Der verweltlichte Blick

Michel Clévenot berichtet in seiner Reformation von unten nicht nur über Luther, sondern auch Müntzer, Calvin und Co.

  • Von Helge Buttkereit
  • Lesedauer: 4 Min.
So viel Luther war noch nie: Kunstinstallation von Ottmar Hörl auf dem Marktplatz von Wittenberg vor sieben Jahren
So viel Luther war noch nie: Kunstinstallation von Ottmar Hörl auf dem Marktplatz von Wittenberg vor sieben Jahren

An Martin Luther kam in diesem Jahr niemand vorbei. Sein Konterfei ist überall zu sehen, und es gibt ihn mittlerweile sogar als Playmobilfigur zu kaufen. Die evangelischen Kirchen versehen derzeit so gut wie alle ihre Aktivitäten mit dem Namen des Reformators oder dem 500. Jubiläum der Reformation. Inhalt muss nicht sein. Natürlich sind auch die Buchläden voll mit Büchern über Luther, für Luther, gegen Luther. Große Wälzer stehen neben kleinen Einführungen, und auch der Markt der Kochbücher wird bedient. Wo wir wieder beim Thema Inhalt wären. Davon gibt es im kleinen Bändchen mit Texten des bereits 1993 verstorbenen Kirchenhistorikers Michel Clévenot genug. Es droht im übervollen Bücherregal des Jubiläums unterzugehen. Das wäre schade.

Aus Clévenots vielbändiger Geschichte des Christentums sind in dem hier vorzustellenden neuen Bändchen einige Texte über Reformatoren und die Reformation zusammengestellt. Die Lektüre lohnt. Clévenots so bezeichnete »materialistische Bibellektüre« bietet eine interessante Perspektive. Neben Texten über Luther, Thomas Müntzer und Erasmus von Rotterdam stehen auch solche über die Reformation in Genf und Straßburg, das Konzil von Trient als eine katholische Antwort auf die Reformation sowie die Bartholomäusnacht, das Massaker an französischen Hugenotten 1572.

Die »materialistische Bibellektüre« versucht, hinter die Fassade zu schauen und die wirklichen Triebkräfte der Geschichte zu erfassen. Clévenot wählt den Blickwinkel »von unten«, wie Bruno Kern in der Einleitung feststellt, und legt so manches frei, was in den herkömmlichen kirchengeschichtlichen Abhandlungen unterbelichtet bleibt. Damit holt der Franzose Luther in die Geschichte zurück, im Jubiläumsjahr sehr wichtig.

Die Reform der Kirche stand schon längst auf der Tagesordnung, war aber immer wieder verschoben worden. Luthers Thesen gegen den Ablass, gegen die Missstände der alten Kirche, trafen auf fruchtbaren Boden. Gleichzeitig bewegte sich der Mönch und Universitätsprofessor in einem politischen Umfeld, in dem er selbst und letztlich seine Theologie zum Spielball der verschiedenen Kräfte wurden. Er war gefangen zwischen Papst, Kaiser, König von Frankreich und dem vielleicht reichsten Menschen aller Zeiten, Jakob Fugger, der mit seinem Vermögen 1519 die Wahl Karls V. zum römisch-deutschen König und Kaiser ermöglichte.

In diesem Umfeld entstand Luthers Interpretation der Zwei-Reiche-Theorie. Er trennte das weltliche und das geistliche Regiment und ließ somit die Theologie scheinbar aus der Zeit fallen. Die Rechtfertigung des Menschen allein durch den Glauben an Jesus Christus löste diesen von der Kirche mit ihrer Tradition und ihren Sakramenten. Gleichzeitig öffnete sie neue Möglichkeiten der Einflussnahme für die politisch Mächtigen der Gegenwart. Denn Luthers Lehre von der strikten Trennung des göttlichen und des weltlichen Reiches war ganz im Sinne der Fürsten. Der gemeine Mann soll glauben und die Unterdrückung durch die Herren ertragen. Dem gemeinen Manne sei das Gemüt zu stillen, zitiert Clévenot den deutschen Reformator, dass er sich vom Aufruhr enthalte.

Nach dem Bauernkrieg habe Luther seinen Platz an der Seite der Herren endgültig gefunden und dabei auch - so Clévenot ganz entgegen den aktuellen Lobeshymnen auf den angeblichen Wegbereiter der Demokratie - die Chancen einer vom städtischen Bürgertum getragenen demokratischen Tradition aufs Spiel gesetzt. Es ist bestenfalls mit Clévenots französischem Blick zu erklären, dass er dabei die anderen demokratischen Traditionen Deutschlands übergeht, die sich gerade im Bauernkrieg zeigten. Zusammenfassend schreibt er, dass sich in Luthers Lehre von den zwei Reichen »ein leicht abgehobener Spiritualismus und der Staatsabsolutismus« gegenüberstünden. Mit der Erfahrung von 500 Jahren Reformation kann man heute vielleicht sagen, dass die evangelisch-lutherische Kirche so gut wie jedem Staatsmodell relativ problemlos folgen konnte. Einen Kulturkampf, wie ihn die katholische Kirche mit Bismarck führte, sucht man beispielsweise in ihrer Geschichte vergebens.

Wie im Falle Luthers gelingt es Clévenot auch bei den anderen Reformatoren die jeweilige Theologie in die politischen Umstände einzuordnen, ohne sie dabei gänzlich zu verweltlichen. So bleibt die Bibel, wie der Franzose mit Bezug auf Thomas Müntzer schreibt, als Botschaft der Befreiung bestehen - trotz Luther, der Freiheit nur in den Grenzen des fürstlichen Absolutismus denken konnte.

Michel Clévenot: Luther, Müntzer, Calvin und Co. Machtpolitik und Glaubenseifer in der Reformation. Topos Verlag. 108 S., br., 8,95 €.

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