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Am Anfang war das Ei

Vor 60 Jahren ging im bayerischen Garching der erste Atomreaktor der Bundesrepublik in Betrieb

  • Von Sabine Dobel, Garching
  • Lesedauer: 3 Min.

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Der älteste »Patient« war eine römische Gottheit. Die bronzene Merkur-Figur aus dem zweiten Jahrhundert nach Christus stammte aus einer Ausgrabung in Franken und landete im Jahr 2009 im Forschungsreaktor Garching. Sie wurde dort per Neutronen-Tomographie untersucht. Ergebnis: Merkur ist hohl und seine Beine wurden nachträglich angesetzt - Indizien für eine antike Massenproduktion.

Der Forschungsreaktor FRM II im bayerischen Garching wird von der Technischen Universität München (TUM) betrieben und dient Wissenschaft, Industrie und Medizin als Neutronenquelle. Hier wird Material untersucht und Grundlagenforschung in verschiedensten Bereichen betrieben. Bestimmte Tumore wie Kehlkopf- oder Hautkrebs werden behandelt und Radio-Isotope für Diagnostik und Therapien hergestellt.

Der knapp 435 Millionen Euro teure FRM II war im Juni 2004 eröffnet worden und ersetzte den FRM I - das Atom-Ei. Benannt nach seiner 30 Meter hohen Kuppel war FRM I am 31. Oktober 1957 als erster Atomreaktor der Bundesrepublik Deutschland in Betrieb gegangen. »Am Atom-Ei sind die Grundlagen dafür gelegt worden, dass Europa bei der Forschung mit Neutronen heute führend ist«, sagt Prof. Winfried Petry, wissenschaftlicher Direktor des FRM II. Garching sei eine der wichtigsten Neutronenquellen in Europa. Die Anlage sei damals »im großen Einverständnis mit der Bevölkerung« gebaut worden. Noch im Januar 1957 beim Richtfest von FRM I gab es kaum Vorbehalte gegen Kerntechnik. Bald darauf sah die Lage schon etwas anders aus. Drei Wochen vor dessen Eröffnung am 31. Oktober 1957 brannte es im britischen Kernkraftwerk Sellafield, Radioaktivität wurde frei und verteilte sich bis zum europäischen Festland. Zwar gab es laut Petry weder im FRM I noch im FRM II je einen echten Störfall. Doch spätestens nach Tschernobyl 1986 formierte sich scharfer Protest gegen Atomenergie - und damit auch gegen den späteren Bau des FRM II.

Der neue Reaktor war nicht zuletzt umstritten, weil er mit hochangereicherten Uran betrieben wird. Gegner kritisieren, es handele sich um atomwaffentaugliches Material. Petry sagt hingegen: »Wir setzen hochangereichertes Uran ein, das aber eben nicht atomwaffenfähig ist.«

Die Neutronenquelle dient zum Großteil der Grundlagenforschung. Physiker kamen hier einer neuen Form magnetischer Ordnung auf die Spur. Sie biete bei der Datenverarbeitung Chancen zu einer noch dichteren Informationsspeicherung. Etwa ein Drittel der Kapazität des FRM II wird von Medizin und Industrie genutzt. Die Analysemöglichkeiten kommen in Luft- und Raumfahrt, Umwelttechnik und Chemie zum Einsatz - oder, wie im Fall des römischen Merkur, in Archäologie oder Kunstgeschichte.

Mit Neutronen lassen sich Materialien besser durchleuchten als mit Röntgenstrahlen. Automobilhersteller prüfen hier Motoren. Batterien werden getestet. »Wir machen die Chemie der Batterien im Betrieb sichtbar. Das ist der Schlüssel zur ihrer Verbesserung«, sagt Petry.

Gegner der Anlage sehen Sicherheitsmängel und fürchten bei Störfällen eine Freisetzung von Radioaktivität. Laut TUM ist das Reaktorgebäude aber wie kaum ein anderes gegen Blitzschlag, Hochwasser, Erdbeben und Explosionen gesichert. FRM II sei der einzige Forschungsreaktor weltweit, der mit seiner 1,80 Meter dicken Stahlbetonhaut auch Flugzeugabstürze abfangen könne - eine Auflage wegen des nahen Flughafens in Erding. Selbst bei einem Totalausfall der Kühlung, so wird vom TUM wird versichert, soll keine Gefahr drohen.

Nach ursprünglichen Auflagen des Bundesumweltministeriums sollte der Reaktor bis 2010 auf weniger angereichertes Uran umgerüstet werden. Doch dann wurde die Verwendung um acht Jahre verlängert - da laut TUM kein alternativer Brennstoff vorliegt. Benno Zierer von den Freien Wählern im Landtag kritisierte im Sommer, die Anlage werde wohl auch nach 2018 mit hochangereichertem Uran betrieben. »Die Bevölkerung ist von Anfang an für dumm verkauft worden.«

Sobald es eine Möglichkeit mit niedriger angereichertem Uran gebe, werde man umsteigen, verspricht der wissenschaftliche Direktor Petry. »Wir arbeiten hart daran.« Woher das hoch angereicherte Uran kommt, bleibt vertraulich. dpa/nd

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