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»Selbst aus der Depression wird noch Wert geschöpft«

Die Berliner Rapgruppe Zugezogen Maskulin spricht über die DDR, die Entfremdung und den Like-Magneten

  • Von Sebastian Bähr
  • Lesedauer: 8 Min.

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Euer Name »Zugezogen Maskulin« ist eine Persiflage auf zwei alte Rapgruppen. Dennoch die Frage: Zählt ihr auch Frauen zu eurer Zielgruppe?

Testo: Natürlich. Tatsächlich haben wir im Vergleich mit anderen Rapgruppen schon eine recht gute Quote. Frauen sind bei unseren Konzerten herzlich willkommen. Frauen sind auch Menschen. (lacht)

Tatsächlich antifeministisch ist ja die AfD. Wenn man den Wahlerfolg der Rechtsaußenpartei betrachtet: Braucht es jetzt mehr linke Propaganda im Rap?

Testo: Antifaschismus ist im Rap veranlagt, es ist in der Subkultur egal, wo du herkommst. Wenn Musiker den politischen Gedanken von sich aus noch mal aufgreifen, ist das cool, aber ich gehe nicht herum und sage, ihr müsst jetzt diese Partei bekämpfen. Das macht sie nur größer, als sie ist.

Habt ihr Theorien, warum Bushido während des Wahlkampfes mit der AfD-Spitzenpolitikerin Beatrix von Storch Fotos gemacht hat?

Grim104: Ich glaube, das war ein kalkulierter Aufreger. Allen Beteiligten muss man zugestehen, dass sie dieses Marketinginstrument beherrschen.

Stichwort Gangster-Rap: Einige jüngere Auseinandersetzungen im HipHop wurden auch im Feuilleton diskutiert, etwa die Frage, ob Kollegah oder Haftbefehl Antisemiten sind. Wie nehmt ihr das Niveau der Debatte wahr?

Testo: Sexismus und Antisemitismus im Rap werden häufig problematisiert. Es sind Themen, die angesprochen und behandelt gehören. Ich habe jedoch das Gefühl, dass auch viel Gutes am Rap verkannt wird. Ein Künstler wie Haftbefehl zum Beispiel lässt eine Feuilleton-Mehrheitsgesellschaft teilhaben an einer Welt, die sie sonst nie kennenlernen würde, die aber auch zu Deutschland gehört. Rap liefert eine Vervollständigung des Bildes. Darüber hinaus ermöglicht er auch kulturelle Teilhabe für Menschen, die keine Hipsterbrillen und Seitenscheitel tragen.

Auch Battle-Rap sorgt öfter für Irritationen im Feuilleton. Darf man aus linker Sicht eine Kunstform mögen, in der fast zwangsläufig beleidigt wird?

Testo: Aus meiner persönlichen Sicht kann ich das geil finden. Ich kann differenzieren, dass es eine Kunstform ist, in der ein bestimmtes Vokabular in einem bestimmten Kontext genutzt wird. Das andere ist die Gesellschaft, in der ich klar dafür bin, dass Menschengruppen nicht ausgegrenzt werden dürfen. Das scheint widersprüchlich, aber ich glaube, dass es normal ist, dass nicht alle Ideale, die man besitzt, sich in allem wiederfinden lassen, was man konsumiert. In dem Sinne kann man auch Sachen lustig oder interessant finden, die nicht zu tausend Prozent auf der eigenen weltanschaulichen Linie liegen. Aber sicher gibt es guten und schlechten Battle-Rap. Wenn zwei Typen sich gegenüberstehen und Mutterwitze austauschen, ist das einfach nur affig.

Ihr selbst lasst euch nur bedingt dem klassisch linken Zeckenrap zuordnen. Verwirrt das einige Fans?

Grim104: Natürlich macht es das schwierig, wenn Leute uns in eine strikte Schublade einordnen, etwa Polit-Rap, und dann irritiert sind, dass es noch eine Themenwelt abseits davon gibt und nicht alle Aspekte des menschlichen Lebens unter der Richtlinie Erstsemester Soziologie durchnormiert sind. Ich finde es so aber angenehmer, es macht die Kunst interessanter.

Auf eurem neuen Album »Alle gegen Alle« spielt das Thema Entfremdung eine große Rolle, sowohl von euren Herkunftsorten Stralsund und dem norddeutschen Dorf als auch von den Hipsterblasen Berlins. Welche Orte, Momente, Situationen stellen Bezugspunkte für euer Leben dar?

Grim104: Ich fühle mich zu Hause, wenn ich in Nordberlin auf einem Friedhof spazieren gehe, da bin ich mit mir im Reinen. Ich spüre dieses Gefühl auch bei einem coolen eigenen Konzert oder wenn ich meine Eltern in Norddeutschland besuche und an einem verlassenen Baggersee entlanglaufe.

Testo: Ich würde es gar nicht an einem Ort festmachen. Ich strebe wie jeder Mensch danach, mich wohl- und authentisch zu fühlen. Weil dieses Man-selbst-Sein ständig angegriffen wird, hilft es mir, mich zurückzuziehen. In diesen Momenten bin ich bei mir.

Testo, gerade in dem Stück »Steine und Draht« setzt du dich mit der DDR und dem Aufwachsen in Mecklenburg-Vorpommern der Nachwendejahre auseinander. Wie ist deine Beziehung zu diesem Stück Land und seinen Menschen?

