Das waren die Grünen – das und noch viel mehr

Mit Jamaika haben sich die Grünen doch endgültig von ihren linken Wurzeln entfernt

  • Von Roberto J. De Lapuente
  • Lesedauer: 4 Min.
Gibt es bald eine Jamaika-Koalition aus CDU/CSU, FDP und Grünen?
Gibt es bald eine Jamaika-Koalition aus CDU/CSU, FDP und Grünen?

Dieser Tage scheint für viele Beobachter eines ganz deutlich zu werden: Das linke Projekt der Grünen ist jetzt endgültig im Eimer. Man hat das ja schon lange vermutet, ja auch an politischen Entscheidungen oder Unterlassungen erkennen können, aber nun, da man mit der Union und der FDP auf Bundesebene über eine Koalition plaudere, ist eine Sache wirklich kein Bauchgefühl mehr: Die Grünen sind nicht mehr links. Ach ja? Man darf den Grünen jetzt bitte nur nicht unterstellen, wie es so viele Verärgerte tun, sie hätten einen gravierenden Selbstverrat begangen.

So einfach ist die Angelegenheit nämlich nicht. Die Grünen waren ja nie als spezifisch linkes Projekt ins Leben gerufen worden. In Zeiten der Parteigründung fanden sich Menschen verschiedener sozialer Herkünfte ein, um Ökologie und Pazifismus in die Parteienlandschaft zu tragen. Da waren (ehemalige) K-Gruppen-Leute ebenso dabei, wie Menschen, die die Natur gottesfürchtig als »die Schöpfung« bezeichneten. Progressive und Konservative gaben sich die Hand. Dummerweise leider auch Leute, die eher aus dem völkischen Spektrum stammten. Rechtsextreme versuchten kurzfristig auch mal Fuß zu fassen. Der rechte Flügel verabschiedete sich aber schon recht früh, weil ihm die Partei zu links wurde.

Aus deren Sicht stimmte das wahrscheinlich sogar. Links von der Rechten sieht alles links aus, selbst wenn es mittig oder eben nur halbrechts ist. Die eher Konservativen, die Schöpfungsbewahrer mit christlichem Weltbild und bürgerlicher Wertevorstellung, Leute wie Winfried Kretschmann zum Beispiel, blieben aber in der Partei präsent und prägten deren Image mit. Der Streit zwischen ökosozialistischen Linken und allen anderen Fraktionen in der Partei, die man unter dem Label »Realos« erfasste, sollte noch ein Weilchen auf sich warten lassen. Erst Anfang der Neunzigerjahre wichen die Fundis dann den Realos.

Die Mär will es, dass ab 1991 die Grünen anfingen, ihr linkes Erbe zu verraten. Das war, als die Ökosozialisten aus der Partei austraten. Dieses linke Erbe war aber nur eines von vielen. Stets schwangen im grünen Protest auch christliche Motive mit. Es gab Stimmen, die den großen Umsturz wollten, aber auch solche, die Reformen für machbar hielten. Man fand auch grüne Gründungsmitglieder, die eben nicht der Ansicht waren, dass Schwangerschaftsabbruch eine Entscheidung sei, die man einfach mal so treffen sollte; die zudem kein Problem mit den kapitalistischen Strukturen und Hierarchien hatten. Diese Leute gehören mindestens so zum grünen Erbe wie auch die Parteilinken.

Zwar beschreibt die Mitbegründerin der Grünen Jutta Ditfurth diese Abläufe und Vielfältigkeit auch in ihrem Buch »Das waren die Grünen«, aber am Ende destillierte sie ein Parteibild, das kaum haltbar ist. Sie stellt es nämlich so dar: Die Grünen waren immer links, bis sie sich selbst verraten haben. Als das geschah, war sie persönlich freilich raus aus der Nummer. Diese Vorstellung von den Grünen hat sich etabliert. Unterstützt wurde die These ja auch von der öffentlichen Wahrnehmung ganz generell - und von den Ökovölkischen um Springmann und Gruhl, für die die Partei ja zu links war.

Die Partei war von ihrer Anlage her jedoch immer nach allen Seiten offen. Dass sie irgendwann sichtbar im konservativen Lager angelangt, war vielleicht nicht vorprogrammiert, aber zumindest nie ausgeschlossen. Denn die Grünen waren niemals eine geschlossene ökosozialistische Plattform, die dann überrannt wurde. Man hatte wohl ein gemeinsames Ziel, schwammig formuliert: eine bessere Welt – aber bei den Idealen und Wertevorstellungen lagen zwischen den Mitgliedern von Anfang an Welten. Was übrigens normal ist: Parteien sind streitbar und sollten es auch sein.

Dieser Tage liest man viel von dieser Ditfurth-Mär. Dabei ist es nur wenigen bewusst, dass sie ihre Bedenken zu den heutigen Grünen, auf Frau Ditfurths Deutungshoheit bei der Analyse grüner Angelegenheiten gründen. Sie beschrieb ja im Titel ihres Buches, dass das die Grünen waren. Aber die Grünen waren nicht nur das – sie waren auch was anderes. Sie waren offen für alles. Ihre heute ausgelebte Beliebigkeit ist eine historische Konsequenz, Erzeugnis eines Prozesses, in dem viele soziale Gruppen mitgewirkt haben.

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