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Mit Folter und Feuertod

Luther und der paranoide Hexenwahn: Die mörderische Dimension christlicher Frauenfeindlichkeit

  • Von Alexsander Bahar
  • Lesedauer: 4 Min.

Neben der ebenso wortgewaltigen wie exzessiven Hetze gegen Juden, Türken und aufständische Bauern gehört die Befürwortung der Verfolgung von Ketzern und sogenannten Hexen zu den finsteren Seiten des Wittenberger Reformators. Mit Martin Luthers Verhältnis zur Hexerei und zu den Hexen setzt sich derzeit eine Sonderausstellung im Mittelalterlichen Kriminalmuseum Rothenburg ob der Tauber auseinander, zu der ein weiterführender Begleitband mit zahlreichen Abbildungen erschien.

Nach einer umfassenden Einführung von Museumsdirektor Markus Hirte zeichnet Wolfgang Schild die Entwicklung des Hexenglaubens nach und untersuchen Heinz Schilling und Günter Jerouschek Wechselwirkungen von lutherischer Theologie und Hexenwahn. Wolfgang Beutin erkundet die Einflüsse biografischer und individualpsychologischer Faktoren auf Denken und Handeln des Reformators, während die britische Historikerin Alison Rowlands am Beispiel Rothenburgs die Strukturen und Mechanismen aufzeigt, mit denen sich eine Stadt dem Hexenwahn zu entziehen vermochte. Arnd Koch und Verena J. Dorn-Haag widmen sich abschließend Kritikern und Gegnern der Hexenverfolgung.

Zu Luthers «Zeit hatte die Verfolgung der (vorgeblichen) Hexen noch nicht das epidemische Ausmaß erreicht, den Gipfel nicht erklommen, der erst ein Jahrhundert später» folgte (Beutin) und dem laut diesem Band 50 000 bis 100 000, nach anderen Hochrechnungen bis zu 300 000 Menschen zum Opfer fielen. Das sogenannte «elaborierte» Hexereidelikt umfasste nach Hirte fünf Vorwürfe: das Verüben von Schadenszauberei, das Eingehen eines Paktes mit dem Teufel, den sexuellen Verkehr mit dem Teufel (Teufelsbuhlschaft), den Flug durch die Luft sowie die Teilnahme am Hexensabbat. Der Ausgestaltung dieses Superverbrechens nahmen sich hauptsächlich «geistliche Würdenträger und Intellektuelle, vor allem Juristen» (Beutin) an. Mit der Bulle Ad extirpanda erlaubte Papst Innozenz IV. 1252 die Folter im Inquisitionsverfahren gegen Ketzer.

Wortgewaltigster Protagonist war Thomas von Aquin, der in seiner «Summa Theologiae» «eine umfassende Lehre zu Wesen und Hierarchie von Engeln und Dämonen» entwarf und «die Lehre von der Teufelsbuhlschaft» institutionalisierte (Hirte). Entscheidenden Anteil an der Ausformulierung des Hexereidelikts hatten der Dominikaner Johannes Nider mit seinem Predigerhandbuch «Formicarius» (um 1437/38) und der Dominikanerinquisitor und Konzilstheologe Nicolaus Jacquier (der spätere Papst Benedikt XII.) mit seinem Werk «Flagellum haereticorum fascinariorum» (1458). Papst Innozenz VIII. erließ 1484 die berüchtigte Hexenbulle «Summis desiderantes affectibus», die das Fanal zum Exzess gab, 1487 erschien der nicht weniger berüchtigte «Hexenhammer» des deutschen Dominikaners Heinrich Kramer, genannt Institoris. Er systematisierte den Wahn, der sich in geradezu paranoider Sexualisierung vor allem gegen Frauen richtete.

Wie stand nun Luther zum Hexenwahn? Es wird vermutet, dass der Reformator die Hexenfurcht von seiner Mutter übernommen hat. Jedenfalls bildeten die Zauberer, Zauberinnen und Hexen für Luther neben dem Teufel und dessen irdischem Stellvertreter, dem Papst (Antichrist) ganz erhebliche Hassobjekte. Von Luther sind mehr als 30 Hexenpredigten überliefert. Seine eindeutige Anweisung lautete, sie sollten getötet werden, so allein fünfmal in einer Predigt vom Frühjahr 1526. Frauen seien, so Luthers Begründung, «mehr als Männer den Superstitionen des Satans unterworfen». Luther forderte nicht nur die Tötung der angeblichen Hexen, sondern auch mehrfach deren Folter und Feuertod. Die weltliche Obrigkeit hielt er an, die angeblichen Hexen schärfer zu bestrafen, auch wenn sie keinen Schadenszauber verübten. Hexerei sei Abfall von Gott, Hexen und Zauberer begingen mit ihren magischen Praktiken ein «crimen laesae Maiestatis divinae», ein Majestätsverbrechen gegen die alleinige rechtmäßige Souveränität Gottes im Himmel wie auf Erden« (Schilling). Dass Luther an einzelnen Vorwürfen (Unzucht mit dem Teufel, Flug zum Hexensabbat) zweifelte und in konkreten Einzelfällen von einer Strafverfolgung abriet und stattdessen auf die heilende Kraft des »Glaubens« setzte, ändert nichts an seiner prinzipiellen Befürwortung der Todesstrafe für Hexerei.

Man vermisst leider in diesem Band eine gründliche Auseinandersetzung mit den materiellen und ideologischen Ursachen des Hexenwahns. Kaum thematisiert werden die kirchliche Sexualfeindlichkeit und der Frauenhass, die sich seit Beginn des 15. Jahrhunderts nachweislich noch verschärften und in der Hexenverfolgung manifestierten. Deren Ursachen lassen sich mittels der Psychoanalyse als klassische Projektion erklären. Die Hexenjagden beruhten demnach auf der projektiven Verfolgung von verbotenen sexuellen und aufrührerischen Wünschen in anderen Personen - eben den Hexen, die in der Fantasie des Kleriker und zum Teil auch der Bevölkerung für die Verwirklichung dieser verbotenen Wünsche standen.

Markus Hirte (Hg.): Mit dem Schwert oder festem Glauben. Luther und die Hexen. Theiss, 224 S., br., 19,95 €.

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