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  • Von Christian Baron
  • Lesedauer: 2 Min.

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Im Theater gibt es ästhetisch kaum etwas, das es noch nicht gegeben hat. In halbwegs demokratischen Staaten wie Deutschland kann darum kaum mehr jemand an Tabus rütteln, provozieren und die Sittenwächter gegen sich aufbringen. Manchmal gelingt aber doch noch ein künstlerischer Grenzübertritt, der von der richtigen Seite einen Shitstorm erzeugt. Zum Beispiel dann, wenn eine Regisseurin ein Sprechtheater macht, in dem sie ihr Ensemble nicht sprechen lässt. Seit einigen Jahren setzt Susanne Kennedy überwiegend auf Playback: Laien sprechen den Text vorab ein, die Schauspieler treten maskiert auf die Bühne und bewegen die Lippen zu den Stimmen aus dem Off.

Viele Kritiker zeigten sich irritiert ob dieser formalen Experimentierfreude. »Das hat nichts mehr mit Theater zu tun!«, schimpften die einen. »Wie langatmig ist das denn?«, fragten die anderen. Eine dritte Gruppe konnte nicht mehr an sich halten vor Begeisterung. Gut für Kennedy, dass es sich dabei um die Tonangebenden handelte: 2014 war die 40-Jährige mit Marieluise Fleißers »Fegefeuer in Ingolstadt« erstmals zum Berliner Theatertreffen eingeladen und erhielt dort den »3sat-Preis«. Im Jahr darauf folgte eine erneute Einladung mit Rainer Werner Fassbinders »Warum läuft Herr R. Amok?« Dass sie im Mai 2018 wieder dabei sein wird, gilt als wahrscheinlich, denn ihre Adaption von Jeffrey Eugenides’ Roman »Die Selbstmord-Schwestern« sorgte bereits für Aufsehen. Alle drei Arbeiten realisierte Kennedy an den Münchener Kammerspielen. Von dort wechselte sie zu Beginn dieser Spielzeit zur Berliner Volksbühne. Unter der neuen Intendanz des Eventmanagers Chris Dercon darf sie ab dem 30. November ihren eigenen Text »Women in Trouble« inszenieren.

In dieser Woche wurde bekannt, dass Susanne Kennedy mit dem Europäischen Theaterpreis ausgezeichnet wird. Nach dem desaströsen Saisonstart ist es die erste gute Nachricht der Ära Dercon. Sollte er diese Frau am Haus halten können, wird es demnächst vielleicht häufiger frohe Botschaften aus dem umkämpften Theater am Rosa-Luxemburg-Platz geben.

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