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Schlimmer geht immer

Nach dem Antisemitismusskandal vom Wochenende boykottieren rechte Lazio-Rom-Ultras am Mittwochabend das Gedenken an Anne Frank

  • Von Jirka Grahl
  • Lesedauer: 4 Min.

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Wenn Zehntausende schreien und pfeifen, kann man es nur mit Symbolik versuchen: Am Dienstag und Mittwoch liefen alle Mannschaftskapitäne in der italienischen Fußballliga Serie A mit Büchern in den Händen auf. Nach einer Schweigeminute lasen sie auf Geheiß des italienischen Fußballverbandes ein paar Zeilen aus dem Tagebuch der Anne Frank vor: »Ich sehe, wie die Welt langsam immer mehr in eine Wüste verwandelt wird, ich höre den anrollenden Donner immer lauter, der auch uns töten wird, ich fühle das Leid von Millionen Menschen mit. Und doch, wenn ich zum Himmel schaue, denke ich, dass sich alles wieder zum Guten wenden wird, dass auch diese Härte aufhören wird, dass wieder Ruhe und Frieden in die Weltordnung kommen werden.«

Das 1945 im KZ Bergen-Belsen ermordete jüdische Mädchen spielte unfreiwillig eine Hauptrolle in diesem jüngsten Antisemitismusskandal des italienischen Fußballs: Fans von Lazio Rom hatten am Sonntag Klebebildchen an Wänden der Südkurve des Stadio Olimpico in Rom angebracht, die versehen waren mit dem Antlitz des jüdischen Mädchens in einem Trikot des Erzrivalen AS Rom. Daneben prangten homophobe und antisemitische Begleitaufkleber: »Romanista ebreo!« beispielsweise: »Jüdischer Roma-Fan!«

Schlimm genug, dass unter Fußballfans - nicht nur in Italien - das Jüdischsein regelmäßig zum Zwecke der Verächtlichmachung eingesetzt wird. Doch die Lazio-Fans waren am Sonntag überhaupt nur auf der Südtribüne zugegen, weil ihnen zuvor der Besuch der angestammten »Curva nord« vom italienischen Fußballverband untersagt worden war - eine Tribünensperre wegen rassistischer Ausfälle.

Für den Zugang zur Südkurve des Olympiastadions, die üblicherweise das erklärte Stammland der verhassten Anhänger des AS Rom ist, hatte Lazios Klubpräsident Claudio Lotito gesorgt: Der hatte Tickets für die »Curva Sud« zum Preis von einem Euro an Dauerkarteninhaber der Nordkurve verkaufen lassen. Ein klares Zeichen, wie ernst Lotito das Thema Rassismus in seinem Klub nimmt: gar nicht.

Doch zumindest in Sachen Scheinheiligkeit ist Lotito ein ganz Großer: Nach dem Bekanntwerden der Anne-Frank-Schmähungen im Olympiastadion zeigte sich Lotito schwer empört. Am Dienstag ließ er sich von zwei Spielern zur Großen Synagoge Roms begleiten, wo er an einer Holocaust-Gedenktafel einen Kranz niederlegte, mit Schleifen in den Vereinsfarben Weiß und Himmelblau - »für unsere jüdischen Brüder«. Von nun an werde Lazio jedes Jahr 200 Fans in die Gedenkstätte Auschwitz schicken, kündigte Lotito an.

Tags darauf lag der Lazio-Kranz schon nicht mehr vor der Synagoge sondern am Ufer des Tiber. Unbekannte hatten ihn entsorgt. Vielleicht auch, weil die Lokalzeitung »Il Messagero« einen Mitschnitt von Claudio Lotitos Worten auf dem Weg zur Kranzniederlegung veröffentlichte? »Lass uns dieses Theater hinter uns bringen!«, sagt der Lazio-Boss in der Tonsequenz zu einem Mitarbeiter.

Als Lotitos Angestellte schließlich am Mittwochabend beim FC Bologna aufliefen, erwärmten die Spieler sich pflichtschuldig in Anne-Frank-Trikots. »Nein zu Antisemitismus!« stand da in großen Lettern. Im Stadion wurden Flyer verteilt, auf denen »Si amo tutti Anna Frank« stand: »Wir sind alle Anne Frank.«

Doch waren alle Anne Frank? Während die Gedenkzeremonie lief, hatten etliche Lazio-Fans ihre Plätze auf der Gästetribüne noch nicht eingenommen. Erst nach dem Ende der Schweigeminute erschienen sie, einige stimmten erneut faschistische Gesänge an. »Eine Schande« sollte »Gazzettta dello Sport« später dazu schreiben. Andere streckten die Hand zum Hitler-Gruß aus, den Neonazis in Italien gern als »Römischen Gruß« verharmlosen.

Die Lazio-Kurve ist seit Jahrzehnten als Hort für Neonazis bekannt, spätestens seit dem Hitlergruß des damaligen Kapitäns Paolo di Canio im Jahr 2005. Mittlerweile ist allen Beteiligten bewusst, dass der gesamte »Calcio« ein schwerwiegendes Problem mit extremen Rechten hat. laut einer Studie des Innenministeriums stehen von 382 Ultragruppen mit insgesamt 40 000 Mitgliedern immerhin 85 am äußersten rechten Rand.

Kein Wunder also, dass am Mittwochabend auch beim AS Rom heimische Hooligans die Gedenkzeremonie störten. Und in Turin, wo Rekordmeister Juventus gegen Spal antrat, stimmten die Fans einfach die italienische Nationalhymne an. Die Worte der Anne Frank waren nicht mehr zu verstehen.

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