschen weltweit gedacht werden, die sich fürs Märchen besseren Lebens den schweren Schlamm der Fluchtwege unter die Füße holen.

In seinen legendären Gesprächen mit Heiner Müller spielte er eine wiederkehrende Rolle: der »Angelus Novus« von Paul Klee, jener Engel der Geschichte, den Walter Benjamin als Ruinen-Schöpfer und ewigen Trümmer-Transporteur betrachtete. Dieser Engel und andere Radierungen Klees sind in der Ausstellung zu sehen, auch dessen »Stachel, der Clown« - hier dem dunklen Angelus beigesellt wie Licht, das dich umwärmt, wenn du aus kalten Schatten trittst. Licht, ja. Kino ist das Licht, das laut rattert. Schrieb Kluge. Kino ist gesteigerter Umgang mit der Lichtgeschwindigkeit und somit dem Dasein ein Beispiel: Was schnell kommt, kann unter Umständen noch schneller verschwinden.

Filme laufen und laufen, vieles verläuft sich, das meiste im Leben läuft an einem vorbei. Ein Überschuss des Sichtbaren. Hier wird dieser Überschuss zum Ereignis. Die Ausstellung mit ihren Gegenständen und Filmen (die alle erst in den letzten Monaten entstanden oder zusammengefügt wurden) erhebt das Betrachten von Bildern wieder zum Abenteuer.

Einem Bild mit einer Schrift in die Quere kommen (so arbeitet Kluges partisanisches DCTP-Fernsehen bei RTL); auf eine Stimme mit Gegenstimme reagieren: Augenblickscollagen ohne Anfang, ohne Ende, fleißige Vernetzung. Im Raum, der die »Lebenszeit als Währung« beleuchtet, steht der Satz: »Wo du nicht lieben kannst, da gehe vorüber.« Es liegt da auch eine Geburtszange. Ein Film zeigt, wie ein Kind auf die Welt kommt, zu Zeiten, als es solche Zangen noch nicht gab. Der übertragbare Schmerz: zur Welt kommen - ein lebenslanger Vorgang. Oft mit speziellem Erfahrungsüberschuss: dem wachsenden Gefühl nämlich, zu kurz zu kommen. Aber fass dich nicht, fass dich nicht kurz: Schweif aus in Trotz und Traum.

»Pluriversum« von Alexander Kluge, bis zum 7. Januar im Folkwang Museum, Museumsplatz 1, Essen

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