• Politik
  • Hotel City Plaza in Athen

Einmal Palast, Penthousesuite bitte!

Geflüchtete und Aktivisten haben in Athen erfolgreich ein Hotel besetzt, doch jetzt ist es von der Räumung bedroht

  • Von Veronika Maierl und Anselm Schindler
  • Lesedauer: 7 Min.

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Farlan kann die Tränen kaum zurückhalten, als sie von den Zuständen auf der Insel Chios, nahe der griechischen Küste, berichtet. Von der Enge in den Zeltlagern, den Schikanen der Polizei. Vor etwa einem Jahr floh die 53-jährige Syrerin aus Aleppo, gelangte zusammen mit ihrer drei Jahre älteren Schwester auf einem Boot nach Chios. Dort wird Farlan von ihrer Schwester getrennt, die nach Athen verlegt wird. Farlan beschließt, die Insel zu verlassen, schafft es ebenfalls nach Athen. Orientierungslos, ausgelaugt. Das Wichtigste: Sie will ihre Schwester finden. Am Victoria Square in der Athener Innenstad, ein Treffpunkt für Migrant*innen und Geflüchtete, hört sie zum ersten Mal vom City Plaza, dem besetzten Hotel an der Acharnonstraße. Dort, heißt es, sei es besser als in den staatlichen Zeltlagern oder auf der Straße.

Als einige Monate zuvor, im März 2016 die Schlösser des City Plaza geknackt werden, weiß man nicht, wie lange das Projekt überleben wird. Als die ersten Aktivist*innen, unter ihnen auch viele geflüchtete Menschen, das leer stehende Hotel betreten - zu diesem Zeitpunkt hat es seit bereits sieben Jahren keine Tourist*innen mehr gesehen - wartete an den Ecken des Gebäudes die Polizei. Doch die Beamten ziehen nach einigen Tagen ab. Die Hotelbewohner*innen treibt die Sorge um, dass sie bald wiederkommen könnten, mit Schlagstöcken und Räumungsbefehl. Und das City Plaza damit dasselbe Schicksal ereilt wie ähnliche Projekte.

Denn Pläne zur Räumung existierten bereits, was dieses Jahr über eine parlamentarische Anfrage herausgefunden wurde. Auch ein Gerichtsurteil sieht aktuell eine Räumung vor, die Behörden halten sich aber bedeckt. Geschlagen geben wollen sich die Hotelbewohner*innen jedenfalls nicht, sie rufen in einem internationalen Appell zur Unterstützung des Projektes auf, auf der Homepage https://best-hotel-in-europe.eu werden auch Spenden gesammelt.

Insgesamt rund 400 geflüchtete Menschen leben seit dem Frühjahr 2016 im Plaza. Dort hat Farlan auch ihre Schwester wiedergefunden, seither leben die beiden in dem Haus. Das Gebäude an der Acharnonstraße ist ein Vorzeigeprojekt in Sachen Selbstverwaltung geworden. Es kommt ohne Nichtregierungsorganisationen aus, ohne staatliche Unterstützung und die Bevormundung durch Behörden. Elias Chronopoulos ist einer der griechischen Aktivist*innen, die damals die Schlösser knackten, um dem leer stehenden Hotel wieder Leben einzuhauchen. Als im Sommer 2015 mehr und mehr Geflüchtete in griechischen Zelt- und Containerlagern landeten, war Chronopoulos zusammen mit tausenden anderen Ehrenamtlichen rund um die Uhr unterwegs und versuchte, dabei zu helfen, das Leben so erträglich wie möglich zu machen.

»Wir haben schnell gemerkt, dass es das Wichtigste ist, dass die Menschen aus den Lagern herauskommen«, erinnert sich der 31-jährige Grieche und fährt sich durch die langen dunklen Haare. Sein Blick ist entschlossen, aber freundlich. Natürlich sei die Besetzung des Hotels nicht legal, umso mehr aber legitim findet Chronopoulos. Trotz des vielen Leerstandes in Städten wie Thessaloniki oder Athen seien die Behörden dennoch nicht dazu bereit gewesen, vernünftigen Wohnraum zur Verfügung zu stellen. Deshalb nehmen linke Aktivist*innen und Geflüchtete die Suche nach einer menschenwürdigen Bleibe selbst in die Hand. Allein in der griechischen Hauptstadt gibt es acht besetzte Gebäude, in denen geflüchtete Menschen leben.

Auch im City Plaza sei die Unterbringung von geflüchteten Menschen aber nur eine Notlösung, trotz aller anarchistischer Besetzungsromantik, das betonen Aktivist*innen des Projektes immer wieder. Das Gebäude hat 160 Zimmer, teilweise teilen sich ganze Familien ein Zimmer. Doch mit der Enge in anderen Häusern ist das nicht vergleichbar. Natürlich könnten in dem Haus noch mehr Menschen leben, erklärt Chronopoulos, doch dagegen entscheide man sich bewusst. Man wolle den Menschen, die hier leben, einen halbwegs geregelten Alltag bieten und wenigstens ein Stück weit Rückzugsmöglichkeiten. Es ist eine Entscheidung, die nicht leichtfällt. Jeden Tag stehen Geflüchtete vor dem Eingang des Plazas, die abgewiesen werden.