Testo: Es ist eine zerrissene, widersprüchliche Beziehung. Es hat ja seine Gründe, dass die meisten Menschen aus Stralsund, die ich kenne, weggezogen sind. Peter Richter hat in seinem Roman »Blühende Landschaften« formuliert, dass man erst richtig Ostdeutscher wird, wenn man im Exil lebt und mit Vorwürfen, etwa über die Nazis im Osten, konfrontiert wird. Auf der einen Seite will ich die Menschen hier beschützen, aber auf der anderen Seite sehe ich auch die Probleme. Es hilft jedoch niemandem, wenn man nur auf den Symptomen herumhackt.

Was hat diese hervorgerufen?

Testo: Am Anfang gab es in der DDR viele Träume und Hoffnungen, ein besseres, ein neues Deutschland aufzubauen. Das wurde dann ausgenutzt von der Elite einer Partei, die ein ganzes Volk wie Kleinkinder behandelte. Die Menschen verloren dadurch den Glauben an eine bessere Gesellschaft und haben seitdem das Gefühl, dass sie doch nur immer wieder verarscht werden. Dazu kam der ökonomische Niedergang. Ein Land, das nie richtig Monopoly spielen gelernt hatte, wurde plötzlich auf den Markt geschmissen und ging dort erst mal unter. Die Leute, die mehr wollten, die Sensiblen, die Künstler, die Intelligenten, sind damals wie heute geflohen. Diese Entwicklungen sind eine riesengroße Tragödie, und ich muss auf mich selbst aufpassen, über diese Gedanken nicht zu verbittern.

Was kann man dagegen machen?

Testo: Der Ansatz der Punkband Feine Sahne Fischfilet geht in die richtige Richtung. Sie zeigt den Jugendlichen in den ostdeutschen Kleinstädten mit Auftritten, dass sie nicht alleine sind und es noch Menschen gibt, die sich um sie kümmern. Das muss aber von der Politik kommen und nicht von einer Band.

Grim104, du hast zuvor davon gesprochen, dass du gerne auf Friedhöfen spazieren gehst. Warum?

Grim104: Das ist einfach eine ganz praktische Frage. Auf dem Friedhof sind wenig Menschen, da werde ich in Ruhe gelassen. 2016 konnte ich hier zudem richtig schön in meiner Abgefucktheit und schlechten Laune baden.

Warum warst du schlecht gelaunt?

Grim104: Mich hat zum einen das Weltgeschehen deprimiert, also das große Scheißjahr 2016. Dann ein paar private Sachen, Familienmitglieder sind gestorben. Auch das Gefühl nach dem letzten Album spielte eine Rolle. Erst lieben einen alle, und dann merkt man, dass das halt nicht die aufrichtigste Liebe ist, die einem in drei Monaten Promo-Phase entgegengebracht wird. So etwas muss man erst lernen. Das alles hat dazu geführt, dass das Album zumindest stellenweise sehr düster geworden ist.

In dem Track »Müder Tod« spielt das Thema Depression eine große Rolle. Kann man heutzutage offen darüber sprechen?

Grim104: In der Subkultur, in der wir uns bewegen, wird zwar der Herkunftsgedanke negiert, der Leistungsgedanke steht dafür jedoch doppelt und dreifach im Vordergrund. Man muss was leisten, was schaffen und verwertbar sein. In diesem Kontext abseits von Floskeln oder Plattitüden über das Thema zu sprechen, ist schwierig. Selbst Depression eignet sich mittlerweile als Like-Magnet für Instagram. Selbst daraus kann man noch Wert schöpfen.

Testo: An den sozialen Medien erkennt man, wie dieses Konkurrenzdenken, das früher nur im Beruf existierte, nun auch im Privatleben stattfindet. Jeder muss zeigen, dass er ein cooler, glücklicher, entspannter Mensch ist, denn das bringt die meisten Likes. Die unsympathische Seite wird nicht abgebildet. Diese dadurch imaginierte Mainstreamkultur schlägt dann sämtliche Kritik, was wir auch selbst merken. Während des Schreibprozesses war ich zum Teil eben wütend, aber in Interviews wurde ich dann nach dem Warum gefragt - es sei doch alles cool in diesem Land. Das führt ja gerade zu Depressionen, wenn man das Gefühl hat, dass für die eigene Trauer kein Platz ist.

In euren Texten geht es oft um Menschen, die sich inszenieren. Was ist der Unterschied zwischen eurer Idee von Authentizität und der kapitalistischen Idee von Authentizität?

Grim104: Meine persönliche Idee von Authentizität sind die nicht verwertbaren Dinge von mir, also meine Abgefucktheit, meine Bösartigkeit, mein Egoismus, alles das, was in mir schlummert. Die Idee des Kapitalismus in unserem Fall sind zwei Männer in Wollpullovern und mit halblangen Haaren, die zusammen im Wald eine Hütte bauen und dabei Jever-Bier trinken.

Angesichts der Anspielung auf einen zynischen Sozialdarwinismus, der in eurem Albumtitel mitschwingt: Gibt es Ideen von Kollektiv und Zusammenhalt, die euch interessieren?

Grim104: Es gibt einen Haufen soziale Bewegungen, wo ich mir denke: Das ist doch schön. Das findet sich auch im Kleinsten bei bestimmten Bands oder in Orten, die nie für die Mainstream-Öffentlichkeit interessant waren. Natürlich ist vieles abgefuckt und scheiße. Wenn man aber zu dem Schluss kommt, dass die andere Seite gewonnen hat, braucht man auch keine kritische Musik mehr zu machen oder »neues deutschland« zu lesen. Es gibt immer einen Lichtstrahl am Himmel.

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