Die Besitzerin des Plazas hetze regelmäßig in den Medien gegen das Projekt, auch mit rechten Parolen, berichtet Chronopoulos. Und am Anfang hätte die Angstmache auch funktioniert, so der junge Grieche. Viele der Anwohner*innen des Viertels, in dem auch die rechtsradikale Partei Goldene Morgenröte bei Wahlen verhältnismäßig viele Stimmen einfängt, hatten befürchtet, dass die Kriminalität steigen werde, wenn Geflüchtete und Linke sich in dem Gebäude breitmachen. Bestätigt aber habe sich das nicht, das Gegenteil ist der Fall: »Als das Hotel leer war, da war alles dunkel und Dealer haben sich davor herumgetrieben, jetzt passen wir hier auf«, sagt Chronopoulos.

Auch die ehemalige Belegschaft des Hotels stehe auf der Seite der Besetzer*innen: Seit der Schließung des Hotels wurde den früheren Angestellten der Zugang zum Komplex und das zustehende Gehalt verwehrt. Das Inventar, also Möbel, Küchengeräte und technisches Gerät aber gingen in den Besitz der Belegschaft über, so will es die Gesetzgebung in Griechenland. Die Belegschaft entschied, das Inventar den Besetzer*innen zur Verfügung zu stellen.

Vielen, die im City Plaza leben, geht es um mehr, als nur einen Schlafplatz und eine warme Mahlzeit. »Hier kommen Menschen mit den verschiedensten Hintergründen zusammen«, berichtet ein deutscher Aktivist, der ebenfalls seit vielen Monaten an dem Projekt mitwirkt. »Wir leben hier nicht nur gemeinsam, sondern bauen auch eine solidarische und basisdemokratische Struktur auf«. Das Plaza schafft es, eine Verbindung zwischen politischen Kämpfen herzustellen, man bringt sich ein, wo es geht, protestierte beispielsweise gegen den umstrittenen Flüchtlingsdeal zwischen EU und Türkei.

Die Strukturen und die Versorgung im Plaza aufrechtzuerhalten kostet viel Zeit und Energie: An einem Mittwochabend treffen sich die freiwilligen Unterstützer*innen an der Bar, es geht um die Frage, wie die Strukturen im City Plaza verbessert werden können. Arbeitsgruppen werden gebildet, jemand schenkt Kaffee aus. Einige der Aktivist*innen stören sich daran, dass männliche Dominanz zu wenig angegangen wird, andere daran, dass Informationen nicht systematisch weitergegeben werden. Hierarchien sind eines der Themen, die bei Treffen immer wieder aufkommen. Im Essensraum hängen Tafeln, auf denen sich alle, die im Haus leben, zu Schichten eintragen können.

Zwei Mal im Monat wird zur Haus-Assembly gerufen, auf der Agenda stehen Punkte wie Regeln für Kinder oder Projekte wie die Umgestaltung des Hinterhofs des Hotels. In schwierigen Fällen wird in der Assembly auch über Konflikte zwischen Bewohner*innen gesprochen, abgestimmt aber wird nicht, es wird diskutiert, bis eine Lösung gefunden ist, mit der sich alle abfinden können. Aus den Diskussionen der Assembly entstehen Projekte wie der Women Space im obersten Stockwerk des Hotels, ein Rückzugsraum, zu dem nur Frauen Zutritt haben.

Lässt man den Blick durch den Womenspace schweifen, über selbstgestrickte Teppiche, Tücher an den Wänden und die Farbtuben und Bücher in den Schränken, dann merkt man, wie der Stress abfällt, das Kindergeschrei verstummt - auch Kinder dürfen nicht in den Raum, damit die Mütter eine Verschnaufpause haben. Es hat sich ein Freiraum etabliert, in dem man gemeinsam Kunst und Sport machen kann, in dem sich Frauen zurückziehen und öffnen können. In diesem Zusammenhang fällt immer wieder das Wort Empowerment, also Selbstbemächtigung. Viele Frauen hätten durch den eigenen Freiraum ein stärkeres Selbstbewusstsein entwickelt, erklärt die Aktivistin Helene.

Auch Farlan kommt regelmäßig in den Frauenraum, besucht dort Yogastunden und Englischkurse. Für sie ist der Womenspace auch ein Ort, an dem sie versucht, abzuschalten, sich abzulenken. Eigentlich will die 53-Jährige nach Deutschland, dort leben Tochter und Sohn. Die beiden wollten Farlan bereits in Athen besuchen, doch einen Besuch mit anschließender erneuter Trennung würde sie nicht aushalten, erklärt die Asylbewerberin, wiedersehen wolle sie ihre Kinder erst, wenn sie wirklich wiedervereint seien.

Doch der Weg bis dahin ist lang. Die rechtliche Lage für Geflüchtete, welche an den Inseln vor Griechenlands Küste ankommen, ist schwierig. Das Asylverfahren muss abgeschlossen sein, bevor man die Insel verlassen darf, viele geflüchtete Menschen aber verstoßen gegen diese Regel, weil sie es in den überfüllten und dreckigen Camps nicht mehr aushalten. Und eigentlich müsste auch Farlan zurück auf die Insel, bis das Asylverfahren beendet ist, das aber werde sie nicht tun. »Ich würde eher sterben als dorthin zurückzugehen.«

Die ständige Debatte um die Räumung gerät in Anbetracht alltäglicher Aufgaben in der Plaza in den Hintergrund, doch sie schwebt wie ein Damoklesschwert über dem bunten Treiben. Die Aussichten sind nicht gerade rosig. Jeweils ein Geflüchtetensquat in Thessaloniki und Athen wurden im vergangenen April bereits mit Gewalt geräumt. Auf die Frage nach der befürchteten Räumung des Plaza reagiert Elias Chronopoulos halb widerspenstig halb zuversichtlich: »Wir machen weiter, wenn nicht hier, dann woanders«.

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